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Sonntags an der Limmat

Nach zwei sonnigen Tagen ist es vorbei. Am Sonntagmorgen zeigt sich der Himmel zugeknöpft, manchmal regnet es. Doch alles in Maßen, sogar der Regen – das ist Zürich.

Wenn es in Rom regnet, ergießen sich wahre Sturzbäche auf den Asphalt. Den ganzen Tag lang und ganz typisch für den kommenden Monat, den November. Darüber gibt es Lieder. Und ich kenne Leute, die dann nicht vor die Tür gehen.

In Zürich kein Thema. Sowieso teilen die Zürcher das Jahr scheinbar in zwei Jahreszeiten auf: Sommer und Winter. Zwei Jahreszeiten, die für Cafés und Bootbetrieb auf dem Zürichsee gelten. Und den letzten beiden Tagen nach zu urteilen, die viele mit T-Shirt in der Sonne verbracht haben, ist immer noch Sommer.

Was macht man sonntags Schönes? Wandern! Ich bin doch in der Schweiz. Also runter zum Fluss und von Zürich-West Richtung Zentrum – immer an der Limmat entlang. Die richtigen Schuhe habe ich dafür nicht an, aber egal.

Die Wege sind schmal.

Jogger sind unterwegs, vereinzelt Spaziergänger. Der Weg ist teilweise so schmal, dass ich an einer Biegung fast von einem Läufer umgenietet werde. Er kann so gerade noch stoppen und grinsen.

Ein Stück weiter zieht der Duft von Lösungsmitteln durch den Äther. Sprayer am Werk. Vorbei die Zeiten, als ihr „Urahn“ Harald Naegeli heimlich sprühte und Anfang der 80er Jahre für Sachbeschädigung bestraft wurde. Damals flüchtete der „Sprayer von Zürich“ aus der Stadt und wurde per internationalem Haftbefehl gesucht.

Die Zürcher mochten seine Strichmännchen an den Wänden nicht. Jedes Mal, wenn mir eines begegnet, ist es so wie einen Bekannten zu treffen. Heute restauriert man in der Schweiz die noch vorhandenen Werke des Künstlers.

Doch Naegeli hat sein Quartier längst im Düsseldorfer Exil aufgeschlagen. Und ich weiß, dass er immer noch sprüht. Ich sehe die Wände der Städte, jeder Sprayer hat seine eigene Handschrift. Und Graffiti gehören zur Stadt wie die Exponate ins Museum.

Heute geht’s nicht mehr ohne.

Trotz des grauen Himmels haben sich einige Grüppchen auf den Bänken am Ufer niedergelassen und picknicken. Daneben ein Angler im Glück: Just in dem Moment, als ich vorbeigehe, zieht es an der Leine.

Doch es gibt nicht nur Fische und Schwäne im Fluss. Auch einen Radfahrer! Ich wunderte mich schon, dass der gute Mann nach dem Parken am Ufer die Socken auszog. Nun also auch den Rest.

Nur mit einer knappen Badehose, Kappe und Chlorbrille bekleidet, steigt er ins Wasser. Kein Schrei, nichts. Wo bin ich? Strandbad Oberer Letten, sagt mir die Karte. Natürlich völlig verwaist an Tagen wie diesen, wenn der Zürcher Sommer langsam in den Winter übergeht.

Wenn der Radfahrer trotz allem zum Profi-Krauler mutiert und flussaufwärts schaufelt. Ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen. Oder wenigstens mal kurz fürs Foto hochzuschauen? Ich fotografiere einen Arm. Eine Kaulquappe.

Durch diesen dunklen Gang muss sie gehen. Es führt kein anderer Weg nach…

Also weiter wandern, es ist jetzt nicht mehr weit. Herbstfarben um mich herum, ich mag diese Töne, die dem Himmel trotzen. Kurz vorm Zentrum werde ich umgeleitet, und zwar auf den Platzspitz am anderen Ufer. Wie ein Wanderprofi checke ich auf der Karte meinen aktuellen Standort. Da passiert es, Reifen quietschen. Ein Radfahrer macht eine Vollbremsung kurz vor meinen Füßen.

Er richtet das Wort an mich – vermutlich ein Ablenkungsmanöver von dieser waghalsigen Aktion. Im ersten Moment verstehe ich nichts. Niente. Er wiederholt seine Frage auf Englisch, schließlich auf Deutsch und vermutlich hätte er auch noch Französisch und Italienisch aus dem Hut gezaubert – diese Schweizer Sprachgenies!

Aber ich habe ihn schon kurz nach der zweiten Englisch-Version durchschaut. Er will helfen. Der Stadtplan in meinen Händen, das muss wie ein stummer Hilferuf gewirkt haben. Ob ich etwas Bestimmtes suchen würde? Ich verneine dankend.

Draußen sitzen?

Beinah enttäuscht zieht er des Weges. Ich hätte ihn wenigstens irgendetwas fragen könnte! Eine Kleinigkeit. Einfach, um ihm sonntags ein gutes Gefühl zu geben. Nett, die Zürcher.

Text und Fotos: Elke Weiler

7 Gedanken zu „Sonntags an der Limmat“

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  2. Schön neben den vielen Reiseberichten aus fernen Ländern wieder mal etwas über eine Stadt zu lesen, wo ich lange Zeit gelebt habe. Tolle Bilder und toll geschrieben :)

  3. Mir geht es wie Tiffany, ich bekomme auch gleich Heimweh nach Zürich :) Die Stadt ist selbst bei grauem Wetter schön und gemütlich. Danke für das wunderbar stimmungsvolle Mitnehmen ins herbstliche Züri!

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