Eines der schönsten Dörfer Dänemarks

Wir treffen Erik Ruus vor dem gelben Turm in Nordby (sprich: Norbü). Für einen Leuchtturm erscheint er uns zu klein, für einen Glockenturm zu allein. Doch Einwohner Erik erklärt, dass die dazugehörige Kirche außerhalb des Ortes steht und schon vor dem Turm dort war. Aber das ist eine andere Geschichte.

Jedenfalls wollten die Einwohner unmittelbaren Bescheid bekommen, wenn eine Messe oder wichtige Ankündigungen anstanden. Oder aufgrund eines Feuers Alarm geschlagen werden musste. Darum ließ man 1857 den Turm einfach mitten im Dorf erbauen. Alleinstehend.

Kirchturm ohne Kirche in Nordby
Der Turm des Anstoßes

Das Städtchen im Norden der dänischen Insel ist sicherlich der bekannteste und meist besuchte Ort hier. Nordby ist nämlich nicht nur nett anzusehen, es ist auch Titelträgerin: 1990 wurde es zum besterhaltenen Dorf Dänemarks erkoren.

Zu Recht, wie es uns erscheint. Noch heute, lange Zeit nach der Landwohnreform, bieten die alten Fachwerkhäuser und Bauernhöfe ein nahezu intaktes Bild. Einst gehörte das Land dem König, und die Bauern bewirtschafteten das Land gemeinschaftlich.

Nordby – wie aus dem Ei gepellt

Nach der Agrarreform des 18. Jahrhunderts waren die Bauern nicht sofort bereit, ihre Höfe aus dem Dorf hinaus zu verlegen. Denn der Ort war im Privatbesitz der Bauern, während das Land dahinter dem König und später dem Grafen gehörte. Also blieb das Wohnhaus im Dorf und wurde weitervererbt.

Dorfschönheit
Schön ist schön ist schön.

Wer wie unser Nordby-Kenner eine Reproduktion des ersten Stadtplans von 1812 zu Rate zieht, erkennt an den markierten Stellen, wieviel von der alten Substanz noch erhalten ist. Insbesondere von den vierseitigen Anlagen mit Innenhof.

Aber auch ein Rundgang mit offenen Augen durchs Dorf tut es: gepflegte Fachwerkhäuser, gemütliche Reetdächer, verschlungene Pfade. Denn das Straßennetz ist sozusagen wild gewachsen. Das I-Tüpfelchen: ein ausladender Teich, in dem sich die Wolken spiegeln. Wo heute Enten gemütlich ihre Bahnen ziehen, rasteten einst andere Tiere. Damals trieben die Bauern allabendlich ihr Vieh auf den großen, freien Platz in der Dorfmitte.

Die Sache mit der Erbfolge

Erik führt uns zunächst in den Norden Nordbys, wo sich Hof an Hof reiht. Nummer 12 gilt als Paradebeispiel einer typischen Nordbyer Vierflügelanlage mit zwei Eingängen: einen zum Dorf, den anderen zum Feld.

Dorfschönheit in Dänemark
Wo sind die Einwohner?

Seit über zehn Jahren lebt unser Guide im Dorf, denn er hat hier eingeheiratet. Mit der Erbfolge vor Ort kennt er sich bestens aus: Hof und Gut wurden stets an die Töchter weitergegeben.

Und Erik Ruus kennt auch die Gründe. Zum einen verdingten sich die Insel-Männer nicht nur als Bauern sondern auch als Seeleute, so dass die Höfe meist von den Frauen geführt wurden. Dann existierte das Wohnrecht für die Älteren, die natürlich lieber bei der eigenen als bei der Schwiegertochter im Haus lebten.

Beim dritten Grund lächelt Erik verschmitzt. Er redet jetzt aus eigener Erfahrung: Die Nordby-Mädels seien traditionell sehr willenstark.

Samsø
Es gibt Leben in Nordby, es gibt ein Restaurant.

Wir laufen noch eine Weile durchs Städtchen und genießen die relaxte Atmosphäre. Einheimische treffen sich zu einem Plausch am Gartentor, Kaffeeduft zieht durch die Gassen.

„Normalerweise sind die Straßen nicht so verschmutzt“, meint Erik fast entschuldigend. Überall liegen die guten Samsø-Kartoffeln auf dem Boden, die der üppige Regen der letzten Tage von den nahen Feldern geschwemmt hat.

Schmutzig? Nicht Nordby! Hier ist eigentlich alles so, wie es in einem titeltragenden dänischen Ort sein sollte: hyggelig bis zum Umfallen.

Text und Fotos: Elke Weiler

Diese Reise wurde von der Reederei Færgen und dem Samsø Erhvervs- og Turistcenter ermöglicht.

Elke

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

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