Vanilleduft unterm Vulkan

Philippe zeigt uns, wie man die Canyoning-Gurte umschnallt. Dann der erste Probeabstieg an einem Felsen: Wir sollen ein Gefühl für das Abseilen bekommen. „Setzt Euch in die Gurte hinein! Und immer schön breitbeinig abstützen!“

Der blonde Canyoning-Guide hat etwas Engelhaftes. Er redet leise und beschwichtigend, so als müsste er uns die Angst nehmen. Wie eine Gazelle klettert er umher, mit dünnen Gummi- statt Profilschuhen, aber völlig sicher.

Wir sind alle Anfänger, deswegen wählt Philippe die leichteste Strecke aus; der Schwierigkeitsgrad der Schluchten steigert sich langsam. Auf La Réunion herrschen beste Bedingungen für Canyoning- und Wanderfreunde.

Die Insel östlich von Madagaskar fasziniert durch ihre außergewöhnliche Natur: fruchtbare Ebenen, bizarre Bergmassive, tiefe Schluchten, sprühende Wasserfälle – eine Landschaft in Hunderten, Tausenden von Grüntönen.

Am besten nicht herunterschauen!
Bloß nicht hinunterschauen!

Unser letzter Canyon am Ende der zweistündigen Tour wird eine Herausforderung. Es geht steil hinab, die Felswand ist glitschig und hat Klippen. Unten warten Zuschauer und Lagunen-Schwimmer auf das Spektakel. Langsam seilen wir uns nacheinander ab.

Um uns herum spritzt und sprüht kaltes, klares Wasser in die Tiefe. Schon bevor wir unten ankommen und in die grünblaue Lagune springen können, sind wir völlig durchweicht. Es gibt Leute, die sagen: Man lernt La Réunion nur auf diesem Weg richtig kennen. Und fühlen.

Ohne ein paar Schrammen und blaue Flecken habe ich es nicht geschafft. Aber trotzdem: Am Ende sind wir alle stolz und glücklich. Fühlen uns wie neu geboren.

Der Ursprung allen Lebens auf der Insel kommt aus dem Vulkan. Die Lavabrocken reichen bis an den Strand, bis ins Meer. Inselgeschichte schreibt sich in den Jahreszahlen der Ausbrüche. Die ganzen 2512 Quadratkilometer der Insel bestehen aus fruchtbarer Lavaerde, die von tropischer Vegetation überwuchert ist.

Nur rings um den aktiven Vulkan Piton de la Fournaise breiten sich schwarzrote Mondlandschaften aus. Ein Ausbruch des Piton gleicht einem Feuerwerk der Natur: Unter lautem Donnern und Getöse spritzt die glühendrote Lava an die 60 Meter hoch aus den Kratern. Jeder Ausbruch wird von den Réunionaises volksfestartig gefeiert.

Wanderung zum Krater
Wanderung zum Krater

In den ersten Tagen dürfen nur Wissenschaftler, Fotografen, Filmemacher und Journalisten in die Nähe der Ausbruchstelle. „Wenn die Eruption beginnt, ist es gefährlich auf freiem Feld“, erklärt der Vulkanfilmer Alain Gérente. Er weiß, dass die Lava am Anfang bis zu 50 Stundenkilometer schnell fließen kann.

Die Lokalbehörden lassen die Zufahrtstraße zunächst sperren. Nach einer Woche wird die Strecke für die Öffentlichkeit frei gegeben, und ein rauschendes Fest beginnt: Tausende strömen auf den Piton de la Fournaise, ihren Vulkan, picknicken und freuen sich an dem Spektakel – Tag und Nacht.

Nach einer kurzen Wanderung durch die rote, wüstenartige Landschaft sind wir bei Alain und seiner Frau Marie zum Abendessen eingeladen. Sie haben ein Haus in L’Hermitage an der Westküste Réunions. Im Hintergrund rauscht der Indische Ozean, die Sterne funkeln in die suptropische Nacht. „Seht nach den Sternschnuppen!“ Laut Marie hier keine Seltenheit.

Bei Marie und Alain fühlen wir uns irgendwo zwischen Afrika und Asien: Bambus-Mobiliar, hinduistische Steinskulpturen, balinesische Masken, Samoussas als Vorspeise. Letzteres ist inseltypisches Fast Food, kleine Teigtaschen mit Fleisch- und Gemüsefüllung.

Wir sehen uns einen Film Alains über einen Ausbruch des Piton de la Fournaise an. Ein beeindruckendes Spektakel, wenn die rote Lava gleich einem Feuerwerk funkt, sprüht und Räder schlägt. Alains Leidenschaft für basaltische Eruptionen wird nachvollziehbar. Vor 30 Jahren hat es den Pariser Mathematikprofessor deswegen auf die Insel verschlagen. Alain liebt die Natur Réunions, ihre Regenwälder und Berge.

Wetterumschwung in Cilao
Wetterumschwung in Cilao

Versteht sich von selbst, dass Wandern und Canyoning zu seinen Lieblingsbeschäftigungen zählt. Aber das französische Übersee-Département ist kein exotisches Paradies, es gibt viele Probleme wie etwa die hohe Arbeitslosigkeit. Ein Viertel hängt an der sozialen Mindestversorgung.

Die EU unterstützt La Réunion mit Krediten innerhalb wirtschaftlicher Entwicklungsprogramme. Von über 780.000 Einwohnern sind 35 Prozent unter 20. Viele der Jüngeren sehen ihre Zukunft auf dem französischen Festland, zumindest als Sprungbrett für ein berufliches Weiterkommen.

Nicht so Jean-Claude, dem wir am Strand von Boucan Canot über den Weg laufen. Der 39-Jährige mit dem kurzgeschorenen Haar, der braungegerbten Haut und den wassergrünen Augen lebt hier – neben den Gezeiten, neben der Welt. „Willkommen in meinen vier Wänden“, er zeigt auf seine Felshöhle am Strand.

Auf der selbstgebauten Kochstelle zischt und dampft eine zerbeulte kleine Kaffeekanne; Rauch zieht am Felsgestein vorbei nach draußen. Die Regalbretter und die afrikanische Statuette, eine Mutter mit Kind, hat Jean-Claude im Treibgut gefunden. Seit einem Jahr wohnt er am Meer: „Das ist schöner als zwischen Beton.“

Er bezieht Arbeitslosenhilfe, lebt genügsam. Was braucht ein Aussteiger hier? Neben der Freiheit ein bisschen Reis, Nudeln, Fisch und Gras. Jean-Claude mag sein Leben. Nur eine Frau findet er so nicht: „Sie suchen alle jemanden, der eine Arbeit und ein Auto hat.“ Aber heiraten will er sowieso nicht.

Der Duft der Vanille
Der Duft der Vanille

Die 32-jährige Carole hingegen sitzt fest im Sattel. Ihre Führungen im Maison de la Vanille macht sie mit viel Elan. Das feuchtheiße Klima im Nordosten der Insel bietet ideale Voraussetzungen für den Anbau der berühmten Bourbon-Vanille.

Augenzwinkernd führt uns Carole durch das Vanille-Haus in St-André. Hier erfahren wir alles über die teuren Schoten: Von der Erfindung der manuellen Bestäubung bis zur aufwendigen Verarbeitung auf Réunion. Die Orchideen-Art rankt sich mit Vorliebe um Palmen. Nach vier Jahren tragen die Pflanzen zum ersten Mal Blüten.

Aber nur einen Morgen lang – das ist der Zeitpunkt der künstlichen Befruchtung. Neun Monate später kann geerntet werden. „Die Pflanze braucht viel Geduld und Fingerspitzengefühl. Deshalb machen meist Frauen diese Arbeit.“ Carole zwinkert heftig hinter ihren runden Brillengläsern.

Sie erklärt, was eine hochwertige Vanille-Schote ausmacht: „Braun wie Schokolade, elastisch wie Gummi. Und sie glänzt.“ Die Vanille mit dem Gütesiegel „Bourbon“ ist nach dem Safran das zweitteuerste Gewürz der Welt.

Auf dem Markt von St-Paul reicht das Angebot von der madegassischen Trommel bis zum lebendigen Huhn, von der indonesischen Batik bis zur afrikanischen Skulptur. Neben Vanilleschoten sind sämtliche Gewürze und Früchte der Insel im Angebot.

Kreolischer Stil
Kreolischer Stil

Die Verkäufer sprechen Créole untereinander, lassen aber auf Französisch mit sich handeln. Dazu bescheint die Abendsonne rotgolden den Strand, wo sich die Marktbesucher gerne zum Abendessen nieder lassen. Würzige Gerüche verbreiten sich zwischen den Ständen.

Die Réunionaises essen gerne scharf. Zu den Samoussas, Bouchons, Fisch- und Fleischcurrys und dem obligatorischen Reis wird etwas gereicht, das wie Tomatensalat aussieht: Rougail. Pur genossen treibt es jedem die Tränen in die Augen, denn darin ist in mörderischen Mengen Chili enthalten. Würzen auf kreolische Art.

Als Aperitif, als Digestif und in netter Runde trinken die Réunionais gerne selbst kredenzten Rhum arrangé. Besonders gut schmeckt ein Rumpunsch mit sämtlichen Inselgewürzen. Aber Vorsicht! Angeblich wirkt er aphrodisierend. Und dann noch dieser Vanille-Geruch in der Luft. Es muss einen Grund haben, dass la Réunion so jung ist.

Text und Fotos: Elke Weiler

Aus der Reihe „Archivgeschichten“. Ich war im September 2000 auf La Réunion. Alle Fakten wie Einwohnerzahl etc. sind aktualisiert.

Mit Dank an Air France und La Réunion, die diese Reise unterstützt haben.

Cirque de Mafate, einer der drei Talkessel von La Réunion
Cirque de Mafate, einer der drei Talkessel von La Réunion

  1. Hm, Vanille! 9 Monate reift sie also heran … wie menschlich!

  2. Was für ein Zufall, schreiben wir Zwei zur gleichen Zeit über Canyoning. Nur ganz woanders. 😉
    Hört sich für mich ein wenig wie das Paradies an.

    Liebe Grüße
    Christina

  3. Pingback: Die Typologie der Strandhütte auf Amrum | Slow Life

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