Vesterbro oder die skandinavische Lässigkeit

Wir laufen über die Istedgade, Freibeuter-Nicole und ich. Gleich hinterm Bahnhof Kopenhagens beginnt die Straße, die ebenso berühmt wie verrufen war. Wir sind mitten in Vesterbro, auch Vesterbronx genannt. Was wird passieren?

Im einstigen Rotlichtbezirk gibt es noch ein paar Erotikshops zwischen Asia-Kiosken, Boutiquen und Cafés. Und auch käufliche Liebe ist noch zu finden, doch man muss wissen, wo. Soviel kann mir Strandbaendit alias Patrick via Instagram versichern, der mal vorübergehend in Vesterbro gewohnt hat.

Ein Kiez aus dem 19. Jahrhundert, damals frequentiert von Arbeitern, Sozialisten, Kommunisten. 1944 flatterte hier der berühmte Satz „Istedgade ergibt sich nie“ den deutschen Besatzern entgegen. Eine Straße mit Charakter, eine Straße mit Geschichte. In den 60er und 70er Jahren kamen viele Immigranten und ließen sich hier nieder. Aber auch Sex und Drogen hielten Einzug, und das Arbeiterviertel mutierte zum Rotlichtbezirk. Erst in den letzten Jahren erfolgte die Gentrifizierung. Bunt und quirlig ist das Viertel geblieben.

Das „Je t’aime“ hat nichts mit käuflicher Liebe zu tun. Es ist ein Restaurant, das glücklicherweise um 17 Uhr schon geöffnet ist. Nicole und ich brauchen dringend einen Kaffee. Mister Blond sitzt draußen und grinst uns an. Vermutlich, weil auf meinem Shirt exakt der Name des Lokals steht. Gekrönt von einem „Oh là là“.

Mister Blond ist übrigens eher dunkelblond und vor allem flexibel. Deswegen ist es kein Problem, dass wir nur Kaffee wollen. Und vielleicht ein Stückchen Kuchen? Gibt’s leider nicht. Aber ein Dessert als lohnende Alternative. Unser Mann für alle kulinarischen Fälle will mal kurz in der Küche nachforschen, die gleich am Tisch nebenan sitzt. So etwas wie Rhabarber-Pie und Schoko-Souffle stehen zur Auswahl.

Zum Kaffee überrascht uns ein Gruß aus der Küche: Mini-Crème brûlée, köstlich. Die Küche spielt nach dem Gruß mit dem restauranteigenen Kind auf der Straße, Mister Blond liest draußen Zeitung, und wir genießen Kopenhagen.

Diese Lässigkeit, die nur Skandinavier können, vorzugsweise in der Großstadt. Und blond natürlich, egal welche Haarfarbe. Mein Dessert ist ein minimalistisches Küchlein mit eingekochtem Rhabarber in minimalistischen Stücken. Ein Gedicht. Neben der kulinarischen Beratung ist Mister Blond übrigens auch für die Wettervorhersage zuständig: Er prophezeit Sonne. Wir strahlen schon, hat uns doch unmittelbar nach der Ankunft in Kopenhagen ein fetter Regenschauer überrascht. Sonne am Stück also für die nächsten Tage. Wenn nicht gar ein Vorgeschmack auf den Sommer.

Wenig später lerne ich Gismo kennen. Er ist als Fensterhund in einer Boutique in der Istedgade engagiert, wo mich nichts mehr wundert. Ob Gismo mich bezüglich Klamotten berät? Nein, Frauchen übernimmt. Ausbeute: eine Tasche und ein Tuch, beides lässig und natürlich dänisches Design. Heruntergesetzt, perfekt. Gismo erhält zwischenzeitlich Kraulbesuch, die Welt ist in Ordnung auf der Istedgade. Bis dieser Typ kommt! Jetzt wird little Gismo wild. Scheinbar ist der andere Vierbeiner nicht gerade sein Freund und sollte nicht einfach so vor dem Schaufenster vorbeizockeln.

Es ist Zeit für Kødbyen, was übersetzt soviel wie Fleischstadt heißt. Der alte Meatpacking-District von Kopenhagen also, heute sind die Hallen zwar teilweise noch handwerklich, vor allem aber kulinarisch sowie künstlerisch besetzt. Vesterbro ist angesagt, es brodelt. Schon immer, doch nun sind auch die Studenten und Bohemians eingezogen. En passant habe ich Kødbyen bereits kennengelernt – bei einer Fahrradtour quer durch die Stadt.

Økologisk Spisehus
Økologisk Spisehus

Jetzt also live und in Farbe. Welches der Lokale teste ich aus? Das „Økologisk Spisehus“ BioMio lacht mich an. „Talking about a revolution“, singt Tracy Chapman im Innern, während ich mich für Gemüse, ein bisschen Huhn und Reis mit Teriyaki-Soße entscheide. Schmeckt nicht schlecht, wohl etwas trocken. Die hausgemachte Limonade mit Minze und Ingwer ist ein Knüller.

Ich laufe noch ein bisschen durchs Viertel, entdecke die Øksnehallen, wo einst Rinder den Besitzer wechselten. Ein Ort für Wechselausstellungen. Malerei, Design, Mode, Fotografie, wo sich einst Kuh an Kuh drängelte. Ja, ich mag Kopenhagen. Jedes Mal ein bisschen mehr. Und morgen dann mit Sonne.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Visit Denmark, die diese Reise unterstützt haben.

  1. Der war echt sooooo nett! Wenn ich mal wieder in Kopenhagen sein sollte, werde ich auf alle Fälle direkt ins je t’aime gehen!! Und dann aber richtig essen, was die Küche hergibt!!! 🙂

  2. Wir haben das Viertel auch aufgesucht. Den Kuchen haben wir aber nicht gefunden 🙂

    Die Skandinavier haben wirklich eine besondere Art, ruhig und herzlich. Ich finde sie sehr sympathisch.
    liebe Grüsse,
    Simon

    • Ihr habt bestimmt anderen Kuchen gefunden, oder? Es wimmelt ja nur so von Cafés da. Und in punkto Lässigkeit bzw. skandinavischem Humor kommt noch eine Story. Noch härter! 🙂

  3. Sehr schön geschriebener Artikel, der neugierig macht.

    Es bestätigt meine Vermutung, dass ich nicht das letzte Mal in Kopenhagen war 😉

    Liebe Grüße Mark

  4. Ja süßes können die Dänen zuuu gut und und das Handfeste geht ja auch mittlerweile über die Pølse hinaus… Tolle Stadt, tolle Menschen (egal welcher Nation) und toller Bericht. Ich freu mich auf den nächsten Artikel…
    Ahhh so ein wenig vermisse ich gerade die tolle Zeit dort 🙂 !!

    • Kann ich mir vorstellen, Patrick! Aber du wohnst ja auch nicht schlecht zu Hause. 😉 Der nächste Artikel führt auf die sogenannte Papierinsel, tolles Projekt…

  5. Pingback: Ein Wochenende in Kopenhagen

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