Die große Party

Es ist die Stimmung. Etwas aufgekratzter, intensiver, schwungvoller als sonst. Ein Gefühl unbestimmter Vorfreude, eine Art Kribbeln. Die Bereitschaft, etwas Außergewöhnliches passieren zu lassen, auch wenn es nie passiert. Aus dem Alltag auszubrechen. Nur noch singen und tanzen, an nichts denken. Es ist jene freudige Erwartung, die den Karneval einleitet.

Schon als Kind habe ich die Karnevalstage geliebt. Mich zu verkleiden und mir verrückte Dinge auszudenken – vielleicht mehr als üblich. Vor allem bin ich gern in eine andere Haut geschlüpft. In eine neue Rolle. Den Indianer zu mimen, wie im Film. Sich einmal wie ein Cowboy oder eine Prinzessin zu fühlen. Doch eine solche Verkleidung ist nicht bei jedem Karneval üblich.

Marlin hilft bei der Anprobe.

Auch wenn der Ausdruck „to play Mas“ sich in der Karibik auf die Maskerade bezieht. In Saint John’s besuchen wir das sogenannte Mas Camp „Myst“, in dessen Räumlichkeiten es ebenso bunt wie geschäftig zugeht. Kostüme werden ausgegeben, angepasst, bezahlt. Mittendrin Marlin, der das Business vor zehn Jahren mit zwei Freunden aufzog. Wir dürfen uns die Kostüme für die Männer und Frauen anschauen. Am prächtigsten ist das der „Queen of the Band“: Mit wuchtigen Flügeln werden die Frauen am Tag des Umzugs über die Straßen trippeln. Auf den Köpfen reichhaltiger Feder- und Glitzerschmuck.

Und eines ist gewiss: Es wird heiß werden im August. Doch für alle Teilnehmer wird der Nachschub an Flüssigkeiten nie enden. In der Pause gibt es weitere Getränke und etwas zu essen. Für diese Zugehörigkeit zu einer Umzugsgruppe, greifen viele Antiguaner tief in die Tasche. Manch einer fängt am Ende des Karnevals bereits an, für die nächste Saison zu sparen.

Karibische Farben

Im Kostümpreis, der bei den Damen zwischen 1.300 und 1.800 EC$ liegt, also zirka 400 bis 550 Euro, sind zwei Outfits inklusive. Ein eher Minimalistisches für den Montagsumzug, ein Glitzerndes für den Dienstag. Getränke- und Toilettenwagen werden die „Band“ begleiten. Musik, die von allen Seiten gegen die Trommelfelle prallt. Soca und Calypso vor allem.

Mit dem Calypso fängt der Karneval für uns an, als wir an unserem zweiten Abend auf Antigua im Nationalstadion landen, wo sich die Steelbands beim sogenannten „Panorama“ einen Schlagabtausch liefern. Die Gruppen, ihr Spiel, die Luft ist voll von überschäumender Energie. Als es anfängt zu regnen, verziehen sich viele Zuschauer in die überdachten Ränge.

Bald geht es los.

Doch das ist halb so schön. Einige trotzen dem Wetter mit aufgespanntem Schirm. Und zum Glück verziehen sich die Wolken rasch wieder. Weggetrommelt, das Wasser. Während wir uns durch den Zeitunterschied noch im leichten Trancezustand durch die warme karibische Nacht bewegen, läuft uns der antiguanische Premier über den Weg. Einfach so, ohne Schlips, ohne Anzug, ohne großes Brimborium.

Wir schütteln die Hände, wechseln drei Worte, dann ist er auch schon wieder in der Menge verschwunden, wie jeder andere Teilnehmer des Events. So unkompliziert läuft das im Antillenstaat. Wir können uns kaum noch auf den Beinen halten und erfahren erst am nächsten Tag, welche der Steelbands den Zuschlag bekommen hat.

Ein Lied jedoch scheint den Karneval 2017 musikalisch zu bestimmen: „Miserable“ von Soca-King Menace. Natürlich gibt sich dieser an unserem dritten Abend auch höchstpersönlich die Ehre, denn der Wettbewerb der Soca-Sängerinnen und Sänger steht an, die Soca Monarch Competion. Eine Mischung aus Karibiksound und Popmusik.

Die Steelbands sind schon eher nach meinem Geschmack, da ich vor einigen Jahren in einer brasilianischen Batucada gespielt habe. Leider nicht in Brasilien, sondern in Süddeutschland. Aber zur badischen Fasnet sind wir eifrig durch die Straßen und über die Bühnen gewirbelt. Und wir haben gemerkt, wann der Funke übersprang. Eher auf der Straße als auf der Bühne.

Die Steelbands ziehen weiter.

Das ist im karibischen Kricketstadion anders. Da hinten den Soca-Sängern scheinbar diverse Fanclubs stehen, herrscht eine wesentlich ausgelassenere Stimmung an diesem Abend. Leuchtiodenstäbe werden gratis verteilt, die Zuschauer wippen und singen mit. Vor allem bei „Oath“ von Tian Winter sowie natürlich bei „Miserable“.

Düfte von den Garküchen hinter den Zuschauertribünen wabern durch die Luft. Zur Karnevalszeit leben die Nächte in der Karibik, und die Tage zerfließen in der Hitze. Verlassen der Shoppingbezirk in der Nähe des Kreuzfahrtterminals in Saint John’s. Die kleinen bunten Häuser am Redcliffe Quay. Verwaist auch der überdachte Markt, das Gemüse wartet vergeblich auf Abnehmer.

Irgendwo in St. John’s

Eine ältere Frau putzt Zwiebel im Zwielicht. Nein, sie möchte dabei nicht fotografiert werden. Nur der Mann, der seine Bestände auffüllt, lächelt uns aufmunternd an. Sonst ist da die Ruhe vor dem Sturm. Erst am Samstagmorgen geht wieder was, denn samstags ist Markttag. Montag und Dienstag hingegen machen die Geschäfte dicht – Karnevalsfeiertage!

Wie auch Barbados feiert Antigua im Sommer. Trinidad hingegen singt und tanzt im Februar wie das Rheinland. Von Crop Over spricht man auf Barbados, dem Erntedankfest. Nun fiebert Antigua dem „J’ouvert“ (gesprochen: juvé) entgegen, dem ersten Feiertag und Beginn des Straßenkarnevals in der Hauptstadt.

Blaue Stunde

Die große Party. So manch einer geht am Sonntag gar nicht erst ins Bett. Doch wir haben am Abend ganz traditionell den Sonnenuntergang auf den Shirley Heights genossen, mit Barbecue und Musikbands. Am Montagmorgen fallen wir zu Unzeiten aus den Federn. Musik in der Luft, schon am Strand. Vor sechs Uhr laufen wir durch die Straßen von Saint John’s, erleben die blaue Stunde und das langsame Einströmen der Menschen.

An einem der Stände probiere ich ein typisches antiguanisches Frühstück mit Stockfisch und Chop-up. Trinke einen selbstgemachten Kräutertee mit viel Lemongrass. Schaue wie gebannt der losgelösten Menge auf den Straßen zu, als sie uns endlich erreicht. Mit zuckenden Hüften schieben sich die Menschen voran, jeder so hergerichtet und angezogen, wie er mag.

It’s J’ouvert!

Erst tags darauf kommt ja der Federschmuck zur Geltung. Morgen die Kür, heute dominiert die Ausgelassenheit. Nicht selten simulieren die meist jungen Leute im Umzug diverse Kopulationstechniken. Manchmal wirkt es wie eine Persiflage, manchmal hat es einen aggressiven Unterton. Oft stehen sie einfach hintereinander, zu zweit, zu dritt. Die Hüften, immerzu die Hüften. Als bestünden die Menschen nur noch aus kreisenden, rollenden, zuckenden Hüften.

Auftritt der Hüften

Musik-LKWs, die fette Beats auf die Straßen schleudern. Dahinter Männer, die mit einem Schlauch Wassermengen auf die Massen sprühen. Vergessen alle Probleme dieser süßwasserarmen Insel, ertränkt im Hier und Jetzt, im warmen Nass. Erst am Nachmittag ändern sich die Formationen, jetzt ziehen auch die Bands durch die Straßen.

Und nach einer Ewigkeit ziehe auch ich wieder bei einem Karnevalsumzug mit. Beim letzten Mal war ich fünf Jahre alt und habe als Funkenmariechen einen ganzen Umzug begleitet. Mit auf den Wagen des Karnevalsvereins durfte ich damals wegen der Sicherheitsbestimmungen nicht. Aber zu Fuß ist es eh am schönsten, auch wenn du die Beine nicht so hoch schwingen kannst wie die großen Funkenmariechen. Auch wenn so ein Umzug sehr lang dauern kann.

Retroblick

Jahrzehnte später wippe ich also im Takt der Soca- und Calypsoklänge mit. In der Karibik spricht man nicht von tanzen, sondern von „jump“ – hüpfen. Ja, manchmal hüpfe ich auch. Der Sound ist schon vertraut: „Miserable“ erklingt in mehreren Versionen mal, von den Steelbands, mal vom Band, mal von Menace selbst interpretiert, der natürlich ebenfalls am Zug teilnimmt.

Manchmal bin ich mittendrin, manchmal am Rande. Es hat etwas Befreiendes. Einfach durch die Straßen der Stadt zu ziehen, die sonst den Autos gehört. Nun ist da nichts als Tanz und Musik. Die Stadt aus einem neuen Blickwinkel zu sehen. Lebhaft und bunt, ganz aus dem Häuschen. Sie mit dieser besonderen Atmosphäre kennenzulernen.

Neue Perspektiven

Am nächsten Tag wird der Karneval prächtig, werden die aufwendigen Kostüme hervorgeholt, wippen die Federn, glitzern die Glassteinchen, tänzeln die aufgebrezelten Damen und Herren mit minimalistischen Schritten übers Parkett aus Asphalt. „Auf diesen Tag habt ihr euch das ganze Jahr gefreut“, tönt es aus einem der Lautsprecher. Es klingt wie eine Durchhalteparole in der Mittagshitze.

Karnevals-Selfie

Der Schweiß läuft in Strömen, ebenso die Flüssigkeiten auf den Getränkewagen. Wie eine große Show mutet der finale Umzug an. Lächeln für die Linse. Und doch ist die Luft wie elektrisiert. Jetzt ist der Moment. Alle Erwartungen, das Kribbeln auf dem Höhepunkt. Und vielleicht ist auch schon eine Art Übersättigung erreicht.

Die Beats dröhnen, gehen durch den Körper, sind im Brustkorb fühlbar. Ein alter Mann wirkt verloren unter seinem Kostümteil, das er wohl irgendwo aufgegabelt hat. Sperrig und schief lastet es auf seinen Schultern. „365 Strände“ steht auf dem Rücken. So viele zählt die Insel ihr eigen. Ich muss dringend baden gehen. Zurück an meinen Strand, den Soca-Rhythmus gegen den Coconut Groove eintauschen.

Text und Fotos: Elke Weiler

Die besten Plätze

Der Karneval von Antigua dauert 12 Tage von Ende Juli bis Anfang August. Als man 1957 damit begann, sollte mit den Feierlichkeiten auch der Emanzipation, der Abschaffung der Sklaverei gedacht werden. So feiert man zwar in diesem Jahr das 60-jährige Bestehen, doch die Feierlichkeiten gehen auf den 1. August 1834 zurück, als die Sklaverei im Britischen Empire verboten wurde und die Befreiten durch die Straßen zogen.

Zur aktuellen Situation

Die Wirbelstürme Irma und Maria haben in der Karibik gewütet. Während Antigua ohne größere Schäden davongekommen ist, sind auf der Schwesterninsel Barbuda fast alle Gebäude zerstört worden.

Wer helfen will, kann zum Beispiel für den Wiederaufbau des Krankenhauses, einer Initiative des Honorarkonsuls für Antigua & Barbuda, spenden. Konto: Bayerisches Rotes Kreuz – Kreisverband Altötting, IBAN: DE13 71061009 0300623555, Bank: VR meine Raiffeisenbank eG

Und jeder Urlauber auf Antigua hilft auch dem Wiederaufbau Barbudas ein bisschen mit…

Thank you!

Mit Dank an Visit Antigua & Barbuda, die meine Reise in die Karibik ermöglicht haben.

  1. Hallo liebe Elke! Prima Text, prima Bilder! Kenne das aus Trinidad & Tobago auch (auf meinem Blog steht was übers „liming“, siehe: https://gottowrite.wordpress.com/2015/03/15/nichts-tun-viel-erleben/). Alles Liebe! Sirit

    • Danke, liebe Sirit! Das klingt gut, dieses Liming. Ich sollte öfters daran denken. 🙂 LG, Elke

      • Boa, ja – ich auch!!
        Sag mal: konntest Du einen Kommentar bei mir hinterlassen ?
        Stecke noch in der Blog Kinderschuhen und bin noch im „wie geht das?“ – Prozess. Ausserdem frage ich mich ob es tatsächlich so ist, dass Leute die ich einlade zu meinem Blog (per Email) sich wirklich erst bei wordpress registrieren müssen … das turned sie nämlich arg ab. Kann denn niemand einfach wenn ich den Bloglink herum schicke darauf zu greifen ?! Echt jetzt? Dankeeeeee for your help!

        • Ich habe schon ein WordPress-Konto und Jetpack installiert, deswegen kann ich dir folgen. Für alle anderen solltest du vielleicht einen Newsletter einrichten? Wenn du einen Link per Mail schickst, sollte eigentlich jeder Zugriff auf den Artikel haben, genauer kenne ich mich mit WordPress.com auch nicht aus, schau am besten mal in deinen Einstellungen nach… LG, Elke

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