Himmelschlickundmeer!

„Du bist ja verrückt“, meinte die Frau mit der Sonnenbrille.

Sie saß am Nachbartisch in Norderhafen auf Nordstand und freute sich über meinen Besuch – trotz der eher ungewöhnlichen Worte. Madame beeilte sich, ihr beizupflichten. Von wegen: mal was anderes als die übliche „Oh wie süß“-Tirade… Verrückt!

Und die Nachbarin stand auf verrückte Hunde, das war eindeutig. Wie sie so lachte und erzählte. Ich dagegen ahnte noch nicht im Entferntesten, was ich mir an jenem Tag Verrücktes anhören würde!

Was ich über mich ergehen lassen musste! Wie ich mich in höchste Gefahr begab! Leichtsinnig! Nur um Madame zu retten…

Aber noch war alles in Butter. Die Sonne schien, das Meer war verschwunden, und unser Pfingstbesuch mutete schon weniger verschlafen an.

Wo hatten die Pfingstlutscher ihre Schuhe versteckt?

Eigentlich waren die beiden recht patent. Leider verschlossen sie ihre Sachen in Monsieurs Büro, so dass ich weder Schuhe noch Unterhosen entführen konnte. Hatte man sie vorgewarnt?

Immerhin hatte ich den Eindruck, dass sie mich ziemlich gut leiden konnten. Ich meine, in jenen Momenten zumindest, in denen sie nicht am Deich oder irgendwo anders Siesta hielten.

Wahrlich, sie mussten eine lange Reise hinter sich haben. Ich vermutete stark, dass sie aus Afrika kamen. Der hünenhafte Lutscheronkel erzählte etwas über Affen, was meine Theorie bestätigte.

Außerdem war Madames Freundin, einer netten Blonden, ständig kalt, und ich erschrak bei jedem ihrer „Hatschi“. Später zog sie sich Schafswolle über die Füße. Mitten im Sommer! Um sie über die fehlende afrikanische Hitze hinweg zu trösten, brachte ich ihnen Gina, meine neue Giraffe mit den ellenlangen Beinen.

Eine wilde Schlickparty war im Gange.

Im Großen und Ganzen verbrachten wir eine schöne Zeit miteinander – bis zu jenem Moment, als wir von Party-Lutschern mit matschgrauen Beinen umzingelt waren. Viele Dötzchen waren darunter, die mir ihre salzigen Finger entgegenstreckten.

Um es kurz zu fassen: eine Art Fete war auf der Schobüller Seebrücke in Gang! Wir mischten uns locker unters Volk und schauten uns das bunte Treiben rings um den Steg an.

Da begann das Unheil seinen Lauf zu nehmen. Immer noch frage ich mich, wie das alles passieren konnte! Mit einem Mal sah ich Madame mitten durch den kniehohen Schlick laufen, und mein Herz klopfte wie verrückt.

Monsieur stand in aller Seelenruhe oberhalb der Stufen auf der Brücke. Hatte er keinen Überblick? Wir mussten handeln! Jetzt oder nie! Ich zerrte ihn die Treppe hinunter und stürzte mich todesmutig in die matschige, unansehliche, dunkelgraue Masse.

Julchen schick mit Schlickstrümpfen.

Was für ein Glibber! Es schüttelte mich, meine Beine sanken tief ein, ins Unendliche. Dieser Schlick war ein Fass ohne Boden! Ich saß in der Zwickmühle. Wie sollte ich Madame retten, wenn ich selber verloren war?

Jetzt wachte auch Monsieur endlich auf und rief nach Madame. Glücklicherweise näherte sie sich der Treppe, auf die ich mich zu retten versuchte. Nichts ging mehr: Weder konnte ich auf die Treppe zurück, noch wollte ich weiter in den heimtückischen Modder hinein.

Erst Madame konnte mich aus dieser misslichen Lage bugsieren, meine süße Heldin! Aber wie sah ich aus? Mitleidsbekundungen von allen Seiten. Es war an der Zeit, sich einmal kräftig zu schütteln.

Aber was zum Schafsköddel wollte Madame nun auch noch bei der künstlichen Regenschauer? Wo mich ein kleiner Junge nass spritzte? Es war wirklich nicht mein Tag.

Ein auf der Brücke verbliebener Lutscherpapa meinte den vollen Durchblick zu haben: „Ein Hund, der keinen Schlick mag und wasserscheu ist?!“ Das musste recht amüsant in seinen Augen sein. Männer!

Und jetzt auch noch duschen!

Seine nette kleine Tochter war da schon wesentlich feinfühliger und wollte mich wenigstens streicheln. Doch mein Martyrium war noch nicht beendet. Ungeachtet meiner Abneigung hob Monsieur mich hoch und hielt mich unter das kühle Spritzwasser.

Madame rieb meine Beine ab. Natürlich! Sie wollten beide, dass ich wieder hübsch, niedlich und knuddelig aussah. Aber zu welchem Preis? Am Ende fühlte ich mich einfach nass, der schöne Plüsch hing schwer an mir hinunter.

Weg! Lasst uns endlich diese wilde Schlick- und Wasserparty verlassen! Ich schob Kohldampf und freute mich auf Zuhause. Außerdem musste ich meine Bude für ein Wiedersehen mit Schwesterherz Missy vorbereiten!

Text: Julchen (nach Diktat zum Chillout in den Garten)

Fotos: Elke Weiler

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Julchen
Ein pfiffiger Hund mit leichtem Hang zum Drama. Julchen liebt weite Sandstrände und professionelle Buddelarbeiten. Nach langer Zeit hat Julchen sich nun wieder verlobt – ausgerechnet mit Jack, einem Border Collie aus dem fernen Apulien. Neben dem Job als Ressortleiterin Kolumne bei Meerblog arbeitet sie an ihrem dritten Buch. Ein Krimi!

2 Kommentare

  1. […] Heldin Madame musste mich damals aus einer recht ausweglosen Situation retten. (Ich berichtete.) Dabei wollte ich dasselbe für sie und unsere Pfingstlutscher tun, die schon ganz tief im Schlick […]

  2. […] sich nicht viel verändert, sah man mal von Norderhafen ab. Dort gingen wir traditionell mit den Pfingstlutschern hin, weil sie die Aussicht liebten. Nichts als Himmel, Meer und Halligen am […]

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