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Die Kunst des Stickens

Beeilen? Nicht möglich. Nicht bei dieser Art von Arbeit. Gebannt schauen wir den Stickerinnen von Madeira auf die geschickten Hände. Sandra Barreto führt uns durch den Traditionsbetrieb in Funchal, den ihre Eltern vor mehr als 30 Jahren erwarben.

Gestickt wurde auf der Atlantikinsel quasi seit der dauerhaften Besiedlung im 15. Jahrhundert. Im 19. Jahrhundert brachte eine Engländerin die Hobbystickerinnen in den Familien dazu, die Nadel nicht nur für den privaten Gebrauch in die Hand zu nehmen. Mit großem Erfolg.

Beginnend mit dem professionellen Vertrieb in England, gingen die Produkte weg wie warme Semmeln. Zehntausende Bordadeiras trugen das ihre dazu bei, den internationalen Ruf der Insel in Sachen Sticken zu festigen.

Auch heute noch sind es die Frauen, die das Handwerk dominieren. Auf unserer Tour durch den Betrieb dürfen wir den Stickerinnen ausnahmsweise zusehen, die normalerweise zu Hause arbeiten.

In dem alten Haus auf der Rua Ivens – das Ambiente ebenso nostalgisch wie das Metier – überträgt Designerin Graciela ihre Muster mit einer 100 Jahre alten Maschine aus Paris. Zwei Schichten Pergamentpapier werden nach Vorlage gelocht: Noch funktioniert die alte Picotadora.

Die Stickerinnen von Madeira bei der Arbeit

„Auf der Insel existieren sogar noch ältere Maschinen“, weiß Chefin Sandra. Doch geht etwas kaputt, wird es schwierig. „Es gab einen Insulaner, der sich mit den Maschinen auskannte. Doch leider ist er bereits verstorben.“ Im Zweifelsfall muss eben improvisiert werden.

Doch aktuell läuft alles wie am Schnürchen. Der Stoff geht in die Blaupause, wird manuell mithilfe des gestanzten Pergaments markiert, Gracielas florales Design ist übertragen.

Eine sogenannte Agentin verteilt die Arbeitsstücke dann an die Stickerinnen, je nach Expertengebiet. Manch eine ist vielleicht auf „Richelieu“ spezialisiert, kein historischer Franzose, sondern ein bestimmter Stich beim Sticken.

Man schätzt die Zahl der Bordadeiras von Madeira heute auf etwa 4500. Meist sind es Hausfrauen mit flexibler Zeiteinteilung. Bei Vollzeit braucht eine von ihnen drei bis vier Tage für ein Deckchen, eine Tischdecke hingegen kann Monate dauern.

Das fertige Stück wird dann nach der Abnahme im Betrieb gewaschen, um die blaue Tinte zu entfernen. Sowie ausgeschnitten, denn Madeiras Kunst ist die Lochstickerei.

Schnell und präzise arbeitet die Frau mit der Schere. Schneidet sie daneben, muss sie nachsäumen. Aber das passiert eher selten. Jetzt wird noch gebügelt, dann geht‘s ab ins Instituto do Bordado mit dem guten Teil: Qualitätssiegel „Bordado do Madeira“.

Text und Fotos: Elke Weiler

Danke an Quintas da Madeira & TAP Portugal für die Unterstützung dieser Reise.

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Elke

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

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