Picknick am Schloss

Um das gleich vorneweg zu nehmen: Den Schlossherrn habe ich auf Egeskov nicht angetroffen.

Doch spürte ich seinen Geist hier und da. Als Künstler wirke er, trug man mir zu. Seine Handschrift auf der gemalten Wand im Garten? Ringsherum bereitete man sich auf eine Festivität vor. Es wurde gewerkelt, Inseln aus Holz schwammen im Schlossgraben. Für die Schwäne war das nicht von Belang.

Mich dünkt, Seine Durchlaucht hatte einige der Vasallen zur Belustigung des Volkes in die Gärten geschickt. Im glänzenden Gewand, mit durchdringender Stimme, von erhabener, stolzer Statur tauchten sie bisweilen aus dem Nichts auf. Ihre Vorfahren stammten aus asiatischen Landen. Trotz einiger Scheu trugen sie zum Amüsement des Fußvolks bei.

Der Schönling und die Menge.

Doch dann wandte man sich wieder ab, erhob sich beizeiten elegant in die Lüfte, hinterließ die Menge raunend und fotografierend. Welch Unsitte dieser Zeit! Den Blick nurmehr durchs Objektiv geschärft, das sich zwischen Wahrnehmung und Realität schiebt. Es tangierte mich nur peripher, elfengleich schritt ich hinfort, seltsam beflügelt vom Ort.

Am liebsten barfuß und im weißen Gewand, französische Spitze. Verlor mich in exakt geschnittenen Weidengängen, Frühjahrs- und Sommergärten, endlosen Alleen und versteckten Blumengängen. Blickte tief in seichte Gewässer, wo sich Fischlein ruhelos tummelten. Ein Spiegelbild des Märchenschlosses im Teich, tauchte das Dach spiegelverkehrt ein und verschwand.

Magie des Wassers

Beim Aufschauen entfaltete sich der Bau zu voller Schönheit, zog mich in seinen Bann. Sollte ich mich weiter im Garten verlieren oder gar einen Blick in die erlauchten Gemächer werfen? Im ersten Gebäude fand ich üppige Gewänder, doch keine Schlossfrauen, die sie trugen. Ganz oben im zweiten schlief ein Knabe wohl seit Urzeiten. Allein unterm Holzgebälk, unbeweglich wie selbiges. Unantastbar.

Ging doch die Mär umher, das Schloss würde am Weihnachtsabend ins Wasser stürzen, entfernte man die Puppe vom Dachboden. Nun denn. Wer will schon die Schlossgeister erzürnen? Ihre Rage spüren, die Steine zu versetzen mag? Lieber labte ich mich an italienischen Genüssen, eine Einkehrmöglichkeit lag unweit des Schlosses auf dem Weg.

Wohlbekannte Düfte wabern durch die Luft.

In Erwartung meiner Präsenz hatte man bereits einen Picknickkorb bereitgestellt, welche Güte! Vorm Schloss möge ich mich damit niederlassen, so riet man mir. Die Aussicht! Doch leider glänzten die Rasenflächen vor Nässe, gesprenkelt hatte man sie wohl. Kein Regenschauer, trotz des grauen Tags, nein, ein automatisch getakteter Guss hielt das Grün in Schuss.

Essen to go.

Mit dem Picknickkorb in der Hand suchte ich nach einem besseren Ort. Bukolisch sollte er sein, gleichwohl trocken und bequem. Da fand ich einen Tisch und Stühle, welche noch nicht ganz vorbereitet für sommerliche Gaumenfreuden wirkten. Na ja, ich saß. Genoss, was in dem Korb versteckt. Fror mit der Zeit, doch am Picknick ging kein Weg vorbei.

Bekannt schon seit der Antike, wird es in einigen Landen gar treffend zelebriert, Dänemark allen voran. Stets bereit, den Sinnesfreuden in der Natur zu huldigen. Ich aß und aß. Überlegte noch, weitere Gäste an meinen Tisch zu bitten, denn der Korb gab gar viel her. Gewiss würde ich hiernach in den Ort Kværndrup rollen können, wo eigentlich nur der Schienenverkehr anrollte. Bis dahin lief ich noch ein gutes Stück zu Fuß.

Geradlinigkeit.

Unter Laubbäumen ertönten die Rufe der Vasallen, verborgen vor den Blicken des Volkes. Versteckt die schillernde Schleppe, die Pracht der Pfauen. Symbole der Schönheit, des Reichtums, der Eitelkeit. Stand nicht Bescheidenheit im Janteloven, dem sozialen Kodex Skandinaviens?

Ich biss ins Baguette, goutierte Vitello Tonnato. Italiener liebten Dante, von Jante keine Spur. Es war an der Zeit, den Ort zu verlassen und ans Meer zurückzukehren. Nicht ohne einem der Vasallen höflich „Adieu“ zuzurufen. Er schrie, verzweifelt, liebesmüde. Möge er eine Partnerin finden, die sein Inneres wertschätzt.

Und dann war da noch… das goldene Ei des Piet Hein.

Text und Fotos: Elke Weiler


Noch ein paar Infos:
Egeskov zählt den beliebtesten Ausflugszielen der Insel Fünen. Das Gebäude aus dem 16. Jahrhundert war im Renaissancestil und doch festungsartig geplant. Es besteht aus zwei hohen Giebelhäusern, flankiert von Türmen. Das Torhaus wurde im 19. Jahrhundert zugefügt. Nur ein Teil des Schlosses ist für die Öffentlichkeit zugänglich, das andere wird privat genutzt. Auch der umgebende Wassergraben diente einst der Verteidigung. Ringsherum erstreckt sich ein Park auf 20 Hektar Land.

Symphonie aus Stein und Wasser.

Der Eintritt kostet 220 DKK, also fast 30 Euro. Kinder zwischen 4 und 12 Jahren zahlen 130 DKK, zirka 17,50 Euro. Lohnt sich das? Mir erschien das Grundstück rings ums Schloss wie ein Freizeitpark, in dem man locker einen Tag verbringen kann. Mit Aktivitäten und Gadgets sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Es gibt einen Baumwipfelpfad, ein Weidenlabyrinth, eine GoKart-Bahn, eine Oldtimer-, Rad- und Motorradsammlung.
Ich habe mich in ein rosa Vintage-Gefährt verguckt, Madam President Wilson’s Ex-Car, und dabei sogar etwas gelernt: Es gab bereits Anfang des 20. Jahrhunderts elektrisch betriebene Autos! Dieses rosa Wunder von 1920 bringt satte 1.358 Kilo auf die Waage. Höchstgeschwindigkeit? 40km/h. Angefertigt in Ohio von der Milburn Wagon Company.

Oh, honey!

Mit Dank an Visit Fyn, die zu dieser individuellen Reise eingeladen haben.

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  1. Ist das dein neues Auto!

  2. höhöhö… super geschrieben…. ich schmeiß mich weg! Oder um es mit deinen Worten zu schreiben: du schrubest wirklich vorzüglich… :) Gruss Sylvia

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