Aktiv und draußen Natur Norwegen

Nordic Biking

In Finse gibt’s die Mountainbikes. Wir sind mit der Bergenbahn von Oslo hierher gefahren, die Nasen immer dicht an den Fensterscheiben, um uns an den klaren Farben Norwegens zu berauschen.

Dann steigen wir aus. Finse ist nicht viel mehr als eine Bahnstation, noch dazu die höchstgelegene der Bergenbahn. Eine Station erweitert um ein Museum, den Fahrradverleih und ein Sporthotel. Die meisten Radtouristen starten hier über den Rallarvegen in Richtung Myrdal oder Flam.

Der Norweger Björn kennt die Fahrradstrecke am Nordrand der Hochebene Hardangervidda wie seine Westentasche und mimt für uns ausnahmsweise den Tourguide: „Ich habe Butterbrote eingepackt, selbstgemachte!“

Wir lachen, und er geht zur Sache: „Tee oder Kaffee?“ Sie stimmt also, die Geschichte der norwegischen Thermoskanne. Das gute Stück ist bei jedem Ausflug in die Natur dabei, denn in Norwegen braucht der Wanderer und Biker etwas Warmes. Auch im Sommer.

Eigentlich ist so ziemlich jeder Norweger ein Outdoor-Freak, und damit auch Spezialist für Thermoskannen und Butterbrote. Wasser hingegen muss man in Norwegen nicht mitnehmen, das fließt überall frisch und gratis von den Hängen hinab.

Wasser gibt es gratis.

Die Finser Luft auf 1222 Höhenmetern weht frisch: Immerhin sieben Grad plus. Der norwegische Sommer hält gerne jedes Wetter und jede Temperatur parat. Neben dem obligatorischen Regenzeug empfiehlt Björn auch Mützen, Schals und Handschuhe für die Tour einzupacken.

Die Mountain-Bikes von Finse, eine Spezialanfertigung mit federleichter Gangschaltung, sind optimal auf die Strecke abgestimmt. Helme auf und los geht’s in Richtung Myrdal, ein kleiner Ort mit Bahnstation, der immerhin 37 Kilometer entfernt liegt.

Dazwischen nichts als die nordische Unendlichkeit mit schneebedeckten Bergkuppen, tiefblauen Seen und plätschernden Wasserfällen. Die Sonne strahlt, und unter den Anoraks wird es uns heiß vor Anstrengung. Der Weg führt zunächst entlang des Finsevatnet, dem See Finses.

Im Hintergrund leuchtet der Gletscher des Hardangerjokulen. Wir machen eine Pause und Björn plaudert aus dem Nähkästchen: Auf dem ewigen Eis sei es in den 70er Jahren zu einer Art Invasion Außerirdischer gekommen.

Was dahinter steckt? Der zweite Teil der Stars Wars Trilogie „Das Imperium schlägt zurück“ verlangte nach einer passenden Kulisse für die Darstellung des Eisplaneten Hoth. Also musste der Hardangerjokulen herhalten. Und das einsame Hotel in Finse avancierte von heute auf morgen zum Tummelplatz für Hollywood-Stars und monsterähnliche Kreaturen.

Klarheit der Farben

Wir lauschen der Natur. Das einzige Geräusch in der subarktischen Höhenlandschaft ist das Plätschern des Wassers der Felswände und unzähligen Bachläufe. Weit und breit kein Anzeichen menschlichen Lebens, keine Siedlung, keine Hütten. Trotz ständigem Bergauf und Bergab ist der Rallarvegen anfangs gut zu bewältigen.

Dieser Streckenabschnitt darf nur von Radfahrern und Wanderern benutzt werden. Anders ist es im Winter: Dann kann man hier mit dem Schneemobil entlangdüsen. Ein paar windschiefe Stöcke am Wegesrand markieren die Strecke, wenn alles zugeschneit ist.

Unser erstes Etappenziel ist der höchste Punkt der Strecke am Fagervatnet. Auf dem terrassenförmigen Felsgestein am Wegesrand haben es sich schon zwei Radler bequem gemacht und genießen die Sonne.

Björn wechselt ein paar Worte mit ihnen, es sind Norweger. Er verteilt die Butterbrote, holt die Kaffee- und Teekanne hervor. Zum Picknick gibt es den gigantischen Ausblick auf den Fagersee und das Hochgebirge gratis.

Verschnaufpause

Nachtisch muss ebenfalls sein, findet Björn. Und zwar in Form von kräftespendender Schokolade, schließlich sind erst knappe zehn Kilometer des Rallarvegen geschafft. Über dem Hardangerjokulen ziehen Wolken auf und verdecken die Sonne zeitweilig.

Sofort wird es kühl und sieht nach Regen nach. Laut Björn könnte der Wind die Wolken am Rallarvegen vorbei treiben. Die einzige Zufluchtstätte vor plötzlichen Schauern bietet von Juli bis August ein kleines Bahnwärterhäuschen mit Rallarcafé bei Fagernut.

„Jetzt wird die Strecke schwieriger!“ Björn redet von Steinen und Schnee auf dem Weg. Der Rallarvegen ist nämlich echte Handarbeit, benannt nach seinen Erbauern, den Rallaren.

Die Bahnarbeiter schufen den parallelen Transportweg während der Konstruktionszeit der Bergenbahn zwischen 1885 und 1902. Alle Materialien mussten auf dem Pferderücken transportiert werden.

Der Bau der Bahn von Oslo nach Bergen quer durch das zentrale Hochgebirge ging an die Grenzen menschlichen Könnens. Das Museum in Finse zeigt den Kampf der Rallaren gegen den Schnee. Heute ist der Rad- und Wanderweg mit den ehemaligen Wächterhäuschen ein Kulturdenkmal.

Björn hat recht: Die Strecke wird bald unwegsamer, schmaler und erfordert erhöhte Aufmerksamkeit. Streckenweise müssen wir sogar absteigen, da der Untergrund nur noch aus dicken losen Steinen besteht. An einer Stelle reicht ein Schneefeld über den Weg.

Hinter Fagernut braucht man einfach mehr Zeit für den Rallarvegen. Am Klevavatnet, einem tiefblauen See in 959 Metern Höhe, springen ein paar Mutige aus einer norwegischen Gruppe unter lautstarkem Gejodel in das kühle Nass. Die Sonne lacht, aber die Wolken drohen immer noch vom Horizont her.

Schnee im Sommer

Björn empfiehlt den Wasserfall der Klevaschlucht als lohnenswerten Ort für eine Verschnaufpause. Das ist ein guter Tipp, denn das tosende und sprühende Wasser bildet die optimale Kulisse für ein zweites Picknick. Millionen und aber Millionen kleiner Wassertropfen funkeln in der Abendsonne.

Björn packt sein Angelzeug aus, stellt sich ans Wasser und wird nach der Thermoskanne einem weiteren nordischen Klischee gerecht. Was uns nun noch fehlte, wäre ein richtiges Rentier. „Die kommen nicht bis zum Rallarvegen“, weiß Björn. Schade.

Und doch halten sich viele in der Hardangervidda auf. Ihr Futter wächst überall auf dem Boden: Rentiermus, hellgrüne Flechten. „Die Rentiere ziehen der Schneegrenze hinterher und futtern sich für die weißen Monate Vorratskilos an“, erzählt unser Begleiter weiter.

Und der norwegische Winter dauert lang, Skisaison ist von November bis Mai. „Vorsicht auf dem Stück hinunter in die Klevaschlucht, sie ist zum Teil ungesichert“, warnt Björn. Erst letzte Woche sei hier ein Radler ins Wasser gefallen. Nur kein Übermut.

Hinter der Schlucht wird die Strecke kurvenreicher und führt durch flirrend grüne Laubwälder. Immer wieder ergeben sich Ausblicke auf den Seltuftvatn, einem großen See inmitten der grünen Wildnis. Es duftet nach Wald und Erde. Bald gabelt sich der Weg. Man kann in nördlicher Richtung bis Flam am Seitenarm des Auerlandfjords herunter radeln.

Das wären weitere 21 weitere Kilometer, die eine gute Kondition verlangen. Aber schon die verbleibenden zwei Kilometer bis Myrdal ziehen sich ins Unendliche. Das letzte Stück des Weges führt steil bergauf, und der Untergrund ist steinig.

Endlich ist Myrdal in Sicht: Ein paar Holzhäuser sonnen sich im warmen Abendlicht, ein Fluss rauscht daran vorbei. Unsere Mountainbikes lassen wir in Myrdal, wir dürfen nun erschöpft in die Sitze des letzten Zuges fallen.

So ist es also, das norwegische „Friluftsliv“.

Die Fahrt zurück nach Finse dauert nur einen Augenblick lang. Kaum zu glauben, dass der Hinweg so lang und abenteuerlich und wunderschön war.

Text und Fotos: Elke Weiler

Aus der Reihe Archivgeschichten: Ich arbeitete als freie Reisejournalistin für diverse Medien und fotografierte noch analog, als ich meine erste Norwegenreise antrat.

Noch mehr norwegisches „Friluftsliv“? Folgt mir auf eine Wanderung zum Vøringsfossen, die sich wesentlich komplizierter als angekündigt gestaltete…

Diese Reise wurde von Visit Norway unterstützt.

Autor

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

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