Saint-Malo und das Meer

Jedes Mal, wenn ich vor einer starken Brandung stehe, denke ich an Saint-Malo. An jene Nacht am Strand. Nichts als der Rhythmus rauschender Wellen, spritzender Gischt. Saint-Malo hat für mich diesen bizarren Klang. Wild war das Meer, stark und schnell die Flut. Der Mythos der Seefahrer und Korsaren, Piraten mit offiziellen Auftrag. Geschichte und Geschichten, doch das nur nebenher. Ich fange am besten am Anfang an.

Es regnet in Strömen, als ich den ersten Fuß auf die Brücke setze, Mont-Saint-Michel verlassend. Ich hechte zur Haltestelle, quetsche mich in den vollen Shuttlebus, wo mich karibische Luftfeuchtigkeit und Hitze empfangen. Durch die beschlagenen Scheiben kann ich nur noch schemenhaft den emblematischen Umriss des Klosterbergs erkennen.

Auf dem Besucherparkplatz finde ich meinen Döschwo entgegen aller Erwartungen gleich wieder, was gewiss auch daran liegt, dass es eine Ente, ein seltenes rundes Tier in Knallrot ist. Bleibt nur die Frage, ob ich auf der folgenden Fahrt nach Saint-Malo überhaupt die Straße ausmachen kann. Enten kennen nur eine einzige Geschwindigkeit, was den Scheibenwischer angeht. Viel zu lasch, wenn es richtig schüttet.

On the road again

Muss ich den Weg erahnen? Aber wie durch ein Wunder lässt der Regen etwas nach, als ich losdüse. Doch es geht langsamer voran als geplant. Das Wasser rinnt unaufhörlich über die Scheiben und dringt durch den Lüftungsschlitz ein. Lehnt man sich in die Kurven, schwappt es über. Das ist Standard beim 2CV. Mir ist nach Singen zumute, irgendwas mit Melancholie, aber ohne Südsee. Non, je ne regrette rien…

Mit Liebe zum Detail

Am Nachmittag erreiche ich Saint-Malo, das auf den ersten Blick wie eine durchschnittliche mittelgroße Stadt in Frankreich wirkt. Doch weit gefehlt. Ich parke die nasse Ente im Hinterhof des Hotels „Les Charmettes“, ein uriges Steinhaus, gut erhalten. Erklimme die Stufen hoch zur Rezeption, werfe einen Blick ins Café.

Mon dieu, es ist ein Strandhotel. Das Meer vor der Tür, Kunst an den Wänden. Die Lässigkeit des Strandlebens hat sich nach innen übertragen. Bloß keine Perfektion, aber viel Liebe zum Detail. So beziehe ich mein kleines Meerblick-Zimmer mit so einem Bauchgefühl, einem sehr guten.

Ich muss in die Altstadt, und das ist ganz einfach von „Les Charmettes“ aus. Immer am Strand entlang, wo die Strandsegler üben und Spaziergänger über den freigelegten Sand waten. Ebbe. Nur die Sandsäcke vor den Eingängen künden von dem, was die Stadt am Abend erwartet: eine Springflut, la grande marée.

Sie sind kräftig, fast ein bisschen zäh, die Austern aus Cancale. Momentan sei die Saison dafür, hat mir Virginie verraten, die aus Saint-Malo stammt. Man verstünde hier gut zu leben, das Essen, das Kulturangebot, das Meer zu genießen. Ob ich zu den Austern Cidre trinken soll, habe ich noch gefragt, denn das hat schließlich in der Normandie auch prima funktioniert.

„Nein, wir trinken Weißwein dazu“, klärt Virginie mich auf. „Cidre passt zu den Galettes.“ Ja, die Normannen, die würden auch zu allem Cidre trinken. Sie lächelt. Willkommen in der Bretagne! Cancale liegt im Nordwesten der Bucht von Mont-Saint-Michel, leider werde ich dieses Mal nicht so weit kommen.

Austern oder Galettes?

Immerhin habe ich den Geschmack von Cancale auf den Lippen, als ich das Lokal wieder verlasse, nach diesem sehr späten Lunch. Um mich in den Gassen der Altstadt zu verlieren, gesalzenen Karamell und bretonische Kekse zu kaufen. Bei La Grande Porte, einem der Stadttore des imposanten Mauerrings, wurden einst die Waren der Schiffe entladen, die aus allen Richtungen hier eintrafen, aus Asien, Afrika, Amerika.

Ein Himmel voller Galettes

Ganze Baumstämme als Wellenbrecher vor den Mauern. Gleich hinter dem Festungswall drängeln sich die typischen Steinhäuser aneinander, eine Grau-in-Grau-Komposition. Die Sonne geht langsam unter, irgendwo hinter den Wolken. Fast greifbar nah die Festungsinseln, die bei Ebbe zu Fuß erreichbar sind. Doch das Wasser kommt näher. Ich beschließe, in der Crêperie „La Licorne“ noch etwas Typisches zu verspeisen.

Die meist männlichen Kellner tragen knackige Latzhosen, gestreifte Pullis und Baskenmützen, dazu lächeln sie verhalten bis tendenziell flirtend, höchste Kunst also. Ich trinke Cidre und gönne mir eine Galette au blé noir, Pfannkuchen aus dunklem Buchweizenmehl, wie es die gute Sitte verlangt. Auf eine rustikale Variante mit Kartoffeln und Käse fällt die Wahl.

Très bon! Und schwer sättigend. Doch die Charmeure empfehlen mir noch Kouign-amann, geschichteten Butterkuchen, der sich zwar köstlich, doch noch sättigender ausnimmt. Lächelnd rolle ich hinaus in die bretonische Nacht und grinse auf meinem weiteren Weg vor mich hin. Galettes scheinen glücklich zu machen.

Die Weite
Die Springflut

Gerade noch wirkte alles so friedlich, das Strandleben idyllisch, und der Himmel hing voller Galettes. Ein Hauch von Sonnenuntergang über der Altstadt, während ich auf der Promenade lustwandele. Die Lichter der Nacht, die immer heller werden. Das Blau des Himmels, immer schwerer, dunkler, intensiver. Noch ist ein Stück Strand sichtbar, joggen die Menschen, rasen die Hunde umher. Frei.

Durch die Gischt

Nur eine Stunde später klopft das Meer an die Tür, schwappt über die Promenade, braust, schäumt, zischt, sprüht Fontänen in die Luft. Der Sound der See übertönt alles. Diese rohe, ungebremste Kraft, diese Wildheit mitten in der Stadt zu spüren, was für ein Kontrast. Schilder, die vor den Wellen warnen, Sandsäcke, die an Bedeutung gewinnen.

Doch schon seit Jahrhunderten lebt Saint-Malo mit dem Meer und lebte immer gut damit. Immer noch sehe ich Flaneure im Schatten der Mäuerchen der leicht erhöht gelegenen Terrassen und Häuser vorbeiziehen. Was passiert wohl mit den Strandseglern, die ein Stückchen weiter aufgereiht liegen, sind sie gut verzurrt? Und mögen es die Malouins an frischen Herbstabenden wie diesen, durch die Gischt zu laufen?

Das Donnern der Brandung gegen die Brüstung höre ich selbst bei geschlossenen Fenstern. Wäre es mir nicht zu kalt, würde ich die ganze Nacht auf dem Balkon stehen. Doch irgendwann schlafe ich ein, nach dem Aufwärmen bei geschlossenem Fenster. Am nächsten Morgen braust das Meer unvermindert, nur weiter entfernt. Der Strand ist wieder dort, wo er hingehört, das Meer hat ihn ausgespuckt. Frühaufsteher joggen unter dem Licht der Laternen.

Ich muss weiter. Irgendwann will ich zurück nach Saint-Malo.

Text und Fotos: Elke Weiler

Gedanken an der Wand
Der Festungswall
In den Gassen
Au revoir!

Noch mehr von meiner Reise lesen? Über die Magie des Mont-Saint-Michel sowie einen Ausflug auf die Chausey-Inseln, wo wir Piraten treffen. Piraten?

Mit Dank an Atout France, die Bretagne und Normandie, die diese Reise unterstützt haben.

  1. Alexander

    Cancale liegt im Nordwesten der Bucht von Mont-Saint-Michel, leider werde ich dieses Mal nicht so weit kommen.

    Nicht so weit kommen, auf dem Weg vom Mont-Saint-Michel nach St. Malo?

  2. Pingback: Die Magie des Mont-Saint-Michel | Normandie, Frankreich

  3. Bonjour! Ich war zur gleichen Zeit in St.Malo, am Tag der Springflut im Restaurant neben den sexy Matrosen! Ich liebe St. Malo und fahre dieses Jahr zum 5.Mal in einen Nachbarort! Ich möchte nirgends anders mehr hin! Es ist très magnifique la bas ! Dein Bericht ist fantastisch! Und macht meine Sehnsucht größer! Bonne journée Britta

  4. Pingback: Die wunderbare Welt der Chausey Inseln | Normandie, Frankreich

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