Ein Roadtrip zu den Manatees

Ein Manatee hat nicht gerade das, was man gemeinhin eine Idealfigur nennt. Eher so etwas wie eine überdimensionierte Kartoffelform. Und es sieht so gemütlich aus, wenn eine Seekuh quasi im Wasser schwebt. Dass 400 bis 500 Kilo so leicht wirken können!

Die Meeressäuger waren mir auf Anhieb sympathisch. Seit ich sie zum ersten Mal gesichtet habe – keine Ahnung, wo das war. Klarer Fall von Liebe auf den ersten Blick. Diese Schnauze! Dieser Urvieh-Charme! Diese Aura! Schätzungsweise um die 3000 leben im warmen Klima Floridas, erklärtes Ziel meiner Manatee-Recherchen.

Montagmittag, Miami, 74 Grad Fahrenheit. In den Wintermonaten ist die Luftfeuchtigkeit in Florida nicht so hoch wie sonst. Die Wolkenkratzer von Miami downtown glitzern im Sonnenlicht. Über den breiten Venetian Causeway fahre ich nach Miami Beach – Wasser zu beiden Seiten.

Palmen und Art Deco
Palmen und Art Deco

Palmen und pastellfarbene Art Deko-Gebäude bilden die Kulisse, vor der sich ein buntes Gemisch von Passanten tummelt. Auf der Bummelmeile Collins Avenue und auch sonst überall höre ich Spanisch. Miami ist fest in lateinamerikanischer Hand.

Später dröhnen Mambo- und Merengue-Klänge aus den Lokalen am Ocean Drive in die lauwarme Nacht der Neonlichter, während weiter hinten in der Dunkelheit die Atlantikwellen leise im Sand ausrollen.

Tanzen? Ein Muss. Die Stimmung in dem kleinen Salsaschuppen: überschäumend. Die Nächte in Miami: ewig lang. Doch schon am nächsten Tag mache ich mich auf die Suche nach den Seekühen und kehre der brodelnden Stadt den Rücken zu.

Schwebend in Key Biscayne
Schwebend in Key Biscayne

Meine erste Anlaufstelle ist Key Biscayne. Auf dem Weg südlich von South Beach über den Rickenbacker Causeway protzt die imposante Skyline von Downtown neben den riesigen Kreuzfahrtschiffen des Miami Seaport.

Auf Key Biscayne wohnen wie in den schicken Stadtvierteln Coral Gables und Coconut Groove eher die Wohlhabenden. Und Manatees! Im biscayneschen Seeaquarium, das nach eigenen Angaben als eines der größten seiner Art gilt, soll es neben Delfinen, Haien und Killerwalen noch mindestens 10.000 andere Meerlebewesen geben.

Die Dickste im Pool ist Juliet. Seit 1958 lebt sie in Miami. Glücklich? „Juliet hat etliche Kälber im Seeaquarium adoptiert“, erzählt Keeper Silvia voller Stolz. Ein wahres Wunder: Sieht Juliet so einen verwaisten Manatee-Wurm, bekommt sie Milch und kann ihn versorgen!

Juliet, die Dickste
Good old Juliet

Silvia mag Manatees, das war schon immer so: „Es sind sehr sanfte Tiere.“ Währendessen rollt Juliet ihren schweren Vegetarier-Körper nicht gerade mit Lichtgeschwindigkeit durch den Pool. Alle paar Minuten steckt sie ihre Schnauze aus dem Wasser, öffnet die Nüstern und saugt die Luft hörbar ein.

Natürlich ist Juliet nicht ohne Grund nach Miami gekommen. Nur kranke Tiere kommen hierher, zunächst in die Manatee-Klinik des Seeaquariums. Häufig verletzen sich die Seekühe an den Schiffsschrauben vorbeifahrender Boote.

Wer genesen oder hier geboren ist, wird auf seine Überlebensfähigkeit getestet. Je nach Ergebnis geht es dann in ein anderes Aquarium oder zurück zu Mutter Natur.

Wer gesund ist, kann wieder raus.
Wer gesund ist, kann wieder raus.

Draußen sucht man sich gerne kuschelige Plätzchen aus: Nur in über 20 Grad warmen Gewässern müssen die behäbigen Tiere keine Angst vor Unterkühlung oder Lungenentzündung haben. Auch sollte genügend Nahrung vorhanden sein, schließlich verzehrt so ein Koloss bis zu 40 Kilo Wasserpflanzen am Tag.

Würde man das Manatee nach seinen Lieblingsbeschäftigungen fragen, käme wohl heraus: Fressen, Schmusen, Chillen. Im Winter zieht es Juliets wilde Verwandte zu den Florida Keys.

Die südlichen Ausläufer der USA reihen sich wie die Perlen auf einer Schnur, dem US Highway 1, der hinunter bis nach Key West führt. Kleine Ortschaften umgeben die Schnellstraße, Pelikane, Palmen und das türkisfarbene Meer.

Der Rhythmus der Keys
Der Rhythmus der Keys

Schon während der Fahrt merke ich es: Die Keys leben ihren eigenen Rhythmus. Tropischer. Lässiger. Und irgendwie verrückter. Der Overseas Highway endet in Key West, dem südlichsten Flecken des us-amerikanischen Festlands. Ein Mix aus Leben am und mit dem Meer, Nostalgie und verblasstem Hippietum. Alte weiße Holzhäuser mit Veranden säumen die Straßen, dazwischen dichtes Grün, flirrende Hitze.

Key West: 90 Meilen bis Kuba
Key West: 90 Meilen bis Kuba

Schaukelstühle und Hängematten zieren die Veranden. Kein geringerer als Ernest Hemingway lebte, schrieb und fischte hier leidenschaftlich. Das Bild ist bunt: Kubaner, Afro-Amerikaner, Touristen, Fischer, Aussteiger und Marinesoldaten auf den Straßen. Hawaii-Hemden in allen Varianten und Kuriositäten in den Geschäften. Und in den Lokalen kommen nicht selten kubanische Spezialitäten auf den Tisch.

Denn die Karibikinsel liegt nur 140 Kilometer von Key West entfernt. Der Sonnenuntergang am Westende der Keys ist ein Fest: Täglich versammelt sich eine bunte Schar auf dem Mallory Square, begleitet von Straßenkünstlern und Musikern. Wo finde ich die Manatees?

Hemingway liebte die Keys.
Hemingway war auch da.

Neben den Keys suchen die Seekühe im Winter auch die wärmeren Binnengewässer auf, erfahre ich. Durch das Sumpfgebiet der Everglades folge ich ihrer Spur hoch bis zur Golfküste. In der Nähe von Fort Myers fließt der Orange River, der von November bis März von vielen Manatees als Winterresidenz auserkoren wird.

Der weiße Puderzuckerstrand der Golfküste blendet in der Mittagssonne. Salzgeruch liegt in der Luft, Pelikane sind auf der Jagd und stürzen sich kopfüber ins Wasser. Zusammen mit den vorgelagerten Inseln Sanibel und Captiva Island gilt die „Stadt der Palmen“ als Magnet für Strandliebhaber.

Ausgerechnet der Glühbirnen-Erfinder Thomas Alva Edison soll in Fort Myers mit dem Pflanzen von Palmen begonnen haben. Mächtige Königspalmen säumen den McGregor Boulevard, eine der Hauptstraßen, die in Richtung Orange River führt.

In der Manatee-Klinik bei Dr. Ruedi
Manatee-Spezialist Dr. Ruedi

Ich lande vor einer Art Sanatorium für Manatees. „Bis zu 500 Tiere leben im Winter im Orange River“, erzählt mir Dr. Dieter Ruedi, ein Tierarzt, der sich auf Seekühe spezialisiert hat. Das Team des Professors organisiert Kanu-Safaris, Seminare und Vorträge über Manatees.

Der Schweizer schätzt, dass 25 Prozent aller Krankheiten bei den Meeressäugern auf Propeller-Verletzungen durch Motorboote zurückgehen. Warum das so ist? Das weitläufig mit dem Elefanten verwandte Tier habe in den vier Millionen Jahren seiner Existenz keinerlei Feindverhalten erlernt. Arglos schwimmt es durch die Gewässer und widmet sich seinen Lieblingsbeschäftigungen.

Mit dem Kanu auf den Orange River
Mit dem Kanu auf den Orange River

Ich merke, es ist an der Zeit. Nach Juliet und ihren Kollegen möchte ich endlich Manatees in freier Natur erleben. Der Belgier Sven hilft mir dabei. Schon seit Jahren vermietet er Kanus und Kajaks für Bootstouren auf dem Orange River.

Er rät mir, ein Kajak zu nehmen, da es flacher auf dem Wasser liegt. Ganz nah bei den Manatees also. „Du brauchst keine Angst zu haben“, meint der Fachmann. Obschon der Orange River auch der Lebensraum von Alligatoren ist. Sven betont, dass die Faulpelze wirklich nicht scharf auf Menschen sind.

Ich vertraue ihm einfach mal und steige ins Kanu. Weit und breit kein Boot und kein Mensch, eigentlich ideale Bedingungen. Der Fluss wirkt ruhig, von dichten Büschen umgeben, und zum Glück auch kein Alligator in Sichtweite. Unmittelbar hinter den Bootsanlegern beginnt das Manatee-Gebiet. Motorbootfahrer werden per Schild zu Vorsicht und Schrittgeschwindigkeit gemahnt.

Wo sind sie?
Wo sind sie?

Ich paddele ein bisschen und beschließe dann, mich treiben zu lassen. Die Paddel hoch, lausche ich der Natur. Es ist herrlich. Und der Plan geht auf! Es dauert gar nicht lange, bis sich die ersten Seekühe dem Boot nähern. Mindestens zwei.

Ich fühle mich umzingelt. Man zeigt Humor, gibt sich große Mühe, nicht nur die behaarte Nase, sondern den massigen Körper in voller Schönheit an die Oberfläche zu bringen.

Was wollen sie mir sagen? Das Leben ist ein Fluss und gehört denen, die es genießen? Ich will das gerne glauben. Denn hier zu sein, so nah an den Manatees, die mich an ihrem Leben teilhaben lassen – das ist Glück.

Attacke eines fremden Delfins!
Attacke eines fremden Delfins!

Text und Fotos: Elke Weiler

Aus der Reihe „Archivgeschichten“: Als ich noch analog fotografierte und als Reisejournalistin für Tageszeitungen und Magazine unterwegs war, hatte ich die Gelegenheit, ein paar Manatees in Florida kennenlernen.

Noch mehr lesen?

  1. Pingback: Blick vom Balkon: Fort Myers Beach

  2. Ahhhh Elke! So eine Geschichte hatte ich auch noch geplant. Aber jetzt gibt es dazu nichts mehr zu sagen :-) Aber wirklich wieder sehr schön. Was aber noch fehlt: Du im Meerjungfrauenkostüm! Ich such mir derweil ein neues Trendtier!

    • Ja, Peter, such‘ dir mal ein Tier! Wie wäre es denn mit einem Kamel? Lässig, oder? Man könnte allein einen Film darüber machen, wie es die Kiefer hin und her schiebt. :-D

  3. Ui, tolle Bilder:) In Fort Myers war ich damals auch mit Manatees schwimmen, leider war das Wasser aber zu dieselig, sodass wir sie nur über Wasser sehen konnten. War trotzdem eine schöne Erfahrung:)
    Sonnige Grüße aus Australien,
    Nadja

  4. Pingback: Im Land der Seminolen

  5. Hallo Elke,

    wir waren bereits mit den Manatees am Crystal River tauchen – ein wirkliches fantastisches Erlebnis. Ende letzten Jahres waren wir wieder in Florida und auf den Florida Keys um dort die großen Wracks zu betauchen. Dabei haben wir festgestellt, dass die Manatees im Oktober/November direkt in Key Largo (dort war unser Ferienhaus) in den Buchten vorbeiziehen in Richtung Norden. So dass wir mehrere Tiere direkt vom Steg unseres Ferienhauses aus sehen konnten.

    Unter anderem waren wir auch zu Fuss in den Everglades bei den Alligatoren unterwegs…auch ein tolles Erlebnis. Vielleicht hast Du ja Lust meinen Artikel darüber auf meinem Blog zu lesen :

    http://feel4nature.com/eine-aussergewoehnliches-everglades-abenteuer-zu-fuss-ins-alligatorenloch/2014

    Im März geht es wieder für ein paar Wochen in die USA. Diesmal in den Südwesten um dort in einigen der großen Nationalparks wandern zu gehen. Wir freuen uns schon riesig.

    Deinen Blog lese ich übrigens regelmässig und finde ihn Klasse! Weiter so…

    LG, Christian

    • Hallo Christian,

      danke dir! Auch für den Lesetipp! Muss ich mir unbedingt anschauen. Ein Ferienhaus in Key Largo klingt auch sehr gut. Über welche Plattform habt ihr es gebucht?

      LG, Elke

      • Hallo Elke,
        da ich durch meine Jobs die ganzen Leute rund um die Tauchbranche kenne haben wir das Ferienhaus privat gebucht. Es war das Alamar Beach Cottage…die haben auch eine Webseite, aber die ist wenig einladend – dafür sind die 3 Häuser direkt an der Bucht mit eigenem Steg und Kajaks umso schöner… =)
        LG,Christian

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.