Strandtest No. 5: Amrum Nord

Ein Strandspaziergang. Gibt es etwas Besseres an einem herbstlichen Sonntagmorgen? Ausnahmsweise ist bei diesem „Strandtest“ einmal nicht die Rede von Wassertemperatur und Ausstattung. Ohnehin sind im Oktober die meisten Strandkörbe bereits im „Winterschlaf“. Und Kenner ziehen nun mit Gummistiefeln und Windjacke los.

Kerstin Jöns von „Mein Inselhotel“ hat mir einen der Bohlenwege empfohlen, die sich durch die spektakuläre Amrumer Dünenlandschaft schlängeln. Sicher die schönste Art, um zum Kniepsand zu gelangen.

„Doch wenn man sich verzettelt, vielleicht auf einem Reitweg weiterläuft, kann es etwas länger dauern“, weiß die Hoteliersfrau. Die Einheimischen kennen dieses Netz aus krummen Pfaden natürlich wie ihre Westentasche.

Sand, der wandert

Aus Zeitgründen entscheide ich mich für den weniger romantischen, schnurgeraden und geteerten Strunwai, der mich aus Norddorf geradewegs zum Strand führt. Die etwa zehn Quadratkilometer große Sandbank vor Amrum ist im Norden der Insel überschaubarer als auf der Höhe von Wittdün.

Die Dünen, das Meer
Die Dünen, das Meer

Der sogenannte Kniepsand, eine Art Hochsand, der langsam weiter wandert, formiert sich nicht nur als enormer Strand, er schützt die exponierte Westküste auch vor Überflutungen. Über 15 Kilometer lang und stellenweise bis zu anderthalb Kilometern breit – überzeugende Maße für das Beachfeeling auf einer nur 20 Quadratkilometer großen Insel.

Noch vor 50 Jahren durch einen Priel von ihr getrennt, scheint der Kniepsand das Eiland heute zu umarmen. Einst lockten die Inselbewohner mit Irrfeuern Schiffe an ihre Westküste; Strandpiraterie war eines ihrer Einkommen. Doch heutzutage ernährt der Tourismus die Insel.

Stillleben mit Muscheln
Strand-Stillleben

Selbst die verbliebenen beiden Landwirte vermieten auch Ferienwohnungen. Noch heute gehen die Amrumer gerne zum Kniepsand, um nach Strandgut zu suchen. Warum also nicht mal nach einem angeschwemmten Holzstück Ausschau halten, das man aufarbeiten sowie für Haus und Hof zweckentfremden könnte?

Dünen unter Schutz

Doch was ich finde, sind Schalentiere, beziehungsweise deren Überreste – vor allem Venus- und Schwertmuschelschalen. Außerdem Seegras, vereinzelte Quallen, einen Plastikhandschuh sowie diverse Hundestöckchen. Nichts künstlerisch Verwertbares also.

Etwas Größeres hat das Meer ebenfalls angeschwemmt: eine Art umgekehrter Besen, wichtig als Fahrrinnenmarkierung. Irgendwo wird diese Steuerbordpricke jetzt fehlen. Auch Plastikflaschen liegen am Strand, jedoch ohne Post. Mein Jagdinstinkt wird erst geweckt, als ich eine barock anmutende Austernmuschelschale in der Hand halte.

Strand Norddorf
Egal, welches Wetter

Bearbeiten muss man daran zwar nichts mehr, doch auf Fensterbänken etc. macht sich diese Art von Fundstück sehr gut. Last but not least hat das Meer mir eine unversehrte Scholle vor die Füße gespült, die das Zeitliche bereits gesegnet hat.

Zurück geht es durch einen schluchtartigen Dünenweg, ganz offiziell. Denn ansonsten ist Klettern hier verboten. Die Dünen stehen unter Schutz, da sie die Insel vor Hochwasser schützen. Ein kleiner Hund, der am Strand entlangläuft, beobachtet mich beim Anstieg.

Er scheint abzuwägen: am endlosen Strand bleiben oder die reizvolle Schlucht erforschen? Frauchen entscheidet die Sache, ruft ihn weiter, und der Vierbeiner verschwindet flugs. Es geht steil bergauf. Doch oben angekommen, belohnt einen das klassische Aha-Erlebnis des Gipfelstürmers.

In diesem Fall: das Meer zu beiden Seiten. Amrum eben.

Text und Fotos: Elke Weiler

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