Die Schanze groovt

Das mit Hamburg und mir war nicht gerade Liebe auf den ersten Blick. Doch je öfter ich dort bin, desto besser läuft es zwischen uns. Beim ersten Mal wirkte Hamburg eher sperrig auf mich. Eine Spur zu herausgeputzt, natürlich schön, aber bourgeois.

Obwohl wir es beim ersten Date auch bis zur Schanze geschafft haben. Wir haben Bratkartoffel gegessen, aber die Liebe ging nicht durch den Magen. Vielleicht lag es an den Bratkartoffeln.

Von spannenden Vierteln wie Wilhelmsburg hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht mal ansatzweise erfahren, aber das geht selbst manchem Hamburger so. Nun hat sich alles geändert, und ich habe vor allem die Schanze und das Karoviertel ins Herz geschlossen.

Warum das so ist? Die beiden Kieze haben’s eben, das gewisse Etwas. Es ist die Lässigkeit, der Kontrast zum Sperrigen, Konservativen. Je vielschichtiger eine Stadt, desto spannender. Rom wäre ein Museum, gäbe es nur das antike Rom.

Ein Teil von Hamburg
Der Himmel überm Schulterblatt

Ich mag das Großstädtische dort, wo es intim wirkt. Dort, wo ein Teil des Ganzen aus dem Rahmen fällt. Letztendlich prägen die Menschen das Leben in einer Stadt. Je unterschiedlicher, desto lebhafter, desto mehr Raum für Kreativität. Es muss brodeln.

Als ich am Freitag über die Schanzenstraße und Umgebung schlendere, scheint die Sonne. Überall stehen die Leute draußen in Innenhöfen, fahren Rad, holen ihre Kinder ab oder laufen wie ich durch die Gegend.

Ich mag diesen Pulsschlag der Stadt, nie zu schnell, nie wirklich hektisch. Ein fast grooviger Rhythmus, zumindest was Schanze und Karo angeht. Man ist locker drauf. Niemand käme auch nur im Entferntesten auf die Idee, mich zu siezen.

Dahinter verbirgt sich Tortendesign.
Dahinter verbirgt sich Tortendesign.

Ich esse Suppe, weil das gerade passt, und ich auf der Bartelsstraße bin. Curry mit Blumenkohl in der „Souperia“, als gerade eines der heiß begehrten Plätzchen frei wird. Suppe ist das Salz in der Suppe von Großstädten. Wie oft vermisse ich die [Q]üche beim [Q]stall in der Düsseldorfer Altstadt! Die portugiesische Hühnersuppe, ein Traum.

Neben den Suppen sind die Kinos essentiell. Und das „3001“ im Innenhof an der Schanzenstraße hat ein erstklassiges Programm. Hier habe ich zuletzt Mads Mikkelsen gesehen. Sie zeigen auch Filme aus Uruguay und aus dem Kosovo – mehr muss man nicht sagen.

Kommen zuerst die Filme oder die Cafés? Davon gibt es jedenfalls genug. In Hamburg habe ich die Möglichkeit, ein Pastel de Nata zum Nachtisch zu essen. Wenn es auch nicht ganz so gut schmeckt wie in Lissabon, beziehungsweise Belém.

In Hamburg heißen sie nur Nata.
In Hamburg heißen sie nur Nata.

„Vai um galãozinho?“ Ich über schon mal für März, wenn ich wieder in der portugiesischen Hauptstadt weile und dort Milchkaffee, also Galão, trinken werde. Geht noch mehr?

Probiere ich mal die bunten Süßigkeiten der Tortendesignerin im „Liebes Bisschen“ auf der Eifflerstraße aus? Setze mich in den ehemaligen Milchladen, in dem heute „Herr Max“ Kaffee ausschenkt und starre auf die schicken, ollen Kacheln?

In beiden ist es gut voll, und ich habe noch eine Verabredung in “Gretchens Villa“, die ins Karoviertel passt wie die Faust aufs Auge. Kaffee ist ebenfalls ein Riesenthema in Hamburgs Szenevierteln, egal ob im „Kaffeekontor“ oder „Elbgold“, wo ich den ersten Kaffee meines Lebens mit Aeropress-Verfahren getrunken habe.

Alles Lokaldesign.
Alles Lokaldesign.

Auf dem Weg ins Karoviertel entdecke ich die kreative Ader des Viertels, die kleinen Läden und Pop-up Stores mit Hamburger Design oder Klamotten. Als da wäre das Lokaldesign am Schulterblatt 85 „hamburg handmade“. Fotografie, bedruckte Shirts, Ketten, Kissen.

Auf der Markstraße angekommen, stehe ich vor einem minimalistisch eingerichteten Shop. Graue Sweater, dekoriert mit Schals, mehr nicht. Ich bin neugierig, schlichte Dinge liebe ich. „Alles aus Bio-Baumwolle, wir bedrucken sie per Hand“, sagt die Ladenhüterin und rückt mir eine Karte in die Hand. „mmies“ steht drauf.

Ich ziehe weiter, zum Shoppen sind Schanze und Karoviertel einfach perfekt. In „Gretchens Villa“ sitzen wir zwischen türkisen Wänden an Tischen im Landhaus-Stil. Ich bestelle das „Zickige Gretchens“, sehr gesund, da aus einem Salatberg bestehend. Ziegenkäse on top. Dazu Prosecco mit Rhabarber. Passt nicht hundert Pro, schmeckt aber per se.

Das Zickige Gretchen lacht mich an.
Das Zickige Gretchen lacht mich an.

Ist es schon wieder so spät? Auf dem Rückweg hechte ich zurück zur Sternschanze, verpasse die Bahn und schaue mich um. Soll ich vielleicht noch ein bisschen bleiben? So tun, als wäre ich gerade erst angekommen? An den Weihnachtsbuden tobt der Bär, und ich mag die Schanze auch im Mondlicht.

Text und Fotos: Elke Weiler

Noch mehr lesen?

  1. Wie schön! Das macht Lust, da will ich hin!

  2. Oh, wäre toll, wenn es hier eine Funktion „per Mail schicken“ gäbe! So viele tolle Tipps: Die möchte ich natürlich schwarz auf weiß!
    Sonnige Grüße
    Jutta

  3. Pingback: Wohnen wie ein Berliner in Friedrichshain

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.