Kunst und Meer

Willkommen in der nördlichsten Stadt Deutschlands. Hier werde ich wohnen, wenn auch nur vorübergehend. In einem Stück Flensburg mit 70er Flair: Farbakzente in Orange und Apfelgrün, grafische Muster auf Teppichen und Decken. Es regiert das Rund.

Vermieterin Dagmar Plocher stammt nicht von hier. Beruf und Zufall haben sie nach Flensburg geführt, über London und Dänemark ging es hierher. Dann hat sie sich in den historischen Burghof verliebt: ein Ensemble von Paul Ziegler, Backsteinarchitektur, Anfang 20. Jahrhundert. Ein Hauch von Jugendstil, gepaart mit frühen Anklängen an Neue Sachlichkeit und Expressionismus.

Backsteinarchitektur in Flenburg: der Burghof
Ein Ensemble von Paul Ziegler

Hier wohnt die gebürtige Süddeutsche nicht nur selbst, sie vermietet eben jenes Apartment, das ich nun beziehen darf. Auf Zeitreise in die Seventies. Zunächst muss ich feststellen: Ich bin nicht allein im bunten Burghof-Apartment.

Die Mitbewohnerin

Da steht jemand im Esszimmer und guckt demonstrativ in eine andere Richtung. „Johannes Caspersen“, klärt die Gastgeberin mich auf. Der Flensburger Bildhauer habe meine Mitbewohnerin in Lebensgröße geschaffen. Irgendwie unschlüssig wirkt die Gute. Hände in den Taschen, desinteressiert am WG-Leben. Und in Schlaghose, na klar, die 70er auch hier.

Kunst im Burghof
Die Mitbewohnerin

Dagmar Plocher hat ihr Apartment „Kunst und Meer“ getauft, denn als ausgebildete Künstlerin hat sie ein Faible für zeitgenössische Kunst. Und das merkt man der Wohnung an, die nicht nur über diverse Kunstwerke, sondern auch eine kunsthistorische Mini-Bibliothek verfügt.

Die Marienstraße

Mir wird schnell klar: Das hier ist mehr als eine Unterkunft, die man zum Übernachten aufsucht. Vielmehr ein Erlebnis. Ich stelle das froschgrüne Radiöchen an: klassische Musik, Kulturberichte. Ich schäle eine der Mandarinen aus dem Obstkorb: Selbst die Früchte passen farblich ins Ambiente.

Natürlich würde ich noch gerne ein Bier aus dem Kühlschrank nehmen und mit der Schlaghosenfrau auf unsere ungewöhnliche WG anstoßen, doch das Citylife ruft. Auf der legendären Marienstraße – zur Zeit in Baubearbeitung – treffe ich auf eine weitere schräge Gestalt vor der Hökerei von Johannsen Rum. Die Kunst, die Puppen und die Flensburger gehen Hand in Hand.

Marienstraße, Flensburg
Und noch eine Puppe!

Nun also über den Nordermarkt in die Fußgängerzone. So kurz vor dem ersten Adventswochenende tobt hier der Bär. Weihnachtsbuden, Mandelduft und Glühweinschwaden. Zu beiden Seiten die Ablegerläden großer Ketten: Damit trägt die Große Straße die Aura der Austauschbarkeit.

Dagmar Plocher hat mir die Rote Straße aus Herz gelegt. Und da mir der Magen knurrt, folge ich ihren kulinarischen Empfehlungen gerne. Entweder ein spätes Lunch in dem neuen Suppenlädchen des Blumenhofs (leider schon geschlossen) oder Flammkuchen in allen Variationen. So lande ich im putzigen Krusehof.

Glühwein und Weihnachtsdeko

Ich schlängele mich an gutgelaunten dänischen Besuchern vorbei und in die enge Gasse hinein. Glühwein und Weihnachtsdeko-Rauch auch hier. Aber Bingo! In der urigen Weinstube finde ich ein Fensterplätzchen. Mit Blick in den schmalen Hof. Nett hier. Am schiefen Holztisch, im vermutlich schmalsten Restaurant der Welt, geprägt von der Form der Gasse. Eine heimelige Stimmung zwischen schwarz lackiertem Gebälk und weiß getünchten Backsteinwänden. Die Balken scheinen in der Überzahl zu sein.

Innenhof Flensburg
Stadt der Höfe

Es ist das, was ich an Flensburg liebe: das Unperfekte, Krumme, Alte, Windschiefe. Die schmalen Durchgänge – und plötzlich stehst du am Wasser. Die gemütlichen Höfe, die niedrigen Häuser der Marienstraße. Im Dunkeln dann spaziere ich zurück, vor hell erleuchteten Fenstern ohne Vorhang. Man sitzt zusammen, isst zu Abend, killt einen Becher Joghurt oder schaut still hinaus.

Drinnen und draußen verschmelzen. Und alle Wohnungen scheinen so eingerichtet zu sein wie meine: mit Liebe und Stil, ohne stylish zu wirken. Mit Persönlichkeit. Mit diesen überraschenden Extras. Apropos, was macht wohl meine Mitbewohnerin? Starrt immer noch ein Bild an der Wand an. Kunstinteressiert.

Klein-Dänemark

Nach einer kurzen Aufwärmphase laufe ich zum Nordertor, bummel‘ an den geschlossenen Läden vorbei. Windowshopping und die Entdeckung, dass Klein-Dänemark hier mit kulturellen Einrichtungen und dem Flensborg Hus stark vertreten ist. Dessen Balken tragen Inschriften auf Dänisch, und heute tagen in dem einstigen Waisenhaus die Minderheiten von Flensburg und Schleswig.

Klein-Dänemark
Flensborg Hus

Neben mir am Tisch höre ich ebenfalls Dänisch, ich bin in Hansens Brauerei an der Schiffbrücke gelandet. Gar nicht bitter, das trübe, frische Pils. Sehr süffig. Bei der Wahl des Dinners ist auch ein sogenannter Seniorenteller möglich. Cooles Ding. Ich weiß ja, welche Ausmaße ein Grünkohlteller in Schleswig-Holstein haben kann, deswegen macht mich diese Option glücklich.

Der flotte Kellner verklickert mir aber, dass der Fleischberg derselbe bleibt. Wir verhandeln: Grünkohl und Bratkartoffeln wie gehabt, aber kein Kassler und vor allem keine Schweinebacke. Nur eine Wurst, denn die ist die Freundin vom Bier. (Steht zumindest auf der Karte.) Super flexibel, mein Latino-Kellner und sein Arbeitgeber.

Bratkartoffelberg

Wenn ich so um mich blicke, scheint gutbürgerlich der Renner zu sein. Vor allem, wenn eigenes Bier im Spiel ist. Von dem Grünkohl-Bratkartoffelberg, der auf mich zukommt, würde locker eine Kleinfamilie satt werden. So muss die Señora vermutlich für eine Enttäuschung sorgen, was die Mengenbewältigung des sogenannten Seniorentellers angeht. Aber volles Verständnis.

Flensburg
Die nördlichste Stadt von D

Ich sitze quasi am Hafen, im denkmalgeschützten Ambiente. Ein ehemaliges Rumhaus, angeblich das älteste der Stadt – für Brauereizwecke umgebaut. Hinter einer Art Aquariumscheibe stehen Gärfässer in blauem Licht. Schau-Brauen.

Der Hafen sieht schön aus, als ich wieder an die eiskalte Vorweihnachtsluft komme. Vollmond. Die Lichter der Stadtteile Fruerlund und Jürgensby auf der anderen Seite der Förde spiegeln sich im Wasser.

Beim nächsten Besuch werde ich diesen Teil Flensburgs entdecken. Auch für die Magazine und Bücher in „meiner“ Wohnung bleibt kaum noch Zeit. Tief und fest schlafe ich im ruhigen Burghof. Die Mitbewohnerin macht keinen Mucks im Esszimmer.

Am nächsten Morgen muss es ein Frühstück in Migge’s Danish Bakery sein. Damit ich nicht aus der Übung komme. Ich sage nur: Tebirkes – Blätterteigbrötchen mit Mohn! Und freue mich auf nächstes Wochenende: Kopenhagen in der Vorweihnachtszeit.

Text und Fotos: Elke Weiler

6 Kommentare zu „Kunst und Meer“

    1. Elke

      Danke, Dani! Kennst du dich in Flensburg gut aus? Ich bin gerade dabei, es zu entdecken. Faszinierend ist, wie viel Leben es in dieser doch gar nicht so großen Stadt gibt, wie viele Initiativen, kleine Kulturhighlights, quasi im Verborgenen… Eine echte Überraschung für mich!

    1. Elke

      Ok, liebe Sanni,
      nächstes Mal komme ich auch nach Jürgensby ;-) Versprochen! Wie du siehst, hat es mir sehr gut gefallen, also komme ich wieder. :-) Und von deinen ganzen Tipps muss ich ja auch noch alles ausprobieren…
      Leibe Grüße, Elke

  1. Avatar

    Ohja, der Burghof :), da haben wir auch mal gewohnt. Ganz zentral und doch total ruhig und entspannt. Warst du nach 2012 nochmal in unser Stadt? Die Suche auf der Seite hat nichts ergeben. Gruß, Clemens

    1. Elke

      Hi Clemens! Ich bin immer mal wieder dort gewesen, aber nicht zur Recherche. Angedacht ist aber ein ausführlicherer Besuch im letzten Quartal diesen Jahres. Dann werde ich vorher auf der Fördezeit nach schönen Tipps Ausschau halten. :-) LG, Elke

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