Von nun an barfuß

Myanmar setzt sich. Mein zweiter Tag ist der erste richtige, der erste bei Tageslicht. Wir sind weg aus der Großstadt. Landen schon am frühen Morgen am kleinen Flughafen von Heho, und zwei Stunden später spuckt uns der Bus in Pindaya aus. Das Land ist wellig, tiefrot die frisch geflügte Erde.

Ab und an poppt eine goldene Pagode mitten in der Landschaft auf, wie ein Zeichen der tiefen Religiosität der Bevölkerung. Ein Zeichen der Geschichte der Landes, die nämlich lange vor Militärdiktaturen und vor der britischen Kolonialzeit begann. Schon im 11. Jahrhundert kam es unter König Anawrahta zum ersten birmanischen Reich mit der Hauptstadt Bagan. Damals konnte sich der Theravada-Buddhismus in Myanmar durchsetzen. Viele der Bauten, die wir bald in Bagan bewundern werden, stammen aus dieser Zeit.

Angekommen.

Während der Busfahrt tauchen immer wieder Bambushäuser auf, teils mit Palmen, teils mit Wellblech gedeckt. „Alle vier Jahre müssen die Bambushäuser erneuert werden“, meint Su. Bauern stehen auf ihren Feldern, Ochsenkarren ziehen darüber. Die Mangobäume mit ihren spitzen Blättern, die wir ausmachen können, werden erst in der Regenzeit geerntet. Reis, Tee und Kaffee würden angebaut. Gemüse stünde hoch im Kurs, und überall würden Erdnüsse angebaut werden, die man für Öl in der Küche benutze.

„Die Leute hier essen kein Rindfleisch“, sagt Su, denn die Ochsen wären ja ihre Mitarbeiter. 60 Prozent der arbeitenden Bevölkerung seien Bauern, erläutert unsere Begleiterin. Doch auch der Tourismus steckt längst nicht mehr in den Kinderschuhen, das werden wir während unserer Reise immer wieder erfahren. Die Lebenserwartung der 53 Millionen Einwohner von Myanmar liege bei 69 Jahre für Frauen und 64 für Männer. Vor allem auf dem Land stürben die Menschen oft bei der händischen Ernte auf ihren Feldern durch Schlangenbisse.

Das transparente Fahrgerät.

Fast rauscht mir der Kopf von dem bunten Markttreiben Pindayas an der Straße, während unzählige Motorräder und sogenannte chinesische Traktoren an uns vorbei rauschen, deren Innerstes offen liegt. Unermüdlich stellen wir Su Fragen, unermüdlich bringt sie uns näher, was wir sehen und was wir nicht sehen.

So erfahren wir, dass gerade Trockenzeit in Myanmar herrscht, und dass es außerdem noch zwei andere Jahreszeiten gibt, Sommer und Regenzeit. Aber mit dem Januar haben wir einen der angenehmsten Monate erwischt, mit nicht so hohen Temperaturen wie im Sommer. Und Regen sehen wir kein einziges Mal.

Darf ich bitte ein Foto machen?

„Fragen Sie bitte, bevor Sie Fotos machen.“ Su spricht sehr gut Deutsch, das sie zu unserem Erstaunen in Yangon gelernt hat. Wir können uns jetzt die Beine auf dem Markt vertreten. Da wandeln wir also zwischen Motorrädern und Händlern umher, fühlen uns nah am Geschehen, berauschend nah.

Mein Bio-Rhythmus ist völlig durcheinander, und das Frühstück inzwischen auch schon eine Weile her. Su zeigt uns, wie Klebreis in Zuckerrohrstangen als Snack angeboten wird. Nur an wenigen Ständen verkaufen die Marktfrauen Fisch und Fleisch, meist geht es um Gemüse wie etwa Blumenkohl, der in Myanmar nicht wie eine Blume sondern wie ein Strauß aussieht. Gewürze natürlich und Wurzelgemüse. Auch Flaschenkürbis ist sehr beliebt.

Fast alle Frauen tragen die Thanaka-Paste gut sichtbar auf der Haut. Wie ein hellgelbes bis goldenes Muster setzt sie sich vom dunkleren Teint ab. Sie wird vor dem jedem Auftragen frisch angerührt. Die Baumrinde wird dafür über einen mit Wasser benetzten Schleifstein gerieben und das milchige Ergebnis sofort auf die Gesichtshaut aufgetragen.

Auch wir dürfen mal probieren und streichen etwas davon auf den Handrücken. Wunderbar weich fühlt sich die Haut danach an. „Es ist gleichzeitig Kosmetik, Sonnenschutz und kühlt gegen die Hitze“, klärt Su auf. Schließlich fahren wir zu den Höhlen. Fünf Dollar kostet der Eintritt, und wir erfahren, dass die Gelder zur Finanzierung von Schulen genutzt werden. „Bitte die Schuhe und Socken ausziehen!“, heißt es unmittelbar am Eingang.

Bitte Schuhe aus!

Am Fuße des Berges, der die Höhlen beheimatet, stehen Schränke für unsere Schuhe und Schlappen bereit. Es fühlt sich zunächst komisch an, den Weg barfuß fortzusetzen. Doch nach einer Weile denke ich: Wir gehen viel zu selten ohne Schuhe durch die Welt. Es ist, als könnten die Füße sehen und einen Teil meiner Wahrnehmung ausbilden.

Ich laufe über Steine, Plastikteppiche, glatte Böden, Stufen. Mal ist es kühler, mal wärmer, mal kaum spürbar. Am Anfang schaue ich noch auf den Boden, um eventuellem Dreck auszuweichen. Doch da hier jeder barfuß läuft, und ständig gefegt wird, ist alles sauberer als gedacht. Und an vielen der Tempel, die wir besichtigen werden, sind feuchte Tücher für die Reinigung inklusive, so auch hier.

Barfuß laufen hat etwas Befreiendes.

Seltsamerweise nehmen wir erst mal einen Aufzug, stehen dann auf einer Plattform über Pindaya. Genau hier geht es in den Berg hinein. Jeder ist jetzt auf sich gestellt, die Gänge sind teilweise so schmal, dass nur einer hindurch passt, der Gegenverkehr muss warten. Und es ist einiges los in den Höhlen von Pindaya.

Der Aufzug.

Jeder freie Platz an den Wänden ist besetzt. Die typische Höhlenstruktur ist eigentlich nur noch am Himmel auszumachen, sowie an einem Stalaktiten, an dem unablässig Wasser hinabtropft. Es scheint den Leuten als geweiht zu gelten, denn sie benetzen sich gerne damit. Mehrere tausend Augenpaare beobachten mich, kleine wie große Buddhas.

Alle lächeln, alle sind gleich, das Lächeln potenziert sich, es ist wie in einem Spiegelkabinett. Ein feines, wissendes Lächeln, das die Lippen der Statuen umspielt. Touristen mischen sich mit Einheimischen, die teilweise betend auf die Knie fallen.

Es sind Tausende.

Da fällt mir etwas auf: Eine in ein rosa Gewand gehüllte Nonne zückt ihr Handy und zielt nicht nur auf eine Pagode, sondern auch auf die große Frau mit dem blonden Haar direkt daneben. Es ist das erste Zeichen. Gegenseitiges Fotografieren ist scheinbar angesagt in Myanmar, oft auch gemeinsames Posieren mit Fremden vor der Kamera.

Irgendwann schreite ich wieder hinaus ans Tageslicht, die Luft ist zu schlecht, zu drückend in den Höhlen. Zu dritt gehen wir hinunter, suchen ein kleines Restaurant auf, das familiär geführt wird. Hier haben sich bereits zwei Touristinnen niedergelassen, und was auf ihren Teller ist, schaut appetitlich aus.

Klebreis als Snack.

Wir bestellen Nudelsuppe, die erste Nudelsuppe dieser Reise, es werden noch viele werden. Alle frisch gemacht, mit viel Gemüse und Glasnudeln. Dazu stehen eingelegter Knoblauch und andere Würzoptionen bereit, doch ich liebe diese einfachen Nudelgemüsesuppen ohne alles. Wir essen mit Stäbchen, nur ganz am Schluss nehmen wir den Löffel für die Brühe. Der Tee dazu ist gratis, das Lächeln der Köchin ein Geschenk.

Text und Fotos: Elke Weiler

Und schon bald geht es weiter an den Inle-See, das Highlight unserer Reise…

Im Land des Theravada-Buddhismus.

Hier noch ein kleines Rezept für Nudelsuppe Myanmar-Style:

Wieder zu Hause habe ich versucht, eine Suppe nachzukochen und die aus Myanmar importierten Gewürze direkt mitgebraten: Zunächst habe ich einen Finger Ingwer, zwei Zehen Knoblauch geschält und in Scheiben geschnitten sowie zwei Schalotten in Ringe geschnitten. Das Ganze in einem großen Topf mit zwei Esslöffeln Öl angebraten (ich habe Olivenöl verwandt, weiß aber, dass man in Myanmar gerne Erdnussöl benutzt) und mit Kurkuma und Chilipulver nach Belieben gewürzt.

Ein bisschen Blumenkohl?

Übrigens wird in Myanmar nicht scharf gegessen, kein Vergleich mit Thailand! Nun habe ich den Topf mit anderthalb Litern kochendem Wasser aufgefüllt und das klein geschnibbelte Gemüse zugefügt: Brokkoli, Süßkartoffel, Fenchel, Möhren, Lauch (oder was ihr so habt). Außerdem habe ich eine halbe Dose Kichererbsen mit der Gabel zerdrückt und beigefügt, das Ganze dann eine Viertelstunde köcheln lassen. (In Myanmar findet man eher Erdnüsse in der Suppe.)

Salzen nicht vergessen! Wer Zitronengras im Haus hat, kann eine Stange putzen, längs aufschneiden und für eine Weile mitkochen. Zum Essen ist es zu hart, doch es gibt der Suppe eine schöne frische Note. Am Ende noch die Glasnudeln (100 Gramm reichen für zwei Personen) für fünf Minuten dazugeben – fertig! Wenn die Suppe im Teller ist, könnt ihr sie noch mit Limettensaft und frischem Koriander verfeinern.

Pindaya von oben.

Ich war auf Einladung des Veranstalters TourVital, der zur Thomas-Cook-Gruppe gehört, in Myanmar. Zur Gruppe gehörte auch eine Ärztin, darüber erzähle ich demnächst mehr.

Wann wird es wohl Reisen mit Koch geben? Oder mit einem Yogalehrer? Mit einem Mönch als Begleiter, denn in Sachen praktizierter Buddhismus in Myanmar hätte ich noch einige Fragen.

Noch mehr lesen?

  1. Pingback: Angekommen in einer anderen Welt | Myanmar

  2. Pingback: Zu Gast bei den Intha, den Menschen am Inle-See | Myanmar

  3. Ein toller Reisebericht, ich war selber noch nicht in Myanmar, nur Thailand und Laos, aber ich kann das Gefühl relativ gut nachempfinden.

    • Danke, Martina! Ich fand interessant, wie anders als Thailand es ist. In Laos war ich noch nie, das würde mich auch reizen. Wie hat es dir dort gefallen? LG, Elke

      • Ganz ehrlich ? Ich habe mich in Laos nicht so wohl gefühlt wie in Thailand, eher mehr als „wandelnder Geldbeutel“. Bin dann schnell wieder zurück nach Thailand, wo ich dann im Endeffekt fast 4 Monate verbracht habe (im Vergleich zu 3 Wochen in Laos). Aber Thailand, vor allem im Norden, fernab von Touristen, fand ich ganz super.

        • Ja, ich mag Thailand auch sehr gerne! Myanmar fand ich uriger, es wirkte exotischer auf mich. Die Leute zurückhaltender, abgesehen von einigen Postkarten- und Souvenirverkäufern. Der Tourismus ist wesentlich weiter entwickelt, als ich vor der Reise dachte. Kambodscha und Vietnam sind vermutlich wieder ganz anders…

          • Wenn Du sagst, der Tourismus ist weiter entwickelt, ist das dann positiv ? Oder eher nicht ? Leider kenne ich weder Kambodscha noch Vietnam, aber ich glaube auch, dass die asiatischen Länder zwar Ähnlichkeiten haben, aber trotzdem anders sind.

          • Eigentlich meinte ich es positiv, denn es ist gut für dieses nicht gerade reiche Land, und die Leute profitieren dadurch. Man hatte uns zum Beispiel am Inle-See gesagt, dass in Schulen investiert wurde. Negativ auswirken kann sich Tourismus erst, wenn Orte regelrecht überrollt werden. Das ist natürlich noch nicht der Fall, aber ich würde einige Sachen nicht unbedingt empfehlen, etwa den Sonnenuntergang auf dem Bagan Viewing Tower (siehe Bagan-Pagoden-Artikel), wo sich die Leute auf der entsprechenden Seite drängeln.

          • Ja, wenn die Einheimischen davon profitieren können, und wenn auch noch umweltgerecht vorgegangen werden kann, dann ist Tourismus eine tolle Sache.

            Genau daran arbeiten wir gerade in Nord-Peru :) (Hat ja eigentlich nichts mit Deinem Artikel zu tun, aber das trifft sich jetzt einfach sehr gut.)

          • Das klingt gut, ich komme gerne mal vorbei. :-)

          • Bist du auf der ITB in Berlin?

          • Ja, Du auch ? Sollen wir auf E-mail umsteigen ?

          • Ja, gerne! Meine steht im Impressum. LG und noch einen schönen Abend!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.