Sand unter den Füßen

Es ist einer von diesen Tagen. Der Wind pfeift übers Deck, Wolken und Sonne im Wechselspiel. Nordseewetter. Die Kitesurfer haben Dagebüll für sich entdeckt und heben ab, springen in den Himmel. Ich freue mich auf Föhr, während das grelle Licht die Nordsee grün aufleuchten lässt.

Links dehnt sich Hallig Langeness mit ihren Warften aus, rechts ist schon Föhr in Sicht. Nur 50 Minuten, und ich stehe in Wyk am Hafen, abholbereit. Brar Roeloffs vom Rackmers Hof liest mich auf: Wir fahren nach Oevenum, eines der niedlichen Inseldörfer.

Als hätte sich Föhr an diesem Septembersonntag besonders in Schale geworfen. Wie aus dem Ei gepellt die reetgedeckten Häuser. In einem von ihnen hängt das Porträt eines Föhrer Walfängers und Vorfahren – heute ist die Kapitänsstube Teil von Rackmers Hof. Nur das Bild an der Wand erinnert an alte Zeiten, ansonsten wirkt alles frisch, modern und arty – bestückt mit den Bildern zweier Föhrer Künstlerinnen.

Ich darf eine der 16 Suiten beziehen, deponiere den Koffer und schwinge mich aufs Rad. Denn wenn es eine Insel gibt, die ideal fürs Radfahren ist, dann Föhr. Über einen der Landwirtschaftswege düse ich fernab vom Verkehr übers Land. Als ich ein paar Kilometer weiter in Wyk ankomme, packen die Aussteller auf dem Fischmarkt bereits wieder ein. Knapp verpasst!

Ich mache also, was sonntags in Wyk mehr als angebracht ist: am Strand entlang flanieren. Proppenvoll die Promenade und ihre Cafés. Doch ich habe ja einen Tipp von Marianne Roeloffs bekommen! Mit dem Rad fahre ich am Hafen entlang zur äußersten Spitze, wo das Café Helgoland einsam über dem Wasser thront. Die Gäste sehen den Segelbooten und Fähren zu, sonnen sich nach dem Essen.

Mediterran in Wyk
Mediterran in Wyk

Ich bestelle Erdbeer-Trümmertorte und gewähre einer Familie aus Nordrhein-Westfalen Asyl an meinem Tisch. „Vielleicht freunden sie sich an“, versucht der Kellner zu vermitteln. Man bewundert mein Tortenstück und spricht über das Wetter. Es zieht nämlich eine verdammt dunkle, dicke Wolke am Horizont auf, und niemand ahnt, in welche Richtung der Wind sie treibt.

Da ich einen Massage-Termin im Rackmers Hof habe, trotze ich dem Wetter und versuche gegen den Wind zurück zu strampeln. Erst auf den letzten Metern beginnt es zu nieseln. Außer Atem und etwas nass erreiche ich das Refugium, werfe den Bademantel über und spaziere in den Massage-Raum.

Der mobile Masseur Olaf Stückemann stellt sich vor und fragt, welches Öl ich für die Rückenmassage bevorzuge. Entspannt liege ich da, lasse mich kneten und lausche den Inselgeschichten. Normalerweise bin ich bei Massagen nicht in Redelaune, doch dieses Mal will ich alles wissen. Wie sich das Leben auf Föhr so ausnimmt, gestern und heute.

Erst am Schluss reden wir über den Rücken, und Olaf Stückemann gibt mir wertvolle Tipps für die Zukunft. Jetzt aber ab in die Sauna! Das Refugium ist im neuen Gebäude von Rackmers Hof untergebracht und für eine Auszeit zu zweit buchbar. Ich hätte auch die finnische Sauna und die Bio-Dampfsauna im Spa nutzen können, ziehe jedoch die Privatsphäre im Refugium vor.

Es stehen Getränke, Obst und Schokolade bereit sowie zwei gemütliche Liegen, ein Fernseher und Entspannungsmusik zum Zeitvertreib zwischen den Saunagängen. Fehlt nur noch der See zum Abkühlen wie in Finnland. Dafür habe ich am Abend noch ein Date kulinarischer Art und mit Stern.

Im Restaurant „Alt Wyk“ steht René Dittrich an den Kochtöpfen, und seine Frau Daniela umsorgt gemeinsam mit den Kellnerinnen die Gäste. Ich staune nicht schlecht, als zu den selbstgebackenen Brötchen auch schwarzes Meersalz auf den Tisch kommt.

Es stammt aus Hawaii und ist mit Aktivkohle gemischt. Kann man das essen? Ich finde es im Vergleich zu anderen Salzen weniger salzig und etwas dunkler im Geschmack. Aber das kann auch an der Optik liegen. Knirscht es mehr zwischen den Zähnen? Interessant.

Zu Besuch im Alt Wyk
Zu Besuch im „Alt Wyk“

Der Gruß aus der Küche besteht aus einer cremigen Fischsuppe im Gläschen und einem Rauchfischmousse. Der erste Gang, ein Lachs-Raviolo, hat von der Teigtasche nur annähernd die Form geerbt. Es handelt sich um Lachs und eine Art Gurkensoße, die mich entfernt an Gazpacho erinnert. Mir gefällt die frische Note zum Lachs.

Die vier Gänge des Menüs, das über Rackmers als kulinarisches Arrangement buchbar ist, klingen nach rauen Mengen, doch ich taste mich nach und nach vor. Nur auf die korrespondierenden Weine verzichte ich größtenteils. So als einziger Sologast im charmant gediegenen Lokal.

An den anderen Tischen sitzen Freunde oder Paare, der Ton gedämpft. Mir scheint es der geeignete Ort für ein Romantikdinner zu sein, wenn nicht am Strand. Drei Gänge noch – schaffe ich alles? Lokale Zutaten stehen im Sterne-Restaurant nicht im Fokus, erklärt mir der Chef später. Es geht immer um die beste Qualität.

Hummer – nicht aus Helgoland, sondern Kanada.
Hummer – nicht aus Helgoland, sondern Kanada.

Zum ersten Mal in meinem Leben probiere ich koreanisches Kalbi, ein Stückchen Fleisch vom Rind aus der Rippe, das zuvor in Sojasoße eingelegt wurde. Dazu asiatisches Gemüse. Auch die Freundlichkeit der Dittmers erscheint mir geradezu asiatisch.

Während ich normalerweise an einem Ort die lokale Küche entdecke, entwickelt sich der Ausflug nach „Alt Wyk“ in eine Art kulinarische Weltreise. Am Ende wird es italienisch mit Amaretto-Mousse auf Eiskaffee. Und auch wieder nicht. Vermutlich sind Sterneköche einfach immer sie selbst und in ihrer Küche spiegelt sich all ihre Erfahrung wieder.

Ich laufe noch ein paar Schritte durch das nächtlich leere Wyk, versuche mich in Mondfotografie am Strand und gebe auf. Ein Taxi bringt mich zurück nach Oevenum. Auch dem Taxifahrer fällt auf, wie ausgestorben die Insel um diese Zeit wirkt.

Das Meer macht müde.
Das Meer macht müde.

Alle sind genug Rad gefahren, haben ausgelassen im Watt gespielt und viel gegessen. Und abends fällt man wohlig müde in die Federn. Oder mache ich mir noch einen Tee? Die Küche meiner Suite ist komplett eingerichtet, doch ich werde sie wohl unbenutzt lassen.

Denn am Morgen zwischen 8 und 12 Uhr steht ein reichhaltiges Frühstücksbuffet in der Kapitänsstube bereit. Sämtliche selbstgemachten Marmeladen, Smoothies, Eier und Käse von der Insel, Lachs, Nordseekrabben, Kuchen, Beeren… – an einem einzigen Morgen kann ich gar nicht alles probieren. Die Stimmung im Frühstücksraum ist gut, man kommt miteinander ins Gespräch und wünscht sich einen schönen Tag.

Und der verspricht tatsächlich eine Wucht zu werden. Auf einen Sommer-Nachschlag war ich gar nicht eingestellt, als ich bei starkem Wind und Platzregen von zu Hause losfuhr. Mit Strickjacke und Boots. Die Jacke kann ich getrost zum Koffer ins Schließfach der Fährgesellschaft sperren.

Denn das Thermometer klettert auf 20 Grad. Im Café in der Sonne zu sitzen reicht nicht. Ich muss den Sand spüren. 15 Kilometer führt der Beach um den unteren Teil der Insel – von Wyk bis Utersum, wo man zur Nordspitze Amrums hinüberwinken kann. Utersum, eines der kleinen, feinen Inseldörfer, gepflegt bis zum Gartenzwerg.

Hej, Pippi Langstrumpf...
Hej, Pippi Langstrumpf…

Hier treffe ich Eve Beiersdorf von „föhrliebt“, die aus kunterbunten Stoffen nicht nur Kinderkleider näht. Eine Maschine steht mitten im Raum, und bald auch Eve. Ringsherum ein Farbenmeer. Ob die Mützen für Kinder seien, will ich wissen. Doch die Schneiderin verneint.

Es gibt auch Kleider und Oberteile für Frauen, und nach Wunsch schneidert Eve nach Maß, Stoffe seien ja genug zur Auswahl. Ich muss mal wieder feststellen, dass zwei Tage auf Föhr nur ein Tropfen auf den heißen Stein sind. Sonst hätte ich mir ein witziges Kleid für den Strand nähen lassen. Sommer-Nachschlag.

Gasse in Wyk
Sommer-Nachschlag

Stattdessen wandere ich noch ein wenig durchs Dorf und nehme dann den Inselbus 11 zurück nach Wyk. Ich muss mich dringend ans Meer setzen, die Boots ausziehen, den Sand unter nackten Füßen spüren. Der Strand gehört zur Stadt, und die Stadt zum Strand. Das muss der Grund sein, warum Föhr mir immer so mediterran erscheint.

Allerdings gibt es im Mittelmeer keine Halligen, und ich starre versonnen auf die Warften von Langeness, der längsten aller Halligen. Hügel, die über dem Wasser zu schweben scheinen. Wie eine Fata Morgana. Kein Wunder, dass Theodor Storm die Halligen „schwimmende Träume“ genannt hat.

Am Strand in Wyk
Sand unter den Füßen

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Rackmers Hof und Primo PR für die Organisation und Unterstützung dieser Reise.

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  1. Hej Elke, auf den Beitrag habe ich mich schon seit Deiner fb-Vorschau gefreut. Und tatsächlich habe ich ihn mir für einen Morgen mit Zeit und Kaffee aufbewahrt. Föhr kenne ich bisher nur als Insel am Horizont. Diesen Blick auf die Halligen finde ich wunderbar. Danke für den schönen Einblick & Ausblick, Stefanie

    • Danke, liebe Stefanie, das freut mich! Irgendwann muss ich mal ein ganzes Wochenende auf Föhr bleiben. Es ist so ganz anders als Amrum, und ich mag beide Inseln.

      Liebe Grüße und schönes Wochenende!!

      Elke

  2. Hammer-Post!! Wer will nach dem Lesen des Artikels da nicht gleich hin? Danke fürs Teilen, und auf weitere Nord-/Ostseeberichte freue ich mich…
    Viele Grüße,
    Hubert

  3. Das macht mal wieder unglaublich Lust auf Meer. 🙂 Ich habe am Freitag erst mit einem guten Freund gewitzelt, ob wir einfach spontan an die Nordsee fahren, aber unsere Partner hätten das wohl etwas falsch verstehen können. *g*
    LG aus St. Leonhard Passeier

  4. Moin Elke,
    einfach wunderbar beschrieben, kann ich nur bestätigen, ist immer wieder schön bei Dir vorbeizuschauen.
    Schönen Gruß
    Helmut

  5. Pingback: Föhr im Winter | Nordfriesland

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