Upgecycelt in Warnemünde

„Zum Zollamt“ – wenn das nicht nach Hafen klingt. Als ich aussteige, türmen sich hinter mir die Container in die Höhe, vor mir eine S-Bahn-Station und dahinter ragt ein Hafenkran in die Höhe. Hier muss es sein.

Wenn der Hafen deine Heimat ist, bist du überall zu Hause. Verklärte Ansichten. Seefahrerromantik. Wie fühlt es sich wohl an, auf einem Containerschiff zu arbeiten und monatelang nirgendwo zu Hause zu sein, als in den engen Räumlichkeiten des Schiffs? Einsamkeit, Tristesse, harte Arbeit. Und wie fühlt es sich an, ein Schiff zu bauen?

Schon länger ist die Branche krisengeschüttelt, doch die Kreuzfahrtindustrie boomt. Auch in Warnemünde profitieren sie davon. Zwar liegen Teile des Werftgeländes brach, doch der neue Eigentümer investiert. Da stehe ich auf dem Open-Air-Flur vor meinem roten Container, der die Welt gesehen hat, und schaue auf die Werft.

Container mit Aussicht

Ein Stückchen weiter sind hin und wieder die Schornsteine der Großfähren zu sehen, die zwischen Schweden, Dänemark, Polen und Rostock pendeln. Wie weit ist es wohl bis zum Strand? Meine erste Radtour führt mich geradewegs zum Alten Strom.

Parallel dazu verläuft die Straße „Am Strom“, um nicht zu sagen: das Epizentrum von Warnemünde. Geschäfte, Buden, Restaurants zur Linken und zur Rechten, letzteres dann auf den Schiffen. Weiter vorne lichtet es sich, auch wenn der Strom der Menschen nicht abebbt. Vor der Westmole fahren die Fähren aus Trelleborg, Gedser und Gdynia ein und aus.

Wäre ich nicht gerade erst aus Malmö zurückgekommen, würde mich an dieser Stelle erneut das Fernweh packen. Das Seeweh. So drehe ich eine Runde durchs Dorf und sehe mich am Strand um. Überall steppt der Bär.

Als dunkle Wolken aufziehen, kehre ich zurück in meinen roten Container. Stehe wieder im 5.Stock, blicke auf die Werft. Da spüre ich etwas hinter mir. Walter. Er steuert geradewegs auf mich zu. Zwar ruft jemand „Walter!“, doch Besagter lässt sich nicht so leicht aus dem Konzept bringen.

Er beschnüffelt meine Füße, freundschaftlich halte ich ihm die Hand hin. Walter – ganz der galante Hund von Welt – antwortet mit einem Handkuss. „Vorsicht, der haart!“, meint Frauchen mich warnen zu müssen, meine Nachbarin. Gelber Container. Ich lache und setze sie über meine Plüschmonster zu Hause in Kenntnis.

So kommt es, dass moderne Container-Architektur verbindet, vor allem in der Kombination mit Vierbeinern. Schließlich teilen wir uns ja den Balkon. Tauschen uns über Hundezimmer und die Klimaanlage im Hotel aus. Ich habe nämlich Probleme, mein hinteres Fenster zu öffnen, das noch etwas stramm sitzt. Doch unser Gespräch stärkt mich, es klappt.

Rotlichtzimmer

Um die Hitze des schwülen Tages rauszulassen, bleibt die Tür meines Containers zunächst weit geöffnet. Mein rotes Zimmer im fünften Stock schipperte einst quer über die Weltmeere, bevor es in Hamburg verschrottet werden sollte. Diesen und 75 weitere Container wurden mit Frostschutz versehen und frisch gestrichen, bevor man sie in das Gerüst aus Stahl und Beton eingefügte.

Unweit des Hotels entsteht gerade ein Parkhaus. Ein Bau, der für seine spätere Verwendung relativ schick anmutet. „Manche Leute dachten, es sei umgekehrt. Dass wir das Parkhaus sind, und sie das Hotel“, sagt Petra Cavet, die Koordinatorin für Kunst, Kultur und Klassenfahrten im Dock Inn. Doch seitdem die upgecycelten Container den Bau kleiden, ist alles recht schlüssig.

Die Warnow, die Werft, das Meer – eine Architektur aus Containern konnte nur hier entstehen.

Bei der Umsetzung geholfen hat den Initiatoren das unkonventionelle Berliner Architektenbüro Kinzo. „Da hat sich nämlich nicht jeder rangetraut.“ Und dann die Innenausstattung. Gerade die optimale Nutzung des länglichen Containerraums sei eine Herausforderung gewesen. Und ganz fertig sind sie noch nicht. Die neue Kletterwand ist nun eingeweiht, aber da sind andere, ungelüftete Geheimnisse.

Kommunikationszentrum

Leider funktioniert die Sauna im fünften Stock nicht, als ich dort bin. Gehe ich ins Spielzimmer oder zum Working Space? Für den Flur-Balkon kann sich jeder Gast gerne Klappstühle ausleihen. Als ich die Couch vorziehe und die Tür weit öffne, scheint das einen ähnlichen Effekt zu haben. Andere Etagenbewohner kommen vorbei und grüßen grinsend.

Vögel zirpen wie verrückt, obwohl Bäume Mangelware sind. Das Gelände hinter „Zum Zollamt“ ist größtenteils in ein Wohngebiet umgewandelt worden. Nur links vom Dock Inn wächst besagtes Parkhaus, das direkt am Kanal andocken durfte. Nicht so das Hotel. Behördliche Entscheidungen sind manchmal schwer zu verstehen.

Nun ist das Dock Inn ja auch ein Hostel, und ich hatte eigentlich ein anderes Publikum erwartet. Statt der jungen Leute und Surfer, die ihre Bullis draußen neben Emilia parken, sehe ich Pärchen mittleren Alters und junge Familien. Scheinbar gefällt es allen hier. Und der Strand ist zwar nicht direkt hinterm Haus, aber dafür die Werft davor.

Unter Gleichgesinnten

Nach dem großen Regen stehe ich allein auf dem Flur-Balkon. Und prompt setzt sich ein hauchdünner Regenbogen über die Werft. Das hatte ja noch gefehlt. Die neue Romantik.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an das Dock Inn für die Gastfreundschaft, die Ideen und Anregungen!

Alles klar?
Wo es Frühstück gibt. Und nicht nur.
Gefaltet, gestaffelt, gefärbt.

Euch interessiert das Thema Upcycling? Hier geht es nach Amrum auf den Kniepsand…

  1. Erinnert mich ein bisschen an die NDSM-Werft in Amsterdam, wo übereinandergestapelte Container als Wohnungen genutzt werden und wo in der Nähe ein ganzes Schiff als Hotel genutzt wird. Wobei ich nicht wissen will, was dort die Container-Wohnungen kosten. Aber schön, dass man auch in Deutschland anscheinend mutiger wird, was Architektur betrifft.

    • Danke, das ist ein toller Tipp! Ich hatte nämlich nur kaum Beispiele dafür gefunden, dass ein ganzes Hotel aus Containern errichtet wurde. Also wenn ich dich richtig verstehe, ist es ein Containerschiff, auf dem die Container als Zimmer genutzt werden? In Amsterdam? Innerhalb eines Baus werden ja häufiger Container verwendet, sagen wir mal eher dekorativ. Und Container-Architektur als Modulsystem ist schon verbreiteter. Aber gerade das Upcycling macht die Idee interessant, wie ich finde.

      • Nicht ganz, es handelt sich um zwei verschiedene Bauten, die aber nur wenige Minuten fußläufig voneinander entfernt sind. Das eine sind die Container-Wohnungen, die einfach nur aus zusammengesetzten Containern bestehen, das andere ist das „Botel“, ein als Hotel genutztes Schiff. Die NDSM-Werft war früher noch eine industriell genutzte Werft, die geschlossen wurde und sich nun in ein kreatives Viertel verwandelt hat. Vom Amsterdamer Hauptbahnhof aus kann die NDSM-Werft innerhalb einiger Minuten mit einer kostenlosen Fähre erreicht werden. Ich möchte das Viertel (und andere Amsterdamer Außenbezirke) in nächster Zeit auch auf meinem Blog erwähnen.

        • Ja, das klingt spannend. Alte Werftgelände, die neu genutzt werden, finde ich immer spannend. Egal, ob es in der ökologisch geplanten Form wie in Malmö passiert, oder teilweise auch upgecycelt und umgebaut wird. Wichtig finde ich eine gemischte Nutzung. Im Düsseldorfer Medienhafen hatte man in den ersten Jahren einfach den Eindruck, auf einer Spielwiese der Architekturen zu stehen. Das Leben fehlte. Aber das ist heute anders. In Aarhus Ø ist es ähnlich, es wirkt noch etwas zu clean. Aber das NDSM-Gelände werde ich mir merken. Freue mich auf deinen Beitrag dazu!

  2. Hallo Elke, das ist ja lustig, das hier bei dir auch zu lesen. Ich fand es ja richtig toll dort. Und gerade bin ich bei dir, weil ich mal nach Nordseetipps schauen will, ich bin nämlich nächste Woche bei dir in der Ecke, ich ticker dich aber noch mal per PN an. Ganz viele Grüße und vielleicht bis ganz bald
    Andrea

    • Hallo Andrea, ja, das ist ein tolles Thema, deswegen musste ich Warnemünde an meinen Schweden-Trip hängen. 🙂 Und wenn du kommst, melde dich, das wäre ja super! Liebe Grüße, Elke

  3. Klingt spannend und ist mal ganz was Anderes. wird auf die To-Do-Liste gesetzt 😉

    • Danke! Ja, unbedingt! 🙂 Ist auch prima kombinierbar mit einem Dänemark- oder Schweden-Trip von Rostock-Warnemünde aus.

  4. Viermal Fernweh

    Freue mich immer, Reiseberichte aus meiner Heimat zu lesen. 🙂 Den Bau des Container-Hostels habe ich beobachtet und reizen würde es mich schon, statt bei der Familie zur Abwechslung mal im Container zu schlafen. Ist es eigentlich sehr hellhörig?
    Liebe Grüße, Ines

    • Hallo Ines, danke dir! Ich habe sehr gut geschlafen und nur die Vögel gehört, weil die Fenster hinter dem Bett nach hinten rausgehen. Vielleicht hatte ich leise Nachbarn, keine Ahnung. Jedenfalls ist es mir gar nicht hellhörig vorgekommen. Liebe Grüße, Elke

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