Natur Norwegen

Nilpferd im Nirvana

Vøringsfossen

Auf einem See treiben Eisschollen, über uns ein Regenbogen. Mitten in der Landschaft verlassen wir die perfekte Straße für einen kurzen Stopp. Steinmassen, künstlerisch aufgetürmt an einem Seeufer – es ist ein Aussichtspunkt der norwegischen Landschaftsroute Hardangervidda.

In der größten Hochebene Europas, geschliffen durch eiszeitliche Gletscher, wechselt das Bild. Schneeflecken, Steine, Moose in allen Farbschattierungen. Dann wird es flacher. Wo sind die Rentiere, die ab dem Frühjahr auf die Sommerweiden im Westen ziehen? Vermutlich schon angekommen.

Anfangs sind noch viele Hütten zu sehen, teilweise mit Grasdächern, die wie Igelfrisuren in Grün aussehen. „Norweger lieben es, ihren Urlaub auf der Hütte zu verbringen. Allein und einfach.“ Die dreifache Mutter Carina muss es wissen, denn sie ist Norwegerin und kennt alle Tricks da draußen.

„Einmal waren wir so zugeschneit, dass wir durchs Fenster springen mussen, um raus zu kommen…“ Solchen Abenteuern sind wir mitten im Juni natürlich nicht ausgesetzt. Bei Carinas letztem Urlaub war die Hütte nicht mit dem Auto, sondern erst nach zwei Wanderstunden zu erreichen. Fließend Wasser? Strom? Fehlanzeige.

Fällt 182 Meter tief: der Vøringsfossen.

Irgendwann muss ich das mal ausprobieren, aber heute sollen wir nur zum Fuße eines Wasserfall wandern, dem Vøringsfossen. Wir erreichen das Fossli Hotel oberhalb des Wasserfalls, wo schon der Komponist Edvard Grieg das wilde Landleben genoss, sich mit Freunden traf, komponierte. Hier entstand sein Opus 66 „I wander deep in thought“. Das Klavier ist übrigens heute noch zu bewundern.

Bevor wir loswandern, schauen wir uns den Vøringsfossen von oben an, begleitet von Marit, die die Gegend wie ihre Westentasche kennt. Über 182 Meter stürzen sich die Wassermassen vom Plateau der Hardangervidda in die Tiefe. Wir laufen zunächst seitlich hinunter und fahren dann ein Stück mit dem Bus.

Kurz vor dem Målbøtunnel steigen wir aus, es geht los. Ziel ist die Hängebrücke unten am Wasserfall. Mama Carina versorgt sie uns ganz mütterlich mit der typischen Keksschokolade für Wandertouren, der kleine Energiekick für zwischendurch. Jetzt kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Oder?

Das fängt ja schon gut an.

Der Weg ist schmal, sehr schmal. Wir laufen oberhalb des rauschenden Bjoreio-Flusses, arbeiten uns Schritt für Schritt vor. Seitlich geht es steil hinab, manchmal ist der Pfad aufgeweicht, da es geregnet hat. Nichts für Ungeübte. Nichts für mich.

Vorbei die Tage, an denen ich mich wie eine Gazelle fühlte. Heute wiegt die Erdanziehungskraft schwer. Um nicht zu sagen: Ich bin ein Nilpferd, dass über rutschige Pfade trampelt, sich über Steinlawinen hangelt und manchmal auf allen Vieren klettert. An kritischen Stellen halte ich mich an allen zur Verfügung stehenden Dingen fest: Felsen, Gestrüpp, Kollegen.

Die einzigen Gazellen sind vermutlich die Norwegerinnen Marit und Carina – leichtfüßig, sicher, schwindelfrei. Wir kreuzen einen historischen Transportpfad, den laut Marit schon Pferde gegangen sind, um Dinge durch diesen Teil der Hardangervidda zu befördern. Mir ist schleierhaft, wie auf diese Weise das Fossli Hotel hoch oben gebaut werden konnte.

Marit: Norwegerin und als Wanderer natürlich eine Gazelle

Ein gekippter Baum versperrt uns den Weg, kein wirkliches Hindernis für affenartige Wesen, auch nicht für den untrainierten Teil. Doch vermutlich eine letzte Warnung der hier wohnenden Trolle und Wassergeister. Die Anzeichen mehren sich.

Basta, sagt der innere Schweinehund in mir, als diverse Körpermuskeln vor Anstrengung zittern. Ganz so schweinisch ist das vom Hund also nicht. Ohne den Wasserfall von unten gesichtet zu haben, mache ich mich auf den Rückweg. Ich folge einfach den roten Punkten, die mich über Stock und Stein und größere Hindernisse geleiten.

Schwitzend, von Vogelstimmen umzingelt, die ich zuvor noch nicht einmal wahrgenommen hatte. Der Sound der Natur. Schon Edvard Grieg hatte sich hier inspiriert. Das Wasserrauschen in der Ferne, die Stille der Wälder, das sachte Rascheln der Blätter und die Vogelgesänge.

Es ist einfach schön hier draußen. Wenn man anhält, sich nicht mehr auf den Weg konzentriert und aufs Vorankommen. Einfach nur Lauschen, allein in der Natur. Ich verstehe Grieg und all die anderen, die das erdet oder inspiriert. Ein Nilpferd im Nirvana.

Aha, ein Geröllfeld versperrt uns den Weg!

Ich packe die norwegische Keksschokolade aus, denn nach dem Schwitzen kommt der Appetit. Auch wenn ich nichts verstehe: Auf der Innenseite gibt es eine Tourenbeschreibung für die nächste „søndagstur“. Zwischen Trondheim und Rønningen allerdings, vielleicht nächstes Jahr, denn so langsam komme ich auf den Geschmack.

Irgendwann blinzelt die Sonne zwischen den Wolken hervor, und ich lasse „Pachamama“, wie die Andenvölker unsere Mutter Erde nennen, ein paar Krümel von der Keksschokolade. So als Dank.

Oder für die Waldgeister?

Text und Fotos: Elke Weiler

P.S.: Demnächst treffen wir einen schönen, weiblichen Troll – tanzend zur Melodie praller Wassermassen. Wie viele Männer von der Flambahn wird die Huldra verführen?

Und noch ein Lesetipp: Bergen bei Sonnenschein? Gibt es doch. Und so startete unsere Reise durch Fjordnorwegen


Mit Dank an Innovation Norway für die Unterstützung der „Fjell & Fjord“-Reise.

Autor

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

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