Nolde und die Blumen

Ich habe ein Bild gesehen, ein Bild von Nolde, den „Hülltoft Hof“. Es war zu Beginn des Jahres in Hamburg. Nun suche ich nach jenem Ort. Es ist ein sonniger Tag, leicht wie ein Sommerwind, kein Vergleich mit der Gewitterstimmung des Gemäldes.

Doch ich weiß, wie schnell das Wetter sich ändern kann, plötzlich ein heftiger Wind aufkommt und Berge von Wolken über das flache Land fegen. Mein Ziel ist die Nolde-Stiftung zwischen Niebüll und der dänischen Grenze. Hier hatten sich Emil und seine Frau Ada in den 20er Jahren niedergelassen. Sie hatten eine Warft für sich entdeckt und tauften ihren Ort Seebüll.

In der Mitte von Nichts

Ich fahre über die B5 in Richtung Grenze, biege dann nach Niebüll ab. Doch es ist zu früh, wie ich kurz darauf merke. Zwar sind „Museen“ ausgeschildert, doch diese gehören zu Niebüll und haben nichts mit dem Nolde-Museum zu tun. Nur ein Stück weiter hätte ich fahren müssen, dann links, die Stiftung ist schließlich ausgeschildert.

Es geht mitten durch die Pampa, nichts als Fennen, ein paar Höfe und Kühe, die mich neugierig anstarren. Die Farbe Grün dominiert. Je weiter ich von der Bundesstraße wegkomme, desto mehr habe ich den Eindruck, nie anzukommen. In der Mitte von Nichts schlackern Fahnen im Wind.

Ein schmaler Pfad führt über das weitläufige Grundstück und lässt mich die Landschaft noch einmal erleben. Jene nordfriesische Marschlandschaft, die seit einigen Jahren meine Heimat ist. Abseits der touristischen Ströme trotz Sommer, selbstzufrieden zwischen Vogelgezwitscher und Hummelgebrumm.

Es zirpt, brummt und summt.
Es zirpt, brummt und summt.

Ich brauche erst mal einen Kaffee und setze mich auf die Terrasse des neuen Gebäudes, das Kasse, Shop und Café beheimatet. Erstaunt sehe ich, dass es sogar möglich ist, hier zu frühstücken. Kleine Speisen wie nordfriesische Gerstengrütze oder Holsteiner Kartoffelsuppe stehen ebenfalls zur Verfügung, falls jemand zur Mittagszeit in Seebüll einfällt.

Nolde, der Gartenkünstler

Fast würde es für einen Ausflug schon reichen, einfach nur diese Ruhe hier draußen bei Kaffee und Kuchen zu genießen. Doch ich muss einfach wissen, wie die Noldes ihren Garten kreiert haben, noch ist die beste Zeit dafür. Es wimmelt nur so von Schmetterlingen und Hummeln in dieser üppigen Komposition aus Blüten, Pfaden und einem Teich.

Ein Garten wie ein Gemälde, ich muss an Monet denken. Die Seerosenbilder in der Pariser Orangerie. Zwar galt Nolde als Expressionist, hat sich aber gründlich mit dem Impressionismus auseinander gesetzt, und das gewiss nicht nur als Kind seiner Zeit. Das Interesse des Malers galt der Kraft der Farben, das wird schon im Garten klar.

Es grünt und blüht kreuz und quer. Mittendrin in der bunten Pracht ein reetgedecktes Häuschen, quasi mit der Funktion eines Strandkorbs. Darin konnten die Noldes schon ab dem Frühjahr frische Luft tanken, im Freien lesen, einfach mehr Zeit draußen verbringen. Egal ob bei Regen oder Wind.

Chillen wie einst Nolde
Chillen wie einst Nolde

„Seebüllchen“ nannten sie ihr Gartenhaus, so eine Mischung aus Südsee-Hütte und Friesenkate. Nolde soll hier viele seiner Blumenaquarelle gemalt haben, inspiriert von der „Reinheit dieser Farben“. Wer es nicht weiß, wird es nicht merken: Der Garten ist nach den Initialen des Ehepaares angelegt: AE in Form von Wegen.

Ich suche ein Bild

Die Architektur aus den 20er Jahren, das einstige Wohn- und Atelierhaus thront über dem Garten, es liegt auf der Warft. Jedes Jahr widmet die Stiftung eine andere Ausstellung dem Schaffen Noldes, dieses Jahr ist es sein Spätwerk. Viele Aquarelle sind darunter, von den Blumen, vom Meer und Fantasiefiguren, die „Ungemalten Bilder“. Aber auch großformatigere Gemälde in kräftigen Farben sowie die religiösen Werke.

Selfie mit Blau
Selfie mit Blau

Wieder suche ich nach dem einen Bild, dem ich mich widmen kann, doch ich finde es dieses Mal nicht. Zu sehr ist mir der „Hülltoft Hof“ aus Hamburg im Gedächtnis. Auch wenn Nolde das „Meer in seiner ganzen wilden Größe sehen und erfassen“ wollte, und mir das ein oder andere Bild vom Meer erzählt: Mein Bild ist dieses Mal nicht darunter.

Hülltoft Hof und Hülltoft-Tief

Vielleicht liegt es am Spätwerk, vielleicht am „Hülltoft Hof“, der sich zu stark gemacht hat, vielleicht an diesem Gesamtkunstwerk aus Garten, Architektur und Landschaft. Ich begegne dem originalen Hülltoft Hof, als ich das Museum wieder verlasse. Ein mächtiger, reetgedeckter Vierkanthof, der Nolde im Wechsel der Jahreszeiten zu zahlreichen Bildern inspiriert hat.

Der Hülltoft Hof gehört heute zur Stiftung.
Der Hülltoft Hof gehört heute zur Stiftung.

Fast bin ich schon wieder auf dem Weg nach Hause, als mir ein Schild ins Auge fällt: Hülltoft-Tief. Leicht überrascht, dass es sich hierbei wohl nicht um eine Wetterlage handelt, folge ich dem Schild. Kurz darauf stehe ich vor einem See, einer sogenannten Naturbadestelle. Niemand am Strand, weiter hinten nur ein Vater, der mit seinem Kind auf den See hinaus paddelt.

Ein Abendlicht, das Monet oder Nolde gefallen hätte. Nicht spektakulär, aber stimmungsvoll. Sommer mit Wolken. Und in der Ferne das Wohnhaus des Malers. Ich weiß, warum Künstler immer die besten Ecken finden. Folge dem Licht!

Am Hülltoft-Tief
Am Hülltoft-Tief

Text und Fotos: Elke Weiler

Und noch ein paar Infos:
Die Nolde-Stiftung in Seebüll ist vom 1. März bis 30. November geöffnet, täglich von 10 bis 18 Uhr. Zum Eintritt von acht Euro kann der Besucher den Garten und die Ausstellung besichtigen. Oder mit dem Kombiticket für insgesamt zehn Euro sowohl Nolde als auch das Kunstmuseet i Tønder im nahen Dänemark besuchen.

  1. Das ist ein sehr interessanter Tipp für mich als Gartenfan, liebe Elke. Schade, das ich erst im Oktober wieder dort oben in der Ecke bin. Dann ist der Garten ja schon beinah im Winterschlaf. Dennoch werde ich mir spontan überlegen, dort hin zu fahren.

    Danke für den Tipp und die schönen Bilder.
    Heike

    • Genau, überleg’s dir mal. Der Ort ist auf jeden Fall sehr schön! Und viele der Blumen gibt es in aquarellierter Form. 😉 Liebe Grüße, Elke

  2. Pingback: Selfie mit Landschaft | KulturNatur

  3. Was ein traumhaftes Fleckchen hast Du da entdeckt <3
    Wenn ich wieder mal im Norden bin, werde ich mir das anschauen und auch genießen. Danke für die schönen Bilder und Deinen Artikel.

    • Danke, liebe Tanja! Und melde dich unbedingt, wenn es dich mal hier in die Gegend verschlägt! Dann trinken wir zusammen irgendwo Kaffee. 🙂

  4. Pingback: Seebüll: Von Noldes Garten in den Malkurs - meikemeilen -— meikemeilen —

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