Stopp bei Störtebeker

„Beginnt am besten auf Deck 9!“ Wir sind zwar in der Hafencity, aber nicht auf einem Schiff. Das Backsteingebäude von 1878 wird von zwei Seiten vom Wasser umzingelt.

Hier sind wir also, im ältesten noch erhaltenen Speicher von Hamburg. Keine Schuten werden hier mehr entladen. Vielmehr sind es Touristen wie wir, die sich Schiffsgeschichte zu Gemüte führen wollen.

Eine ehemals private Sammlung schafft es, zehn Stockwerke des imposanten Gebäudes zu füllen. Sie gehörte Peter Tamm, Journalist und Verlagsmanager sowie Sproß einer alten Hamburger Seefahrerfamilie. Kein Wunder also, dass er sich zu Schiffen hingezogen fühlte.

Nun ist der Kaispeicher B dank Millionen von Steuergeldern vor einigen Jahren wiederauferstanden und die Privatsammlung in eine Stiftung übergegangen. Das Internationale Maritime Museum in der Hafencity war geboren.

Heute schippern keine Schuten mehr um den Kaispeicher.

Wir haben das Gebäude von außen bewundert, einen kurzen Stopp bei Störtebeker eingelegt, der verwegen zur Seite blickt, weg vom Museum. Die Bronzestatue des Künstlers Hans-Jörg Wagner zeigt einen Mann, der Kraft und Ruhe ausstrahlt. Stolz. Freiheitsdrang. Sehnsucht nach Meer? Als Pirat war er eine Legende.

Wir haben Störtebeker draußen stehengelassen und reden nun im alten Kaispeicher mit dem ehrenamtlichen Mitarbeiter, der uns rät, von oben anzufangen. Deck 9. Also hinauf mit dem Aufzug ins oberste Stockwerk, wo wir quasi erschlagen werden von Miniaturschiffen. Eine Riesenflotte, fein säuberlich hinter Glas in Regalen aufgereiht. Präzise in Reih und Glied.

Mich interessiert, ob sie schon mal jemand durcheinander gebracht hat, zum Beispiel beim Saubermachen. Natürlich stelle ich mir auch wirklich relevante Fragen: Wieviele mögen es sein? Wieviel Wasser braucht man, damit all diese Miniaturen schwimmen? Schwimmen Miniaturschiffe überhaupt? Sie sind schließlich nicht dafür gemacht.

Wie sie aber gemacht werden, wird dokumentiert. Ein Beispielschiff wurde in sage und schreibe 14 Wochen geboren. In kniffliger Kleinarbeit. Schließlich erfahre ich auch, dass Tamm hier um die 40.000 Miniaturen zusammen getragen hat.

Mein Lieblingsmodell: Bremerhaven, die Stromkaje.

Heidewitzka, Herr Kapitän. Vermutlich hat er schon als Junge damit angefangen. Hätte ein Mädchen das auch getan? Um uns herum tummeln sich Männer meist mittleren bis fortgeschrittenen Alters. Einer sagt: „Das ist alles Kitsch.“

Er hat Bremerhaven noch nicht gesehen. Ich bin nämlich der Miniaturenflut entwischt und stehe vor einem meiner nächsten Reiseziele. Vermutlich. Hier habe ich den Blick frei auf die längste Stromkaje der Welt. Fast fünf Kilometer Containerumschlag in Bremerhaven, schon in der Modellansicht ist das beeindruckend.

Auf Deck 8 sind wir mitten in der Welt der Marinemalerei gelandet. Und was sehen wir auf den Bildern? Schiffe, Schiffe und nochmals Schiffe. Das muss am Thema des Museums liegen. Ein Bild tanzt aus der Reihe, nur Meer und Himmel.

Doch für den Rest gilt, dass aufgeblasene weiße Segel und eine wilde See mit schäumender Gischt bei den Marinemalern schwer beliebt waren. Action auf dem Meer. Sowie ein paar ruhige Hafenansichten.

Marinemalerei: Action auf dem Meer.

Und dann fällt mein Blick auf etwas Bekanntes. Etwas, das es so nicht gegeben hat. Doch in der Fantasie des Künstlers segelt die berühmte Vasa in voller Schönheit übers offene Meer. In Wirklichkeit ging ihre Jungfernfahrt über genau 1300 Meter, dann sank sie und fasziniert heute mit dem Charisma eines Geisterschiffs Millionen von Besuchern in Stockholm.

Die Meeresabteilung ist mir zu klein, ich erfahre ein paar Basics zu Nord- und Ostsee, über Meeresforschung und verrückte Männer, die in viel zu kleinen Booten aufgebrochen sind, um sich und der Welt etwas zu beweisen. Aber was?

Wir pausieren kurz im Speichercafé und gönnen uns für einen Euro einen Fair Trade Kaffee aus dem Automaten. Eine gute Gelegenheit, die ganzen Infos und Eindrücke sacken zu lassen. Im Hintergrund Hafengeräusche, das Tuten der Dampfer und Möwenschreie vom Band, die beim Hinausgehen später von echten abgelöst werden.

Doch ein paar Decks liegen noch vor uns. Alles rund um Kriegsschiffe, Uniformen und Orden interessiert mich überhaupt nicht, also rausche ich durch 5 und 4 einfach durch. Nett wird es dann wieder beim Thema Schiffsbau, wo ich plötzlich vor einem Modell aus Bolivien stehe. Eines der sagenhaften Schilfboote der Urus am Titicacasee. Ein weiteres Ziel für die „bucket list“? Unbedingt.

Die Polynesier: die besten Seefahrer ever?

Beeindruckend auch die alten Polynesier, die mit Doppelrumpfkanus hochseetüchtige Fahrzeuge entwickelt haben und tausende Kilometer zurückgelegt haben. Sie erreichten die Cook-Insel, Hawaii, die Osterinsel und vermutlich sogar Amerika. Die größten Seefahrer aller Zeiten.

Ich gebe zu, dass ich spätestens auf Deck 2, das den Segelschiffen und der Piraterie gewidmet ist, ziemlich übersättigt bin, was Schiffe angeht. Wäre ich ein Kind, könnte ich mich im „Schwimmenden Klassenzimmer“ auf Deck 1 austoben.

Doch ich kaufe nur noch einen original Hamburger Schietwettertee bei dem freundlichen Mann an der Kasse. Duftet nach Kräutern, Beeren und Anis. Das typische Mitbringsel, wenn es kein Schiff sein soll.

Die Kanonen vor der Tür des Museums wundern mich gar nicht mehr, die riesige, wie frisch polierte Schiffsschraube beeindruckt schon eher. Am meisten aber das alte Backsteingebäude hier inmitten der sprießenden, sich erfindenen Hafencity.

Unbewegliche Schiffsschraube vorm Museum.

Wundert sich Störtebeker etwa, wie sich sein Hinrichtungsort am Grasbrook mit den Jahrhunderten so verändert hat? Nein. Als Freibeuter hat er ganz andere Dinge gesehen.

Text und Fotos: Elke Weiler

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  2. Speicherstadt ist schon klasse! Über Störtebecker muss ich ja definitiv auf meinem Blog auch mal was machen! …und wie Du warst von der Piraterie auf dem zweiten Deck übersättigt?? 😉

  3. Ja, Nicole, dann sagst du mir Bescheid, ne? Das würde echt gut passen! 😉 Das Problem bei mir war, das ich von den Schiffen vorher schon übersättigt war 😉

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