Die Dünen, das Urvieh und ich

Den Wind wollte ich mir um die Nase wehen lassen. Auf Schlittschuhen über zugefrorene Kanäle düsen. Aber dann stehe ich inmitten der Kennemerdünen, und die Sonne scheint. Nicht ein Hauch von Wind in Nordholland.

Alle reden von Vorfrühling, und Harry Lips sagt auf Englisch: „Du hast den besten Tag seit langem erwischt.“ Der Haarlemer ist Naturführer im Nationalpark Zuid-Kennemerland und kennt die Gegend wie seine Westentasche. Aus dieser zieht er eine Karte, um mir die Ausmaße und vor allem unsere Route für die nächsten Stunden zu zeigen.

Als Harry mir sagt, dass wir bereits mitten durch das 3.800 Hektar große Dünengebiet fahren, kann ich es zunächst nicht glauben. Ich sehe Weiden, Büsche, Bäume, sogar Tannen – nur keine Dünen. Allein der leichte Schwung der Landschaft lässt auf Sandberge schließen.

„Feuchte Dünensenken gab es sogar“, erzählt Harry. Doch sie trockneten aus, als man im 19. Jahrhundert mit der Grundwassergewinnung im Kennemerland begann. „Das reinste Wasser konnte man hier abschöpfen“, meint mein Guide. Mit der Austrocknung nahm die Artenvielfalt im Gebiet ab.

Seen und Kiefern

In 2003 drehte man die Wasserhähne zu, und nun bilden sie sich wieder: kleine Seen, die bestimmte Vogelarten anziehen. Die Wege, die zu den „Zapfsäulen“ führten, dienen heute als Radwege. Und es ist recht beliebt, durch die Kennemerdünen zu radeln. An einem sonnigen Freitag wie unserem, aber vor allem an den Wochenenden.

Der Park zählt nämlich zur sogenannten „Randstad“ von Amsterdam und muss pro Jahr um die zwei Millionen Besucher verkraften. Harry fährt daher am Sonntag lieber nicht in seine Lieblingsdünen. Sonst aber immer. Und die zehn Kilometer bis dorthin fährt der Haarlemer natürlich mit dem Rad.

Ungefähr 17, 18 Kilometer stehen heute auf unserem Nachmittagsprogramm. Wenn nur die Aufstiege nicht wären! Ich schnaufe und mache Harry klar, dass ich als Mountainbikerin nie Karriere machen würde. Alle Wege sind gepflastert, daher hinkt der Vergleich.

Wer lugt denn da zwischen den Ästen hervor?

Hin und wieder bleiben wir stehen, ich mache ein Foto, und Harry gibt sein Wissen preis. Zum Beispiel, dass in den Dünnen schon vor Jahrtausenden Ackerbau betrieben wurde. Dass die Menschen hier wohnten, Bäume anpflanzten, Schafe und Ziegen hielten.

Noch im vorletzten Jahrhundert pflanzte man Kiefern, die ein Abwehen des Bodens verhindern sollten und der Holzgewinnung dienten. Nun geht es mehr darum, den Prozess umzukehren, und den Sandboden wieder sichtbar zu machen.

Wie das passiert, will Harry mir an zwei Beispielen zeigen. Mit dem einen sei es ganz einfach, nur kann Harry mir nicht versprechen, dass sich Nummer 2 so einfach präsentieren würde. Doch dann haben wir Glück.

Als ich die beiden ersten Dünenarbeiter sehe, stelle ich mein Fahrrad sofort zur Seite und gehe auf die Pirsch. Natürlich frage ich Harry, wie nah ich herangehen kann, ohne dass mein Verhalten als aufdringlich oder gar feindselig gewertet wird.

Dünenarbeiter

Er begleitet mich ein Stück, und ich wage mich bis auf zwei Meter heran. Nur ein paar Büsche trennen mich von dem imposanten Urvieh. Das schottische Hochlandrind im Gegenlicht, wie es selbstvergessen am trockenen Gestrüpp nagt – das nenne ich in flagranti! Nicht weit davon entfernt ein Kollege.

Harry meint, dass sie meist zu mehreren unterwegs sind. Und trotz der gewaltigen Hörner immer lieb und nett. Die Parkbesucher stören sie nicht. Aber wer weiß schon, was in so einem dicken Rinderkopf vorgeht! Zurück auf dem Radweg kommt mir ein Highlander frontal entgegen.

Konfrontationskurs

Ich fotografiere. Wird er mich umrennen? Soll ich ausweichen? Ganz ruhig kommt er weiter auf mich zu, und ich bleibe einfach stehen. Unfähig, mich zu bewegen. Nur auf den Auslöser drücke ich, klick… klick… klick…

Kurz vor meinem Vorderreifen biegt er geschmeidig ab und tummelt sich in Richtung Gestrüpp. Alles sachte, ohne Angst, ohne Eile. Wunderbar, diese Schotten! So entspannt. Leider müssen wir weiter, Richtung Meer. Sonst schaffen wir es nicht, noch vor Einbruch der Dunkelheit wieder zurück zu sein.

Harry erzählt zwar, dass es noch andere nette Tiere im Park gäbe, man sie aber seltener zu Gesicht bekäme: Konink-Pferde, Shetland-Ponys, rotbunte Kühe und Heideschafe. Ein Kaninchen hoppelt durch die Landschaft. Auch die Nager wären nur wieder da, weil hier alle ihre Arbeit täten, meint mein Guide.

„Noch 300 Meter bis zum Meer“, sagt er endlich. Ich höre es schon die ganze Zeit, allein sehen kann ich es nicht. Doch die Dünen, die wirken langsam vertraut. Sandig, mit Strandhafer bedeckt, wie zu Hause oder in Dänemark.

Endlich! Dünen!

Und nun zu Beweis Nummer 2: Man hat Schneisen angelegt, über die der Sand von den Vordünen eindringen kann und sich auch in den Binnendünen verbreitet. „Und es funktioniert“, meint Harry zufrieden.

Wir stellen unsere Räder ab und öffnen die Tür zum Strand. Leider hält die Absperrung meine neuen Freunde draußen, die Hochländer. Ich hätte zu gern gewusst, ob sie den Beach mögen. Abends, nach getaner Arbeit, ein bisschen chillen. Oder sich wie die Hunde dort im Sand wälzen.

Jedenfalls hat sich die ganze Radtour gelohnt. Nicht nur wegen der tierischen Begegnung. Am Meer stehen, in den Sonnenuntergang blinzeln, den Kindern beim Dünenrutschen zuschauen. Und hoffen, dass alles so wird, wie Harry es sich wünscht, hier im Nationalpark.

Und endlich das Meer

Als ich wieder im Hotel angekommen bin, sehe ich auf eine bunte Kuh im Garten, die nicht aus Fleisch und Blut ist. Schade. Ich schreite durchs Herrenhaus, das genauso ins Dünengebiet passt wie die Nadelbäume: bizarr. Hochherrschaftlich, englischer Stil, der ehemaligen Besitzergattin zuliebe.

Viel von der Atmosphäre des 19. Jahrhunderts wurde auch im Innern konserviert. Nur der Teil nicht, in dem ich dinieren soll. Wo ist er nur? Ich frage nach. Die Brasserie liegt im Souterrain, ein Anbau, der einfach nicht aus der Rolle fallen soll, zumindest von außen.

Das 3-Gang-Menü fällt schon aus der Rolle. Nach der Radtour mit dem rüstigen Harry, nach der Begegnung mit wilden Tieren und der ganzen frischen Luft habe ich mir das verdient. Die zartesten Jakobsmuscheln ever. Mit Zimt, Couscous, Aubergine, Koriander.

Noble Herberge

Entrecôte (ein bisschen viel) mit Möhren, Pastinaken, Kartoffelpüree (ein bisschen wenig) und als Dessert eine Neuinterpretation von Reispudding. Das Ingwer-Parfait dazu – göttlich! Kein Wunder, denn der Chef ist derselbe wie vom hauseigenen Restaurant „De vrienden van Jacob“ – und das hat einen Stern.

Am nächsten Morgen öffne ich mein Fenster und schaue auf den Teich, die hohen Bäume. Es ist grau, die Feuchtigkeit hängt schwer über dem Boden, die bunte Kuh wirkt wie auf verlorenem Posten. Nein, es ist nicht England.

Ich bin immer noch in den Kennemerdünen. Doch bald schon fahre ich nach Haarlem – wenn auch nicht mit dem Rad.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an das Niederländische Büro für Tourismus & Convention, I amsterdam und Nordholland, die diese Reise ermöglicht haben.

  1. Ich weiß nicht, unter wie vielen deiner Texte ich schon #hach geschrieben habe. Leider fällt mir auch dieses Mal wieder nix anderes zu ein, als #hach! Wenn ich Nordholland nicht sowieso schon super fände, würde es mich spätestens jetzt dahin ziehen. Und das Foto vom Schotten: Respekt!
    Liebe Grüße, Kristine

    • Danke, Kristine! 🙂
      Und die Schotten sind locker. Die würde ich sofort einstellen – bei passender Umgebung. 😀
      Liebe Grüße, Elke

  2. Was soll ich sagen Elke, wie immer ein sooo schöner Bericht 🙂
    Den Schotten begegne ich auf einer meiner Lieblings-Radtouren auch. Da versteckt sich gleich eine ganze Familie im Wald (na ja eher Park). Wenn ich irgendwann mal zum Sortieren komme, finde ich vielleicht auch mal die Fotos 😉
    LG Simone

    • Danke, Simone! 🙂
      Wo führt dich denn deine Lieblingsradtour hin? Diese Schotten scheinen Holland fest in der Klaue zu haben…
      Ja, zeig‘ mal die Fotos!!!
      LG, Elke

  3. Hach, wenn ich Deine Berichte so lese – Du hast einen Traumjob 🙂 Wie gern wäre ich auch dieses Mal dabei gewesen …

    Liebe Grüße,
    Jörg

    • Jörg, es gibt Familien, die sich mit der Wohndose die ganze Zeit in der Weltgeschichte herumtreiben. Wäre das nichts für euch vier? 🙂

  4. Toller Bericht! Herzliche Grüße aus dem eisigen Michigan, Cornelia

  5. Hallo Elke,

    danke für Deinen tollen Artikel und die wunderschönen Fotos! Ich stand auch schon mal vor einer Highlandkuh, das war allerdings in Schottland. Nun hab ich aber gerade gelernt, dass es sie auch in meiner 2. Heimat gibt – danke :-).

    LG Katharina

  6. Total schön! Warum war ich noch nicht dort? Ist doch nur ein Katzensprung von hier : )
    Sonnige Grüße
    Jutta

  7. Oifach schee, do kriagscht grad Luscht zum Radl fahrn in Nordholland.
    Nein, ich übersetze das jetzt nicht ins Schriftdeutsche. Ihr kommt sicher selbst drauf was ich damit sagen will.

    Grüße aus dem Schwabenland
    Udo

  8. Pingback: In den Hofjes von Haarlem

  9. Hallo,

    ich bin gerade ein paar Kilometer nördlich des Nationalparkes Zuid-Kennemerland in Urlaub. Hier befindet sich das Nordholländische Dünenreservat, ein Naturschutzgebiet, dass dem Nationalpark Zuid-Kennemerland offenbar sehr ähnlich und noch größer ist. Hier soll es ebenfalls schottische Hochlandrinder geben. Leider habe ich bisher noch keines vor die Linse bekommen. Deshalb habe ich gerade versucht, über eine Internetrecherche herauszufinden, an welcher Stelle genau ich am besten suchen sollte. Dabei bin auch auf diesen sehr schönen Bericht über die Kennemerdünen gestoßen.

    Zwar bin ich noch auf der Suche nach den schottischen Hochlandrindern, dafür sind mir im Nordholländischen Dünenreservat zwischen Egmond aan Zee und Bergen aan Zee aber zahlreiche Wildpferde begegnet, die ich auch ausgiebig fotografieren konnte (siehe auch den Link zu meinem Flickr-Account).

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