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Die Rikscha

Auf dem Deich und in unserem 30er-Zone-Kiez hatte ich alles unter Kontrolle. Meistens. Für ein fahrendes Auto ließ ich sogar meinen Freund Buddy stehen.

Halt! Stop! Sollten sich die Insassen doch wundern, dass die diensthabende Polizistin einem kurzbeinigen Lama glich. Oder frisch der Sesamstraße entsprungen war, wie meine Personal Trainerin zu sagen pflegte.

Madame et Monsieur jedenfalls waren not amused von meinem neuen Job. Dabei wollte ich mich nur ein wenig nützlich machen und hatte wie immer alle Pfoten voll zu tun.

Schließlich musste neben der Autoplage auch jemand nach den Pferden gucken. (Ich berichtete.) Obschon sie sehr schmackhafte Äpfel produzierten, ließ ihr Benehmen ansonsten oft zu wünschen übrig. Aber die Anarchie auf vier Beinen hat für alles eine Lösung – wenn ich nur die blöden Zäune niederreißen könnte!

Stolz wie Oskar: Julchen auf der neuen Rikscha!

Vive la liberté! Französisch klingt wie süßester Honig in meinen Ohren. Und wenn Madame mich „Julie!“ ruft, höre ich manchmal besser. Aber man sollte es nicht übertreiben, wenn man einen Ruf zu verlieren hat.

Wir liefen bei Flut über die Schobüller Seebrücke, und das Wasser platschte, quatschte und klatschte gegen die Holzbalken. Ich fühlte mich wie ein Haudegen auf einer ausgedienten Barke – auch ohne meine neue Walsafari-Mütze.

Es hatte leicht geregnet, die Luft war feucht, schwer und salzig. Kein Wunder, das Meer hatte uns umzingelt!
Ich bellte es kurz an, doch mir war nicht nach langen Diskussionen zumute.

Immer noch steckte mir die Meinungsverschiedenheit mit Madame in den Knochen. Beziehungsweise etwas Sperriges im Hals. Hätte ich den halb mumifizierten Vogel lieber doch nicht angerührt? Er war zwar staubtrocken, knackte aber laut.

So ein Kutter wäre auch nicht schlecht...

Zum Glück schaukelte mein Schiff nicht, so wurde mir wenigstens nicht übel. Madame hatte möglicherweise Recht, doch sie würde es nie erfahren! Denn es galt die uralte Weisheit: Ein braver Hund ist ein langweiliger Hund.

Wenn ich jetzt klein beigab, würde ich nie zu meinem Schiff kommen, das war klar wie Kloßbrühe. Oder umgekehrt? Ich musste das checken.

Derweil begnügte ich mich mit anderen Transportmitteln. Meine Pfoten trugen mich schon ziemlich weit, mussten aber auf längeren Strecken geschont werden. Dafür hatten wir schließlich die japanische Blechhöhle.

Yoshitoshis Heck war mein Reich, hier hatte ich unverbaubaren Weitblick, gitterfrei. Besonders spannend: die Hau-den-Regen-wech-Anlage direkt über meinem Kopf. Sie faszinierte mich jedesmal aufs Neue. Hin-her, hin-her. Klare Sicht. Himmelschafundmeer!

Luftig und schick: Rikscha fahren

Leider hatte Yoshitoshi einen großen Nachteil: Bei hohen Temperaturen begann die Kernschmelze in meinem Schädel. Mit letzter Kraft hängte ich meine Zunge in den Luftzug, meine einzige Hoffnung.

In der Rikscha war das natürlich ganz anders! Ich liebte sie. Madame stieg auf ihren Drahtesel, an den Monsieur meine Rikscha montiert hatte. Was für ein Vergnügen, welche Geschwindigkeit! Jeder Duft, jedes Geräusch war zum Greifen nah … und dann auch schon wieder weg!

Rikschafahren war die Beschleunigung der Normalerfahrung, wenn ich das mal so philosophisch ausdrücken darf. Sie bot mir auf dem Landweg das, was meine Jolle mir später mal auf dem Wasser bedeuten würde: ein Gefühl von Freiheit. Den Wind im Plüsch, die Nase nach vorn, vor mir nichts als das Meer.

Ich musste nur noch mal mit dem Meer reden, dass es mich nicht immer so nass spritzte!

Text: Julchen (nach Diktat die Lage bezüglich Gummistiefeln für Hunde gecheckt)

Fotos: Elke Weiler

3 Gedanken zu „Die Rikscha“

  1. Pingback: Meditation im Schnee | Meerblog

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