I

Im Bauwagen an der Mühle

Am Strand, Speicherkoog

Es ist der Moment, wenn du die Deichkrone überquerst. Das Meer glitzert bis zum Horizont. Diese Freude, wenn es da ist, die ändert sich auch nach über zehn Jahren Küstenleben nicht. Und wenn es weg ist, seinen Duft hinterlassen hat, das ist die willkommenste Einladung, über den Meeresboden zu laufen. Barfuß. Egal, wie gut der Schlick an den Füßen haftet.

In der Meldorfer Bucht sind die Gezeiten etwa wie Zuhause. Von Eiderstedt nach Nordermeldorf in Dithmarschen fahre ich übers Eidersperrwerk, das allerdings gerade für den Autoverkehr gesperrt ist. Ein Schiff muss aufs Meer hinaus. Ich kann nicht erkennen, ob es ein Kutter oder ein Ausflugsschiff ist. Der Verkehr auf der Straße ist ungleich höher. Auch auf der Seitenstraße stehe ich in der Schlange.

Ich brüte ein bisschen in der Sonne, die durch die Scheiben auf mich knallt, freue ich mich aber, dass Zouzous Klimaanlage so effektiv ist, eine Wärmepumpe, die wenig Energie verbraucht. Überhaupt ist mein E-Auto ausgesprochen unkompliziert, verlässlich und genügsam im Verbrauch. Zouzou frisst derzeit nur 15,2 kWh, im Winter waren es über 16.

Mit dem E-Auto nach Nordermeldorf
Zouzou im Einsatz

Eigentlich sind es nur 40 Kilometer bis Nordermeldorf. Doch was für ein seltsames Gefühl, erstmalig nach so vielen Monaten und Tagen wieder ein Köfferchen zu packen. Irgendwo anders zu übernachten. Im Bauwagen an einer Mühle! Allein die Routine bei der Reisevorbereitung fehlte. Das Buchen war easy, und ich schnell entschlossen. Doch am Tag der Abreise irrte ich verwirrt im Haus umher. Alles dauerte. Und ich fürchte, ich habe viel zu viel für die zwei Nächte eingepackt.

Aber kein Problem, diese Reise mache ich nicht mit dem Rad. Das kommt noch! Im Auto kann ich hier noch etwas abstellen und dort etwas verstauen. Da fiel mir siedendheiß ein: Der Test, ich brauche einen Test! Irgendwo auf dem Weg wird schon ein Testzentrum sein. Theoretisch hätte ich den Schnelltest während des Wartens gleich am Eidersperrwerk machen lassen können, wenn die Linksabbieger von der Durchfahrtstraße nicht großzügig den linken Fahrstreifen nutzen würden, um dann in die Seitenstraße abzubiegen. Hier kann ich also nicht drehen, dabei liegt das Testzentrum vor meiner Nase.

Auf der Bauwagen-Terrasse

Irgendwann geht es weiter, und bis dahin höre ich passende Musik von meiner „Sommer am Meer“-Playlist. Als Erstes steuere ich das hübsche Meldorf an. Flott in Domnähe parken und rein die Tourist-Info. Was für ein angenehmes Gefühl, wieder Gast sein zu dürfen. Man hilft mir freundlichst und reserviert stante pede einen Testtermin bei der Apotheke. Ich weiß, dass es genügend Leute gibt, die sich während der Pandemie ständig testen lassen mussten. Für mich ist es allerdings der erste Test draußen. Und ja, es ist unangenehm. Aber immerhin stimmt das Ergebnis.

Endlich kann ich zu „meinem“ Bauwagen in Nordermeldorf düsen. Meine Gastgeber Bruni und Ralf wohnen in der Mühle Juliane, die sie seit Ende der 90er Jahre umgebaut und zur Wohnmühle umfunktioniert haben. Die Bauwagen bilden in leichtem Halbrund quasi den Abschluss des Gartens. So habe ich von „meiner“ Terrasse den besten Mühlenblick.

Zunächst inspiziere ich den Küchen- und Badezimmerwagen, dann den Wohn- und Schlafzimmerwagen. Alles mit nordischer Gemütlichkeit eingerichtet. Alles da, was man so braucht oder auch nicht. Sogar einen kleinen Ofen gibt, so dass ich im Herbst wiederkommen könnte. Auch um den Saunawagen auszuprobieren, denn gerade ist mir schon warm genug. Im vierten Wagen könnten Kids übernachten. Oder Freunde. Bruni und Ralf vermieten zudem das reetgedeckte Müllerhaus aus dem 19. Jahrhundert. Auch eine Option bei generationenübergreifendem Urlaub, so erzählte mir Ralf: Oma und Opa im Häuschen, der Rest der Familie in den Bauwagen.

Was ist ein Zwickstell?

Auch die Bauwagen wurden von meinen Gastgebern upgecycelt. Die Idee dazu kam ihnen, als sich der Umbau des Holländers zur Wohnmühle hinzog. Ein Galerieholländer übrigens, auch Zwickstellholländer genannt. Das Zwickstell beschreibt einen umlaufenden Balkon. Von hier aus konnte der Müller einst die Flügel, den Steert und die Bremse bedienen. Die Mühle wurde in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts errichtet, 1950 wurden ihr die Flügel amputiert, die Mühle lief am Ende elektrisch. 1981 wurde sie stillgelegt, die ganze Historie haben Bruni und Ralf auf ihrer Website „Kultur.Wind.Mühle“ zusammengetragen.

Jedenfalls kam den beiden dann 2003 nach einem arbeitsreichen Tag an der Mühle die Idee mit den Bauwagen. Sie bauten zunächst zwei Wagen aus, einen zum Übernachten, einen zum Kochen. Das heutige Ensemble scheint wie für diesen Ort gemacht. Für die Ruhe. Das Landleben. Ok, man wünscht sich ein Tempolimit für die nahe Straße, aber das ist ein anderes Thema. Eines, das seit der Pandemie vielerorts neu diskutiert wird. Wo Menschen und Tiere leben, muss nicht schnell gefahren werden.

Im Speicherkoog

Ich packe gar nicht groß aus, lasse mich auf der Terrasse nieder und lausche den Geräuschen aus dem Nachbargarten und den Vögeln. Beschließe, schwimmen zu gehen. Den nächsten Strand finden ich beim Naturschutzgebiet Speicherkoog. Acht Kilometer. Ein Parkplatz nahe dem „Deichhaus“. Ein Imbiss, der sich Regionalität und Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben hat. Also schwer geeignet für ein kleines Dinner nach dem Schwimmen.

Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Auch hier haben Bruni und Ralf ihre Finger im Spiel. Unermüdlich die beiden. Denn wie ich sehe, gibt es am Deich nicht nur Lammfrikadellen, es sind noch andere Dinge in Planung. „Deichkajüten“ nennen sie diese neue Übernachtungsmöglichkeit, und ich bin schon gespannt.

Badestelle Nordermeldorf, Speicherkoog
Blick bis Büsum

Doch ahne ich von alldem noch nichts, als mein Blick vom Deich über das glitzernde Meer schweift. Bis Büsum kann ich gucken, das an seinem Hochhaus zu identifizieren ist wie Meldorf am Dom. Auch wenn ich fast täglich Zuhause schwimmen gehe: Endlich habe ich Zeit für den Strand. Für seinen Duft, seinen Minimalismus, seine Stimmen, die Wärme der Sonnenstrahlen auf der Haut.

Allein aushalten kann ich die Ruhe nicht lange. Das Wasser ruft. Ich bin direkt am Hundestrand, aber ohne Hund. Auch habe ich ein Schild gesehen: Sie bieten hier Wattwanderungen gemeinsam mit vierbeinigen Freunden an. Ich war noch nie mit Julchen oder Janni tief im Watt. Diverse Frauchen und Herrchen gehen mit ihren Hunden ans oder ins Wasser, was nicht bei jedem Vierbeiner gut ankommt.

Julchen sieht das ähnlich. Meer? Maximal bis Oberkante Bauchnabel. Und wenn es bewegt ist, muss man gebührend antworten! Heute schwimme ich einfach drauflos, immer dem Glitzern hinterher. Das Wasser ist seicht, man kann weit hineingehen oder eben nicht, wenn man gleich schwimmen will. Nordermeldorf ist eine typische Badestelle an der tideabhängigen Nordseeküste mit Grünstrand. Der Boden fühlte sich schlickig, aber nicht zu weich an.

Und zum Dinner?

Später werde ich wiederkommen und bei Ebbe an derselben Stelle eine Abendrunde durchs nasse Watt drehen. Barfuß. Später werde ich feststellen, dass es sich gut laufen lässt am Strand von Nordermeldorf. Die Füße versinken nur wenig im Schlick. Und überall hat das Meer kleine Pfützen zurückgelassen. Ein Vierbeiner wird neben mir auftauchen, mit dem gleichen verzückten Blick in die Ferne schauen.

Und abends im Watt

Nach dem Schwimmen steuere ich das „Deichhaus“ an, Bratduft in der Nase, doch die Tür ist verschlossen. Ein Mann kommt mir entgegen, ich ahne ja nicht, dass es sich um eine Hälfte meines Gastgeberpaars handelt. „Wir bereiten die Lammfrikadellen vor, morgen ab 10 Uhr ist wieder geöffnet.“ Nun, ich bin flexibel. Für meine Bauwagen-Küche habe ich leider nur Dinge fürs Frühstück eingepackt, aber Meldorf hat bestimmt ein paar nette Restaurants in petto. Und ich habe einen Test.

Also nach „Hause“, umziehen und das „Nightlife“ von Meldorf erkunden! Zouzou bekommt netterweise Gratis-Futter an der Ladesäule beim Dom, ich bezahle für meins im Restaurant „Zur Linde“ gleich nebenan. Draußen in der Abendsonne sitzen. Mit Blick auf den Markt, parkende Autos und die kirchliche Backsteinarchitektur. Nach der Rückkehr noch eine Runde durchs Watt schlendern, in Pfützen plätschern. Später die Gegend hinterm Bauwagen erkunden. Was verschwindet da raschelnd im Kornfeld? Bestimmt ein Reh.

Text und Fotos: Elke Weiler

Wenn dir dieser Artikel gefallen hat, teile ihn oder unterstütze mich via PayPal – danke!
Elke

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

  1. Kai says:

    Einen schönen Ausflug hast Du da gemacht. Ich mag den Speicherkoog und auch den Imbiss. :-) Auf der Fahrt dorthin liegt aber noch ein Highlight, das Sauerkrautmuseum, das Kohlosseum in Wesselburen. Ich behaupte mal, dass Sauerkraut nirgens besser schmecken kann als von dort. Es gibt eine tolle Ausstellung und ganzjährig Programme rund um den Kohl. Dithmarschen ist schon ein ziemlich toller Flecken. Kommt gleich hinter NF :-)

    Lieber Gruß
    Kai

    1. Elke says:

      Da gebe ich dir vollkommen recht! Das Sauerkraut aus Wesselburen ist klasse. Hast du schon mal deren Kimchi probiert? Wir sind super gerne im Café Koog in Wesselburenerkoog. Auf meiner Mini-Reise bin ich nun am KOHLosseum vorbeigefahren, habe aber auf dem Weg nach Nordermeldorf was Neues entdeckt, das Gartencafé in Süderdeich, sehr schön, sehr lecker! Also falls du mal wieder in die Gegend kommst. Wart ihr schon mal im Steinzeitpark? Oder in Burg im Wald? Auf der Bargener Fähre? In diesem Sommer habe ich schon so einiges in Dithmarschen gemacht, aber es steht auch noch allerhand auf der Liste, die Draisinenbahn z.B.
      Liebe Grüße nach Dänemark!
      Elke

      1. Kai says:

        Ich muss unseren neuen alten Bulli durch den dänischen TÜV bringen. Noch zittere ich. Aber dann gehts los. Schade, dass uns ein kleiner E-Flitzer einfach vom Platz nicht reicht. Waldmuseum in Burg ist ganz spannend, und im Steinzeitpark waren wir letztes Jahr nach einer Übernachtung mit Freunden in der Heuherberge am NOK. Bargener Fähre steht schon lange auf dem Programm.
        Aber jetzt heißt es erstmal Carport tiefer legen, den Urwald in seine Schranken weisen und Terrasse bauen. Was war das Leben als Mieter doch entspannt:-) Und falls ihr mal in der Gegend seid, bei uns gibts leckere, dänische Schichttorte…

        1. Elke says:

          Natürlich würde ich nicht nur wegen der Schichttorte vorbeikommen, aber das klingt schon ziemlich lecker. ;-) Ich melde mich auf jeden Fall vorher! Und viel Erfolg für den Bulli, den Carport und die Terrasse!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.