Im Rhythmus der Schildkröte

Serbelio klopft auf den harten Panzer, der mal einer Schildkröte gehörte. Ein leichter Rhythmus, fröhlich und melancholisch zugleich, und das ganze Dorf tanzt im Takt dazu.

Wir sind mitten im Dschungel von Panamá und lauschen dem Klang. Mit Maracas, Trommeln und Bambusflöten spielen fünf Emberá-Männer ein Lied über eine verlorene Liebe. „Warum hast du mich vergessen?“, singen die jungen Frauen. Sie stampfen zum Rhythmus Serbelios und der Schildkröte, den Oberkörper leicht nach vorne gebeugt.

„Jeder Tanz hat seine Bedeutung“, erzählt der Panamaer Christian, ein Freund der Embera. Oft kommt er hierher, über den wilden Río Chagres. Sie holen ihn dann ab, weiter flussabwärts, wo der Fluss sich weitet und beruhigt. Zusammen mit Christian sind wir von Panamá City mit dem Auto eine Stunde bis zum Treffpunkt gefahren. Und dann weiter mit dem schmalen, langen Einbaum.

Die Indios kennen jede Stromschnelle, jede Untiefe und jeden Stein des Flusses. Sie wissen, wie stark er anschwillt, wenn es regnet. Dann ist er nicht mehr befahrbar. „Doch das fühlt, das riecht ein Emberá zuvor!“, weiß Christian. Er vertraut seinen Freunden.

Neldo kennt jede Stromschnelle.
Ein Embera kennt jede Stromschnelle.

In weniger als zwei Stunden sind wir also in einer anderen Welt gelandet, und haben die Zivilisation gegen die Wildheit der Natur ausgetauscht. Aber nur für kurze Zeit. Nicht so die Embera. Sie haben sich bewusst für ein Leben entschieden, das an ihre Traditionen anknüpft, wenn auch mit paar Kompromissen.

„Das ist der Tanz des Aguti“, erklärt Christian. Die Mädchen tanzen jetzt im Kreis, je eine Hand am bunten, knielangen Rock der Vorgängerin. Über ihre bloßen Brüste fallen aufwendige Ketten aus Kunstperlen und Münzen.

Die Musiker tragen wie alle Männer des Dorfes Lendenschurze in knalligen Tönen, die hinten zum Tanga gedreht sind. Ihre Haut ist braun und glatt. Sogar die von Serbelio, dabei zählt er über 70 Jahre, vielleicht 75, vielleicht sogar 80. Er weiß es nicht.

Was Serbelio aber weiß, kann Leben retten: Er ist der Botaniker im Embera-Dorf. Zwischen den Bananenstauden und Kokospalmen rings um die Hütten glänzt die Erde feucht: Es hat auf den roten Lehmboden geregnet. Mutter Erde ist glitschig, wie sauber gefegt. Schuhe zu tragen zwecklos.

„Wo wir den Boden kultiviert haben, kommen keine Schlangen hin“, sagt Serbelio. Tiefer im Dschungel sucht er nach wichtigen Pflanzen, und zeigt uns etwas: „Dieses Kraut hilft gegen Schlangenbisse. Aber es muss schnell angewendet werden.“ Das Gift der Schlangen stellt die größte Gefahr für die Emberá dar.

„Es gibt ein paar Jaguare hier, aber die tun niemandem was.“ Serbelio kennt alle Gefahren des Dschungels. „Es ist besser, nach Anbruch der Dunkelheit nicht mehr aus dem Dorf hinaus zu gehen“, rät er.

Wenn sich die Nacht über den Urwald legt, bricht die Ausgehzeit der Tiere an. Dann sitzen die Embera zusammen in der Gemeinschaftshütte, singen und tanzen.

Jeder der Männer verfügt über ein gewisses Grundwissen, was Jagen, Fischen und die Botanik angeht. „Der Vater gibt seine Kenntnisse an den Sohn weiter. Der Sohn, der Bescheid weiß, kann im Notfall das Leben des Vaters retten“, meint Serbelio. Danach kann sich der Heranwachsende spezialisieren.

Während die Männer fischen und jagen, kochen die Frauen und versorgen die Kinder. Doch den Dorfchef, den Noko, wählen alle gemeinsam. Er regelt, wenn es sein muss, auch ihre Angelegenheiten in Panamá City. „Wenn er keinen guten Job macht, wird er wieder abgesetzt“, sagt Serbelio.

Er schlendert durch die Welt der Pflanzen. Es sind nicht nur die Kräuter gegen Schlangenbisse und andere Medizinpflanzen, deren Wirkung der Botaniker kennt. Er zeigt auf eine niedrige grüne Staude: „Das hilft gegen böse Geister.“ Bei einer Hauseinweihung zum Beispiel.

Zucker und Salz kommt mit den Booten an.
Zucker und Salz kommt mit den Booten an.

Der Schamane kommt und lässt die Embera tanzen. Er presst bestimmte Kräuter, trinkt Saft und Rum, um mit den Göttern in Kontakt zutreten. Das ist nötig, wenn böse Geister vertrieben werden müssen.

In Minutenschnelle geht die Sonne unter. Am Feuer der großen Hütte unter dem Palmwedeldach sitzen Yariela und ihre Freundinnen zusammen und kochen. Alle so Anfang, Mitte 20. Yariela plaudert aus dem Nähkästchen, kichernd: „Wenn zwei sich verlieben, verstecken sie es zunächst vor den Eltern.“

Doch das Geheimnis währt nicht lange: Die Embera heiraten jung. Es gibt sogar zwei Kirchen im Dorf, wo der Bund der Ehe besiegelt werden kann: eine katholische und eine evangelische. Denn neben dem traditionellen Glauben existiert auch der christliche.

Die Missionare waren einst bis in den Dschungel Panamás gelangt. Dass verschiedene Religionen nebeneinander existieren, erzeugt heute keine Widersprüche.

„Wenn ein Paar heiratet, bleiben sie meist ein Leben lang zusammen“, erzählt Yariela weiter. Und wenn es nicht klappt? Die 24-Jährige zuckt die Schultern. Sie lächelt.

Im Gegensatz zu dem schwierigen Paarungsverhalten der hochzivilisierten Welt geht es bei den Emberá eher unkompliziert zu. „Ich sehe eine Frau und weiß: Sie ist gut“, meint Neldo, Yarielas Mann, der an der Feuerstelle auftaucht. Yariela meint lakonisch: „Wenn es mal nicht funktioniert, trennen sie sich eben.“

Die Frauen frittieren Platanas, Kochbananen, und Fisch aus dem Fluss: Abendessen. Dazu trinken sie Tee mit zitronigem Duft – Lemongras – aus Plastikbechern. Geschirr und Generator, Gott und die Geister: Im Alltagsleben wie in der Religion herrscht Synkretismus am Río Chagres.

Die Embera leben in und neben der Zivilisation. Sie heiraten in der christlichen Kirche, aber sie hören auch dem Schamanen zu.

Vor rund 30 Jahren ist die Dorfälteste, Segundina, mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann aus dem Darién nahe Kolumbien zum Río Chagres gezogen.

„Der Platz gefiel uns“, meint sie. Für die Dorfgründer war wichtig, dass die nächste Stadt schnell zu erreichen ist. Indem sie mit Reiseagenturen aus Panamá City zusammen arbeiten, verdienen sie ein bisschen Geld mit Tourismus.

Musikalischer Empfang der neuen Gäste
Musikalischer Empfang der neuen Gäste

Die Gäste essen mit ihnen Fisch, kaufen ihre Handarbeiten und wenn sie wollen, tanzen sie mit ihnen im Rhythmus der Schildkröte. Von dem Tourismusgeld können die Emberá Salz, Zucker, Streichhölzer, Öl und Kerosin zum Feuermachen kaufen. Und – wenn die eigene Pflanzenmedizin nicht weiter hilft – ein Krankenhaus aufsuchen.

Für diesen Kompromiss haben die Embera demokratisch abgestimmt. Einige von ihnen haben schon in Panamá City gearbeitet oder studiert. Aber alle sind wieder zurück gekommen. Was zieht sie in den Dschungel? Was ist so schön am einfachen Leben?

„Hier gibt es keine Autos, keine Diebe“, erklärt Yariela. Die Emberá fühlen sich sicher und wohl im Wald. Sie fühlen den Frieden hier – zwischen den Vogelrufen, den zirpenden Grillen und dem Rauschen des Río Chagres.

Im Gegensatz zu den anderen Gästen, die nach dem Essen wieder zurückfahren, bleiben wir im Dschungel. Ich versuche, in der Hängematte zu schlafen, mit all diesen ungewohnten Geräuschen der Nacht. Am Morgen bade ich im Fluss, und es ist wunderbar.

Und doch traue ich dem Frieden nicht. Vor allem den Mücken und dem ganzen Viehzeugs, das mich belästigt. Christian lacht: „Das macht das Deo!“ Überall kribbelt es. Erst mit der Zeit werde ich ruhiger, und auch weniger attraktiv für die Fliegen.

Zurück in Panamá City verspüre ich den dringenden Wunsch, mir den klebrigen Schmutz des Dschungels abzuwaschen. Vor allem die Füße sind immer rot wie der Lehmboden.

Alle sahen so jung aus im Dorf der Embera, auch die Alten. Alle wirkten so zufrieden. Das Leben ist langsam dort im Dschungel, langsam wie ein Schildkröte. Doch Schildkröten leben lange.

Text und Fotos: Elke Weiler

Aus der Reihe „Archivgeschichten“: Als ich noch analog fotografierte und als Reisejournalistin für Tageszeitungen und Magazine unterwegs war, hatte ich die Gelegenheit, die Embera im Dschungel kennenzulernen.

Danke an Martinair und Visit Panama für die Unterstützung dieser Reise.

  1. Tolle Geschichte, die Du da aus Deiner „Analogzeit“ ausgekramt hast 😉

  2. Sehr schön geschrieben und tolle Fotos! Obwohl ich einige Wochen in Panama verbracht habe, habe ich es leider nicht bis in den Dschungel geschafft – eine Schande, ich weiss. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Dein Bericht macht jedenfalls Lust dazu.

    Liebe Grüsse
    Sarah

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