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Der Apfelkuchen-Hype

Zugegeben. Ich bin eine alte Kaffeetante und ohne Kuchen geht gar nichts. Nur wenn ich unterwegs bin, komme ich oft nicht im richtigen Moment am richtigen Lokal vorbei. Deswegen ist es manchmal schlauer, einen Hotspot direkt ins Tagesprogramm aufzunehmen. In Stockholm gehört wohl das Café Sturekatten dazu. Nach eigenen Angaben die älteste Konditorei der Stadt, das klingt schon mal nach Nostalgie, rein räumlich.

Und Retro ist schick. Ich nehme die Metro, beziehungsweise Tunnelbana bis Östermalmstorg und lande im Luxusshoppingdistrikt. Weit und breit keine Spur von einem niedlichen Café. Nachdem ich ein bisschen hier und dort geschaut habe, werfe ich einen Blick auf den Plan, der mir sagt, es ist heiß.

Ich brauche professionelle Hilfe und gehe in eine Edelboutique, um mich als verzweifelte Touristin mit Kuchengier zu outen. Und siehe, man kann mir helfen. Ja, das Café sei direkt gegenüber. Allerdings finden es viele nicht auf Anhieb, weil der Eingang in einem Innenhof liegt.

Eingang zum Sturekatten
Gefunden!

Dann sehe ich auch schon das Schild mit der Katze, die Kaffee trinkt. Wunderbar. Doch als ich die Treppen hinaufsteige und in einer Schlange lande, wird mir ganz schnell klar: Außer mir hat noch halb Stockholm Kaffeedurst.

Alle treffen sich im Sturekatten

Von wegen Touristencafé also! Kinder, lesende Bohemiens, Kaffeekränzchen unter Singles, schwedische Großfamilien, Senioren mit roten Wangen – alle treffen sich im Sturekatten. Und ich mag diesen Mix.

Das System überrascht mich. Kaffee und Tee holt man sich von den Servicetischen, die in den verwinkelten, über zwei Etagen verteilten Räumlichkeiten zu finden sind. Ich suche mir erst einmal einen freien Tisch, besetze ihn in guter alter Urlauber-am-Pool-Manier, wenn auch ohne Handtuch.

Plüschig!

Aber im Winter gibt es ja genug zum Belegen: Handschuhe, Mütze, Schal, Jacke. Alles sorgfältig ausgebreitet. Ist das auffällig? Wenn gar touristisch? Um eventuelle Beobachter zu täuschen, vertiefe ich mich ein bisschen in die Mustertapeten und bewundere die Häkelgardinen am Fenster. Um mich herum eine historische Mischung: Jugendstillampen, Gartenstühle und Empire-Sofas. Der wilde Stil von Ur-Oma.

Doch dann werde ich nervös und stürme das Buffet. Den Kuchen gibt’s an der Kasse ein Stockwerk tiefer. Wegen der Schlange habe ich Angst, dass die Apfeltorte bald ausgeht. Zumal anscheinend jeder Einzelne vor mir gleich bestellt. Was ist los in der Stadt?

An jenem Sonntag in Stockholm ist der Kuchengott mir hold. Es reicht so gerade. Auch die Vanillesoße. Also bestelle ich „the same please“, bezahle und jongliere Teller sowie Milchkaffee über die schmale Stiege zurück an meinen Tisch. An den Servicetischen gibt’s nämlich nur normalen Kaffee. Geschafft. Und nach mir die Sintflut.

Text und Fotos: Elke Weiler

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CategoriesStockholm
Elke

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

  1. Herrlich! Da konnte ich mir ein Lachen nicht verkneifen ;-). Die Angst um das letzte Stück ist einer der Gründe, warum ich Buffets möglichst aus dem Weg gehe. Ich lasse mir mein Essen lieber am Tisch servieren – das hat außerdem den Vorteil, dass ich dann nicht soooo viel esse … sondern nur die mir zustehende Portion.

    1. Elke says:

      ;-) Aber es gibt ja auch noch die Lokale mit den Riesenportionen! Und nicht zu wenige. Neuerdings auch mit Verhandlungsspielraum, Seniorenteller und solchen Sachen…

  2. Tami says:

    Elke, ich versteh dich zu gut! Bei Apfeltorte hört bei mir auch der Spaß auf… wenn da kein Stückchen mehr übrig ist.. ;)
    Ein sehr schöner Bericht!

  3. Claudia says:

    Lustigerweise war gerade ein Bericht im Fernsehen von genau diesem Cafe. Steht schon in meinem Kalender für Dezember, wenn ich in Stockholm bin.
    Liebe Grüße

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