Kastilien-La Mancha

Toledo, endlich. Es ist schon Abend, als wir ankommen. Umso schöner, auf dem Zimmer im Hotel einen kleinen kulinarischen Willkommensgruß vorzufinden. Hungrig öffne ich das Paket: Es scheint sich um feinste Konditorkeksen zu handeln. Ich koste einen von ihnen, der auf der Zunge zergeht. Ungefähr wie Schokoladentrüffel ohne Kakaobohnen. Wolkig, cremig, vollmundig.

Viel zu schade, um gierig verschlungen zu werden. Vielmehr sollte man jeden Bissen im Munde schmelzen lassen wie homöopathische Kügelchen. Die Nebenwirkung: Toledo nimmt Besitz von dir. Der Haupteffekt: Du fühlst dich entspannt. Die kleine Packung leert sich unversehens. Am Ende schaue ich überrascht auf den sonnengelben Beipackzettel: „Obrador de Mazapán“?

Marzipan, normalerweise ist mir Marzipan doch viel zu süß, diese Masse aus Mandeln und Zucker. In Toledo ändert sich alles. Ich muss wissen, warum das so ist und folge den Spuren des Marzipans. Scheinbar ist man in Toledo darauf spezialisiert.

Lange suchen muss ich daher nicht, obwohl man sich im Gassengewirr des mittelalterlichen Stadtkerns gerne verläuft. Im Viertel „La Judería“ finde ich in der Nähe der Kirche Santo Tomé nicht nur die gleichnamige Straße sondern auch die gesuchte Marzipan-Produktion.

Marzipan
Kekse!

Laut der Aussage von Gloria Sanchéz, einer waschechten Toledana, gilt die „Confitería Santo Tomé“ als letzter in der Innenstadt verbliebener Tradionshersteller. Und dem gelben Zettelchen zufolge bereiten sie hier die Süßigkeit immer noch nach der Urformel aus dem 13. Jahrhundert zu.

Königliche Kekse

Mindestens die Mandeln, vermutlich aber auch das Marzipan, fanden ihren Weg mit den Mauren aus der raffinierten orientalischen Küche nach Spanien. Gegründet wurde Santo Tomé doch erst im Jahre 1856. Die historische Formel wurde nach eigenen Angaben bis heute in der Familie weitergereicht. Honig und Eier sind weitere Bestandteile ihres Rezepts.

Ich stehe vor dem Sortiment und weiß nicht, ob ich die bananenförmigen „Delicias de Mazapán“, das vielfälige „Mazapán surtido“, die Pastas de Piñon – vermutlich ohne oder mit wenig Marzipan – oder gar die „Pastas imperiales“, also königliche Plätzchen nehmen soll. Am besten eine große Packung und von jedem etwas!

Marzipan aus Toledo
Das erzählende Schaufenster

Als ich den Laden wieder verlasse, fällt mir ein weiteres Schaufenster ins Auge. Nonnenpuppen bevölkern es, fleißig mit der Produktion von Marzipan beschäftigt. Eine Miniatur-Werkstätte, die aufwendig gestaltete Auslage des „Café de las Monjas“. Dominikanerinnen bereiten die Süßigkeit seit 1953 für dieses Café, auch das verrät das erzählende Schaufenster.

Null Cholesterin

Mir fällt noch einmal Gloria ein, die intime Kennerin Toledos. Das Marzipan der Nonnen sei besonders gut, hatte sie behauptet. An manchen Klöstern – insgesamt existieren unzählige in der historischen Stadt der drei Religionen – finden sich Hinweisschilder auf die Herstellung.

Dort kann man hineingehen und direkt von den christlichen Produzentinnen kaufen. Eine alte Tradition, denn Apothekern und Nonnen war einst die Herstellung von Süßspeisen vorbehalten, die man im 15. Jahrhundert als kostspieliges Medikament gegen Blähungen, Verstopfung und Koliken einsetzte.

Da ist nicht nur Marzipan.

Also doch eine Wohltat. Gesundheitsfördernd. Vor allem die Mandel tut das ihre dazu: Vitamin E, Eisen, sowie mehr Magnesium, Kalzium und Kalium als gemeinhin in Nüssen. Ansonsten: Jede Menge Kohlehydrate, ein Energiewert zum Bäume ausreißen, beziehungsweise die gewundenen Straßen Toledos hoch und runter zu laufen.

Aber null Cholesterin im Marzipan. Ich lasse noch einen Bissen im Munde zergehen. Toledo nimmt Besitz von mir, und ich fühle mich völlig entspannt.

Text und Fotos: Elke Weiler

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Elke

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

  1. Janett says:

    Ich bin ja eigentlich auch kein Fan von Marzipan, wahrscheinlich weil dieses teils künstlich hergestellte Zeugs aus dem Supermarkt einfach auch nicht wirklich schmeckt. Bei deinen Bildern und Beschreibungen währenddessen steigt bei mir dieses „WILL AUCH HABEN“ Gefühl auf. Und zeigt wieder einmal, wie wichtig Traditionen sind.

    1. Elke says:

      Denke ich auch! Die liebevoll hergestellten Dinge jenseits von Massenproduktionen.
      Das Schöne an diesem Marzipan hier war zudem, dass er zu Hause auch geschmeckt hat. Da freut sich die Familie ;-)

  2. Christina says:

    Während mir gerade das Wasser im Munde zusammenläuft, ärgere ich mich, dass es nicht bereits Geschmacks-Internet gibt, bei dem du mir eine (am liebsten aber alle) dieser Kostbarkeiten zuschickst! :D Es liest sich so lecker, dass ich mir nur vorstellen kann, dass es hier schön sein muss. Und die Milhojas de Merengue erinnert mich sofort an die Schampita in Kroatien. :-)

    Liebe Grüße
    Christina

    1. Elke says:

      Danke dir, liebe Christina!

      Die Milhojas habe ich leider nicht probiert, da hätte man vermutlich vorher das Mittagessen ausfallen lassen müssen! ;-)
      Schampita? Hast du einen Link?

      LG, Elke (die sich stundenlang über solche Dinge unterhalten könnte ;-))

  3. Pingback:Toledo: Architektur und Genuss in Spaniens Mitte

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