Im Coconut Groove

Morgens kommen sie gezielt an den Tisch. Lustige Vögel mit dem seltsamen Namen Trauergrackel. Pechschwarz sind sie, so dass die knallgelben Augen im scharfen Kontrast zum Gefieder stehen. Die Trauergrackeln haben nicht ihre Schönheit, sondern nur eines im Sinn: den Tisch zu entern, etwas Fressbares abzustauben.

Doch freiwillig füttert sie keiner. Die Gäste im Strandcafé „Coconut Groove“ sind viel zu entspannt, um das Federvieh mit einem „Gschgsch“ und einer flotten Handbewegung wegzujagen. Nur wenn es der Kellnerin zuviel wird, wenn sich auch noch eine Möwe in die Interessentenliste einreiht, dann wird auch sie energisch.

Morgens ist die schönste Zeit, ich blicke aufs Meer, eine Ewigkeit lang. Auf dieses allgegenwärtige, magische, leuchtende Türkis. In der Einrichtung des Strandcafés, auf den Liegen, überall wird der Farbton des Meeres zitiert. Auf meinem Kleid…

Im Schatten des Palmdachs sitzen, während ein Windhauch die Terrasse streift. Zeit ist relativ.

Es ist völlig egal, wann das Frühstück eintrifft, es gibt immer etwas zu tun, zu beobachten, zu genießen, zu lernen, zu riechen. Jemanden, den man nicht kennt, zu grüßen. Drei Worte mit Fremden zu wechseln, die nach dem zweiten Mal keine Fremden mehr sind. Jenny etwa, die am Beach arbeitet, Hüte und Strandkleidung verkauft.

Möwenbild

Der Morgen ist voller Andeutungen, voller Verheißungen. Die Luft noch nicht ganz so heiß, die Ruhe groß. Langsam füllt sich das Café am Strand. Sonntags stehen auch die Antiguaner nicht ganz so früh auf, nicht schon um sechs Uhr, sonntags ist das karibische Leben noch gechillter.

An all den anderen Tagen gehen sie am liebsten zum Sonnenaufgang oder -untergang baden, während sich die Touristen vornehmlich in den heißen Tagesstunden am Beach aalen. Wenn die Sonne viel zu leicht die Haut verbrennt, auch die mit hohem Lichtschutzfaktor eingecremte.

Den Einheimischen bedeutet das tägliche Baden soviel wie Entspannung, Genuss, Socializing. Man sitzt gemeinsam an der Wasserkante oder steht erzählend im Wasser. Dreht gemeinsame Runden an einem der 365 Strände. Patricia, die aus Antigua stammt, aber in London lebt, erzählt mir: „Wir überlegen nicht lange, was wir tun sollen: Wir gehen an den Strand.“

Life is better at the beach.

Ganzjähriges Baden ohne Gänsehaut. Wobei Patricia sagt: „Im Winter spürt man schon, dass die Wassertemperatur fällt.“ Das ist dann der Moment, wenn sich die Antiguaner auch mal über das „frische Wasser beschweren“. Im Winter kann die Wassertemperatur nämlich auf 25 Grad Celsius sinken.

Patricia ist anlässlich des Karnevals zu Besuch im Antillenstaat, genau wie ich. Die beiden letzten Nächte in der Hauptstadt Saint John’s waren lang. Auf den Wettbewerb um die beste Steelband folgte die sogenannte Monarch Competition, bei der bekannte Soca-Sänger gegeneinander angetreten waren. Zu Zeiten des Karnevals scheint der Inselrhythmus ganz aus Calypso und Soca komponiert zu sein. Doch der Höhepunkt der Festivitäten steht noch bevor.

Der Rastaman, der jeden Morgen seine Dehn- und Streckübungen im Wasser zelebriert, taucht jetzt ganz ein. Währenddessen überlege ich, wonach mir der Sinn steht. Kulinarisch. Soll ich wie die Antiguaner frühstücken? Mit Stockfisch, Avocado und Chop-up, einer weichgekochten Gemüsemischung aus Spinat, Okra, Aubergine und Kürbis? Manchmal gibt es auch Fungee dazu, ein pappiges Küchlein aus Maismehl, das nur entfernt an Polenta erinnert.

Stockfisch mit Chop-up

Der Stockfisch wird mit Zwiebeln, Pfeffer und viel Öl gekocht und scheint ein kulinarischer Gruß der Portugiesen im Inselstaat zu sein. Während andernorts in der Karibik indische Einflüsse nicht mehr wegzudenken sind, hatten sich auf Antigua im 19. und 20. Jahrhundert auch Portugiesen angesiedelt.

Sie haben ihre Kompetenz etwa bei der Rumherstellung eingebracht, so erzählte uns Calbert beim Rum-Tasting von „Premier Beverages“ in Saint John’s. „1981“ hat uns umgehauen, ein 25 Jahre alter, kostbarer Rum, benannt nach dem Jahr der Unabhängigkeit von Großbritannien. Das „U“ in Antigua sprechen die Insulaner übrigens nicht.

Statt für den Stockfisch entscheide mich für die Banana Pancakes und einen Obstteller. Trotz der Hitze habe ich ständig Appetit in der Karibik. Den Trauergrackeln geht es ähnlich, drei von ihnen gruppieren sich rund um meinen Tisch. Jetzt bloß kein Stück unbeaufsichtigt lassen! Als ich geschickt mein Handy aus der Tasche fische und auf eine von ihnen richte, passiert es.

Jennys Arbeitsplatz

Der schwarze Vogel schaut mit seinen knallgelben Augen leicht irritiert drein. Er richtet sich auf, pures Imponiergehabe, so scheint es. Dann gibt er auf und dreht mir den Rücken zu – no paparazzi, please! Ergebnis: Frühstück dank Kamera gerettet. Eine schweißgebadete Joggerin stapft durch den Sand, die Hitze in der prallen Sonne ignorierend.

Ein Antiguaner unter den Palmen freut sich: „Oh Lord, it’s so nice and calm today!“ Das Wasser, kaum bewegt, ein ewiges Badeversprechen, die Farbe, das Leuchten. Eine ganze Familie planscht im Wasser. Die Kleinste trägt einen bunten Schwimmreifen und kreischt, bis der Bruder kommt und ihr zur Seite steht. Life is wonderful.

Auch wenn das karibische Gefühl das des Zerfließens, des Auflösens ist. Die Haut ständig benetzt. Der Bedarf zu trinken hoch. Salzwasser, Meerwasser, Regen in der Nacht. Feuchte Hitze. Doch ich könnte ewig hier im Schatten der Palmen sitzen, eine leichte Brise auf der Haut.

Fehlt noch? Der Karneval!

Text und Fotos: Elke Weiler

Infos

Der Inselstaat Antigua & Barbuda zählt zu den kleinen Antillen, den Inseln über dem Wind. Seit der Unabhängigkeit 1981 zählen die über 93.500 Einwohner zum Commonwealth.
Bezahlt wird mit Ostkaribischen Dollars, wie auch in Saint Lucia. Nicht selten werden auch US-Dollars akzeptiert, sogar am Strand.

Mit Dank an Visit Antigua & Barbuda, die meine Reise in die Karibik ermöglicht haben.


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