Mein erstes Wort Baskisch

Gleich am ersten Tag habe ich mein erstes Wort Baskisch gelernt: Txakoli (sprich: tschakolí). Ein wichtiges Wort. Kurz nach meiner Ankunft in Bilbao passiert es. Ich sehe mich in meinem Zimmer des Basque Boutique Hotel um: Ich werde auf ausgedienten Weinfässern schlafen, sitzen, lesen. Keine Sorge, man riecht das nicht.

Grüne und hellgrüne Akzente im Raum wurden wegen der Trauben gewählt, denn der Txakoli ist ein junger, leichter, fruchtiger Wein, der hauptsächlich im Baskenland angebaut wird. Man sagt, er sei so alt wie seine Geschichte. Ich bin mitten in der Altstadt von Bilbao und öffne das Fenster. Stimmengewirr schallt aus den Gassen, es ist Aperitif-Zeit.

Zeit, sich mit Freunden zu treffen. Zeit für einen Txakoli. Doch weit komme ich nicht, als ich mich ins Getümmel stürze. Ganz gegen meine Gewohnheiten kaufe ich zwei Postkarten und frage wegen der Briefmarken. Die Sache verläuft so: Ich grüße auf Spanisch, rede auf Englisch weiter, und die Verkäuferin ahnt, dass da mehr Spanisch in mir schlummert.

Das Txakoli-Zimmer
Das Txakoli-Zimmer

Das will sie sogleich aktivieren: „sellos“ hießen die Marken, falls ich einen Tabakladen fände. Meine Ausbeute innerhalb kürzester Zeit also: ein Wort Baskisch neu gelernt, ein Wort Spanisch reaktiviert. Zu Letzterem werden sich im Laufe dieser Reise noch sehr viele weitere Vokabel hinzugesellen. Wieder belebt aus Schulzeiten und einem sechswöchigen Aufenthalt in Kantabrien nach dem Abi.

Abends auf der Plaza Nueva

Aber Baskisch! Allein die Namen kann ich mir nur schwer merken. Selbst unsere Begleiterin Susanne, die aus Bayern stammt, in Italien gelebt hat und nun seit langem im Baskenland beheimatet ist, muss passen. Ihr Mann, ein baskischer Künstler, wuchs zu den Zeiten auf, als Baskisch nicht an den Schulen gelehrt wurde. Zu Zeiten der Franco-Diktatur wurden andere Sprachen neben dem Kastilischen unterdrückt.

Im Weinfass sitzen
Wie Diogenes in der Tonne

Heute ist das anders. Baskisch gilt als älteste noch lebende europäische Sprache, es ist nach bisherigem Forschungsstand mit keiner anderen Sprache genetisch verwandt und wird von zirka 900.000 Menschen gesprochen. Sie sind allesamt mindestens zweisprachig, je nachdem auf welcher Seite entweder Spanisch oder Französisch sprechend.

Daher vertraue ich auf meine in der Tiefe des Hirns verschollenen Spanischkentnisse, was die weiteren Tage angeht. Und wer weiß, vielleicht lerne ich außer Txakoli ja noch ein bisschen Baskisch. Allein mein Hirn wird das entscheiden. Susanne führt uns an einen ihrer Lieblingsplätze von Bilbao, die Plaza Nueva.

Auf zum Pinto-Pote
Auf zum Pinto-Pote

Als wir unter den neoklassischen Arkaden flanieren, dem Treiben unter Sonnenschirmen zusehen und vom blauen Rahmen der „Café Bar Bilbao“ angezogen werden, ist plötzlich alles ganz klar. Es wird Zeit für den ersten Txakoli. Dazu natürlich Pintxos, baskische Tapas. Wort Nummer 2 also. Der Name Pintxo (sprich: pintscho) bezieht sich auf den Spieß, einen Zahnstocher, der die meist aufwendige Kreation zusammenhält und später den Preis indiziert.

Der Boden in der Bar, vor allem rund um den Tresen, ist bedeckt von zerknüllten Servietten. Ein gutes Zeichen, so Susanne. Denn wer die Papierserviette auf den Boden wirft, erklärt damit wohl, dass es ihm geschmeckt hat. Mir mundet der Probier-Pintxo schon, auch der Txakoli. Doch den Boden verdrecken kann ich irgendwie nicht.

Komplexe Häppchen: Pintxos
Komplexe Häppchen: Pintxos

Schäferin mit Txapela

Da ziehe ich den traditionellen Weg vor und strahle den Mann hinter der Theke an. „Muy rico“ formen meine Lippen. Gegen den natürlichen Geräuschpegel in einer Bar komme ich schlecht an. Ich könnte noch ewig bleiben, mitten im Getümmel, und mich durch Tabletts voller komplexer Häppchen probieren. Doch wir ziehen weiter.

In meinem Txakoli-Zimmer mitten in der Altstadt von Bilbao schlafe ich wunderbar. Bei offenem Fenster merke ich nicht, wie das Gemurmel der Nachtschwärmer langsam abebbt. Am nächsten Morgen muss ich es dann tun: eine dieser Kombinationen anprobieren. Original baskische Tracht, die im Wohnzimmer des Boutique Hotels hängt.

Baskische Tracht
Ich kann ja noch hineinwachsen.

Überdimensiert wie die Kleider sind, lassen sie sich bequem über bereits vorhandene Klamotten ziehen. Doch mir wird warm, sehr warm. Und ich bin weit davon entfernt, mit der Txapela (sprich: tschapéla) wie ein Schäferin aus den Pyrenäen auszusehen. Aber ich muss mich daran erinnern, dass ich mal so eine gefilzte rote Baskenmütze besaß. Irgendwann in den 90ern.

Die Boina, wie sie auf Spanisch heißt, hat bereits diverse modische Phasen durchlebt. In der Altstadt finden wir den Laden einer der wenigen Herstellerfirmen: „Boinas Elosegui“ aus Tolosa, die seit 1858 Kappen produzieren. Neben den Klassikern natürlich auch andere Modelle, etwa mit gestricktem Rand und Blumenapplikation. Leider ist das Geschäft noch geschlossen, ich muss das Thema beim nächsten Besuch vertiefen.

Die Boina, Txapela, Baskenmütze
Die Boina, Txapela, Baskenmütze

Autos, die nicht fahren

Dafür komme ich weiter, was den Txakoli angeht. Wir landen nämlich in Torre Loizaga, eigentlich der Oldtimer wegen. 30 Kilometer von Bilbao entfernt liegt die größte Rolls Royce-Sammlung der Welt versteckt zwischen grünen Hügeln voller Weinreben. Alle Modelle von 1910 bis 1998 vorhanden. Eigentlich bin ich kein Autofan, es sei denn, es handelt sich um Enten.

Dann würde ich Patricio sofort heiraten. Aber Rolls Royce? Patricio, der die Sammlung von seinem Großonkel geerbt hat, führt uns herum. Da alle Wagen über mehrere Hallen verteilt und unbeweglich sind, lautet meine wichtigste Frage: Fahren diese Autos noch? Patricio sagt, dass lediglich die Mechaniker die Oldtimer in Gang halten und damit auf dem Gelände fahren. Ab und zu.

Sünde! Aber wenigstens dürfen wir uns einmal hineinsetzen und so tun als ob. Die Hupen testen! Ich fühle mich ein bisschen wie als Kind damals auf der Kirmes. Es gab diese Nachbildungen von Oldtimern, die über eine bestimmte Strecke fuhren, egal was man darin tat. Diese großen Lenkräder! Ich vermute, dass sich damals frühkindliche Prägungen in Richtung Ente festsetzten.

Jeder Txakoli ist anders

Patricios Großonkel hatte nicht nur ein Faible für klassische Autos. Er düste als Junge schon durch diese Gegend und hatte sich in einen halben Turm verguckt, den er später wiederaufbaute. Allerdings nicht mit dem Material aus dem eigenen Steinbruch. Torre Loizaga sollte mit Steinen anderer Ruinen errichtet werden. Auch die Aufgabe des Architekten hat der Großonkel übernommen, als er ein kleines, mittelalterlich anmutendes Ensemble schuf. Sogar die obligatorische Hängebrücke fehlt nicht.

Die Reben und der Turm
Die Reben und der Turm

Da stehen wir ganz oben auf dem Turm, beim Hinaufgehen haben wir den Unterschied zwischen dem Original und der aufgesetzten Struktur kaum bemerkt. Schauen auf die umliegenden Hügel und den Txakoli, der das Etikett „Torre de Loizaga“ tragen darf. Mit dem Wein hat Patricio nämlich nichts zu tun.

Wir treffen Unai Sulibarría in der Bodega am Fuße des Torre Loizaga. Er hat schon einiges für uns vorbereitet, und alles wird sich um den Txakoli drehen. „Jeder Wein ist anders“, verspricht Unai uns. Und das ist auch so. Der Erste schmeckt frisch, nach grünem Apfel und wird gerne als Aperitif getrunken. Der Zweite gilt als Aushängeschild der Bodegas Galdames und ist anderthalb Jahre alt.

Unai zeigt uns die Rebstöcke.
Unai zeigt uns die Rebstöcke.

Die Trauben des Dritten und Vierten stammen aus den besten, schwierigsten Hanglagen, der „Torre de Loizaga Selección“ ist zwei Jahre alt. Die typische Rebsorte Hondarribi Zuri bildet den Hauptbestandteil sämtlicher Txakoli-Weine. Unai serviert uns zu jedem Wein eine Kleinigkeit. Der baskische Schafskäse Idiazábal darf nicht fehlen, Brot, eingelegte Sardellen und hausgemachte Chorizo.

Es ist erst der Anfang. An der Küste, im schönen San Sebastián, werden wir einen ganz anderen, leicht perlenden Txakoli kosten. Und uns in Sachen Pintxos weiter vorarbeiten. Denn Donostia, so der baskische Name, gilt als kulinarischer Hotspot. Und nicht nur das…

Topa & salud!
Topa & salud!
Hondarribi Zuri
Junge Reben
Baskisches Landhaus
Landhaus des Winzers
Torre Loizaga
Der Weinstock
Brave Hunde in Bilbao
Hurrengo arte! Hasta luego! Bis bald!

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an das Baskenland und Spanien Tourismus, die meine Reise unterstützt haben.

  1. Ein neues Ziel auf meiner Reisewunschliste dank dieses so angenehm lesbaren Bericht! Gute Reise weiterhin

  2. Hast du auch „Patxaran“ gelernt? – Gehört, auf ein paar Eiswürfeln, nach meiner Erfahrung zu jeder spanischen Hochzeit und auch sonst immer wieder gerne dazu (am besten aus der grünen Flasche). 🙂

    • Ja, auch ohne baskische Hochzeit. 🙂 Darüber muss ich noch schreiben. In San Sebastián! Aus der grünen Flasche? Ne, den kenne ich noch nicht… Aber ich muss eh wieder hin! 😉

  3. Tolle Fotos – und ich finde, die Tracht steht Dir wirklich gut !!

  4. Pingback: Sommertage in San Sebastián | Baskenland, Spanien

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