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Wilde Spiele im Schnee

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Mit einem Mal war mir nach innerer Einkehr. Also bat ich Madame, die Kerzen anzuzünden, und blickte auf den sitzenden Buddha. Er lächelte so rum und strahlte irgendwas aus. Ruhe.

Janni war draußen. Es schneite, und die Jäger waren unterwegs. Da schwor ich auf Meditation, statt wie üblich den Outdoorhasen zu mimen. Madame war von den Socken, sie dachte wohl, ich wäre krank.

Doch in Absprache mit meiner Psychoanalytikerin Mademoiselle Julie hielt ich mal an. Eine Verschnaufpause auf dem rasanten Flug durchs Leben. Denn schon bald wurde ich zwei Jahre alt.

Himmelschafundmeer, zwei fette Jahre! Eine gute Gelegenheit, ein erstes Resümee zu ziehen. Es war eine turbulente Zeit, reich an Emotionen und Erlebnissen.

Gegen meine Gewohnheit blieb ich also den ganzen Tag in Madames Nähe, statt für Recht und Ordnung zu sorgen und Strafzettel für Geschwindigkeitsüberschreitungen zu verteilen. Ich brauchte dieses kleine Auszeit und hatte viel zu diktieren.

Janni musste ran, er wurde langsam flügge. Sollte er doch draußen nach dem Rechten schauen, während ich meditierte. Und was tat der kleine Pupser? Steckte seine schwarze Nase in den Schnee und machte Bocksprünge wie ein pummeliges Nilpferd. Bellte den ganzen Deich zusammen, wenn einer der Piepmätze kurz Hallo sagte. Die übliche Katastrophe also.

Saubratino

Natürlich ging der Saubratino mir manchmal mächtig auf den Keks, doch in einem Punkt musste ich ihm Recht geben: Liebe war der Schlüssel. Ich wollte Madame et Monsieur vieles von dem zurückgeben, was sie so in mich hineinkraulten. Meine ganze Zuneigung demonstrieren. Zumindest während der Zeit der Treibjagd.

Während ich also lässig und eingekehrt von einem Sofa zum anderen wechselte, ging mir mein bisheriges Leben wie ein Film durch den Kopf. Die glückliche Babyzeit auf der Hummelwiese, die erste Autofahrt und das Ankommen im neuen Rudel. Mein erster Post. Husum.

Die schönen Stunden mit meinem Jugendfreund Buddy auf Nordstrand und unter diversen Kaffeetischen, wo wir uns liebevoll ineinander verhakten. Der Labi war eine echte Schokoschnitte, süß, nett und fixiert auf Stöckchen.

Wenn wir uns nicht trafen, kümmerte ich mich aufopferungsvoll um die Pferde hinterm Haus. Sie galopperten so herrlich, was mich ultra neidisch machte. Doch dank meiner exzellenten zweiten Beißerchen schaffte ich es schnell, alle Zäune niederzureißen.

Was für ein Fest! Nur ich und die stolzen Vierbeiner auf den Fennen – die volle Freiheit. Vor allem das Fohlen, es freute sich genauso am Leben wie ich. Gemeinsam waren wir unschlagbar.

Leider zeigten Madame et Monsieur wenig Verständnis für meinen Hang zu exotischen Freundschaften. Wenn ich mal wieder ausgebüchst war, riefen, pfiffen, trommelten und tanzten sie die ganze Nachbarschaft vor die Fenster. Wir hatten unseren Ruf weg. Madame et Monsieur wollten meine Entwicklung in andere Bahnen leiten.

Spurensuche im Schnee

Also begann meine Ausbildung. Ohne mit der Wimper zu zucken, schaffte ich es, zwei Hundeschulen ins Chaos zu stürzen. Einfach durch mein unkonventionelles Wesen. Auch hier nannten sie mich die „Anarchie auf vier Beinen“. Nicht, dass es mir unangenehm gewesen wäre. Ich stand dazu.

In meinem ersten Sommer musste ich die Pfoten noch schonen und entdeckte die angenehme Seite des Transportwesens: das Rikschafahren, vielmehr das Gefahrenwerden. Oberschafsköddelgenial!

Sich den Wind um die Nase wehen lassen, die Düfte der warmen Jahreszeit quasi im Vorbeirauschen mitnehmen. Nur ab und an einen Kollegen schräg von oben anzubellen. Diese lahmen Pfotengänger! Und schwupps – waren wir auch schon wieder weg.

Als ich das erste Mal in meinem Leben mit der Fähre fuhr… Kinder! Ein Wunder. Ich würde es immer wieder tun. Doch nur auf der Fähre nach Pellworm verliebte ich mich. Das erste Mal in meinem Leben. Es traf mich wie ein Blitz.

Keiner war schöner als Popeye (sprich: pop’eje) aus Lüneburg! Ein Latin Lover vom Scheitel bis zur Pfote. Wilde schwarze Locken! Und wie er küssen konnte! Schade, dass ich ihn nie wieder sah. Vergeblich wartete ich wochenlang auf eine Flaschenpost vom zärtlichsten aller Spaniels.

Nur ein Ortswechsel konnte mich aus meiner Lethargie reißen. Wir zogen von Husum auf die schöne Halbinsel Eiderstedt. Damit war ich voll und ganz einverstanden, denn schließlich brachte mich die neue Hütte näher ans Paradies.

Und als etwas anderes konnte man das gelobte St. Buddel nicht bezeichnen. An die Außmaße seines Strandes, die Qualität des Sandes und das Glücksgefühl kam nur Rømø heran. Madame war allerdings anderer Meinung. Laut ihren Erfahrungen zählte auch Amrum in diese Kategorie.

Und plötzlich war da Janni Mann.

Doch ich konnte nur bei Sylt mitreden, wo ich mich mit meinem Schwesterherz Missy getroffen hatte. Wir rockten den Beach, und ich fand heraus: Zumindest servicemäßig war Sylt allen anderen voraus, denn es gab spezielle Strände und sogar Beachbars für unsereins. Sandmäßig wurde allerdings viel weggespült und landete in Dänemark.

Natürlich hatte ich während meines Aufenthalts auf der Partyinsel versucht, durch eine professionelle Unterkellerung dieser Abwanderung vorzubeugen. Doch scheinbar ließ sich die natürliche Entwicklung schwer stoppen. Ich musste unbedingt noch sehr oft nach Sylt fahren, bevor es futsch war.

Außerdem hatte ich es in den letzten zwei Jahren noch nicht geschafft, die berühmte Beachbeardine Caro kennenzulernen. Sie galt als Outdoorfreak wie ich und als Meerjungfer wie Janni. Hinzu kam, dass sie mich in einer schwierigen Liebesentscheidung konsultieren wollte. Sie wusste nämlich nicht, mit welchem der Meyer-Boys sie liiert war…

Apropos Liebe. Nachdem wir auf der schönen Halbinsel Eiderstedt Wurzeln geschlagen hatten, lernte ich Emil richtig kennen. Zwar waren wir uns in einer Husumer Hundeschule bereits über den Weg gelaufen, doch in der stressigen Situation hatte es nicht gefunkt.

Nun aber! Auf dem Deich, in unserem Liebesnest am Everschop, hatte es uns schier umgehauen. Wir fackelten nicht lange und verlobten uns einfach. Ein wundervoller Winter mit Emil auf dem Deich begann.

Im folgenden Frühjahr ließ es mein süßer Schapendoes an Pfotenspitzengefühl mangeln. Statt mich bei meinem neuen Projekt zur Wahl der Lammkönigin der Herzen zu unterstützen, erwägte auch er eine Kandidatur. Zumindest wollte er auch männliche Bewerber berücksichtigt wissen. Doch mein Projekt scheiterte letztendlich an den Lämmern, die nicht bereit waren, sich mit mir fotografieren zu lassen.

Viel wichtiger aber war, dass wir längst ein neues Rudelmitglied bekommen hatten. Noch vor dem Jahreswechsel war Mats bei uns eingezogen, und eine wilde Zeit begann. Es war noch grün hinter den Lauschern und hatte keine Ahnung von einem gepflegten Rudelleben. Außerdem schien er nur Chinesisch zu sprechen.

Schließlich rauften wir uns zusammen, spazierten gemeinsam über den Deich und solche Dinge. Mats entpuppte sich als wahrer Familienkater. Ich erlaubte ihm sogar, neben mir zu schlafen. Äußerst großzügig für meine Verhältnisse.

Gerangel

Doch das Katertier war nun mal ein prima Typ und das Kuschelmonster schlechthin. Ein bisschen neidisch war ich schon, als Matsi flügge wurde und das erste Mal alleine loszog. So ganz ohne Leine und Schnickschnack. Oder wenn er auf einen Baum kletterte, und ich nicht hinterher konnte.

Ich war halt kein Tiger. Selbst mit viel Training. Doch immerhin kraxelte ich vom Katertier inspiriert die Affenleiter hinauf ans Oberdeck. Der Vorteil: genau wie Mats war ich nun in der Lage, Madames et Monsieurs Schlafkoje in Besitz zu nehmen.

Zwar wurde es etwas eng zu viert, doch wir mussten halt zusammenrücken. So als Familie. Immerhin blieben die Rennplüsche in ihren Stelzenbauten. Meinen Lieblingsklöpsen auf vier Beinen war ich stets mit gebührendem Respekt begegnet, denn ich wusste, dass Madame große Stücke auf sie hielt.

Nicht zuletzt produzierten sie meine Filme, hatten sich aber nach dem Verscheiden des genialen Pepe ein Sabbatical genommen. Vor Ort wohlgemerkt. Warum? Die Meerschweinchen wollten einfach das Leben genießen, statt es sich mit Arbeit zu verkürzen.

Rückblickend gesehen: Alles war in bester Ordnung. Bis Janni kam. Der kleine Pupser stellte mein Leben auf den Kopf. Ich musste fortan alles mit ihm teilen: die Blechhöhle, die Sofas, die Bude. Aber das Übelste war: Madame et Monsieur gehörten nicht mehr mir allein.

Schlimmer konnte es also nicht kommen. Dachte ich! Doch dann verschwand das geliebte Katertier. Anfangs warf ich Janni vor, Mats quasi zur Tür hinaus geknutscht zu haben. Wenn das Löffelgesicht morgens vor der Tür stand, dauerte es nicht lange, und er wirkte wie frisch geduscht.

Wir trösteten uns mit dem Gedanken, dass Mats auf Weltreise gegangen war. Oder sich irgendwo verliebt hatte. Aber er schrieb keine einzige Postkarte. In Haus und Garten war alles so öde und leer ohne Kater. Keiner, der auf den Tisch sprang, Madame am Schreiben hinderte oder sich gemütlich zu den Rennplüschen legte.

All das ging mir durch den Kopf, während draußen Treibjagd war. Nur am Deich konnte man sich noch normal bewegen. Ihr werdet es nicht glauben, doch ich hatte seit einiger Zeit auch einen neuen Freund dort…

Suntje. Ein süßer Seehund! Er konnte sogar bellen, wenn es auch ziemlich komisch klang. Ein seltener Dialekt. Einmal blieb er extra so lange am Ufer liegen, bis ich zu ihm kam. Aber ins Wasser wollte ich nicht mit ihm gehen! Auf gar keinen Fall. Nur mit einem Boot. Oder mit einer Fähre.

Wir hatten letztens von einem Kater gehört, der die Fähre nach Föhr genommen hatte…

Viel Glück! Oder, wie man hier sagt: Klar kimming!

Text: Julchen (nach diesem ewig langen Diktat neben dem Schreibtisch eingepennt)

Fotos: Elke Weiler

13 Gedanken zu „Wilde Spiele im Schnee“

    1. Danke, Tante Claudi!

      Madame arbeitet daran, doch weil der Janni so ein aufwendiges Ding ist und ständig betüddelt werden muss, braucht sie noch etwas Zeit ;-)

      Dein Julchen

  1. Ich hab grad auf youtube einen schlimmen film gesehen, wo einer Deiner Artgenossen, doll schlimm misshandelt wurde und mich zu Dir geflüchtet. Ich dank Dir fürs trösten! War wieder schön bei dir!
    Irgendwann alles in einem buch zusammenfassen und dann mit einer Signatur, darauf wär ich echt stolz, an mich nach Luxemburg. Wenn die Welt zusammenbricht und der Strom knapp wird oder das schwarze Loch kommt, wo alles was elektronisch so gespeichert ist, verloren geht, dann hast Du gut daran getan, es aufzuschreiben. Damit auch andere Generationen etwas davon haben. Vielleicht kommt ja der Tag “ back to the roots“ oder wie das heisst und die Menschen lesen wieder. und..
    ich glaub man verdient auch Geld bei.
    Also bis dann 2013 und ein wundersames Weihnachtsfest
    Frodo aus Luxemburg

    1. Danke, Frodo, danke Zenzi!

      Wir kümmern uns wirklich um dieses Buch, und wenn alles gutgeht, um weitere… Und ja, wir schicken dir gerne eins mit Pfotensignierung ;-)
      Wegen des Films wäre es wohl am besten zu checken, ob der nicht etwa manipuliert wurde (so etwas gibt es auch) und ggfs. Anzeige zu erstatten.
      Weitere Kommentare bei Youtube nutzen da wenig.

      Auch für das ganze Rudel alles Liebe und Gute
      und einen guten Start für 2013!

      Julchen & Co.

  2. Frohe Weihnachten und ein gesundes, neues Jahr!
    Das wünschen
    Maren und Maddy

    P.S: Ein Exemplar vom Buch könnte auch zu mir fliegen. Nur paßt auf, welchen Verlag ihr anschreibt! Es gibt da so manche Abgründe.

    1. Liebe Maren & Maddy!

      Lieben Dank und auch für euch ein sehr schönes Fest und alles Gute für das kommende Jahr!

      Julchen will nur den besten Verlag… ;-) Bitte drückt Daumen und Pfoten, dass dieser uns auch will!!

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