Die gegen das Wasser kämpft

„Wie eine Badewanne wirkt das heute“, meint Claudia Niehues mit Blick auf die Nordsee, als wir uns am Strand von Hörnum auf Sylt treffen. Ihren Dienst als Badeaufsicht hat sie gerade beendet. Wir ziehen uns in dem leicht erhöhten Holzhaus um, bevor wir zu den Paddeln greifen und an die Wasserkante laufen. Ein paar Wellen rollen sachte aus, für Sylter Westküsten-Verhältnisse also ein ausgesprochen ruhiger Abend.

Claudia hat sich einen Neoprenanzug übergestreift, denn wir wollen uns eine Zeitlang im Wasser aufhalten. Kalt ist es zwar nicht, aber für eine mindestens halbstündige Aktion im Wasser bestimmt die richtige Entscheidung. Ich versuche es derweil mal ohne Neopren, schließlich ist ja Sommer. Und das Wasser leuchtet so wunderbar türkis, dass ich einfach nur schwimmen möchte.

Hier bin ich richtig.

Die Surferin Claudia soll mir aber etwas in Deutschland noch relativ Unbekanntes zeigen, das in Nordfrankreich ausgesprochen beliebt ist: Longe-Côte. Entlang der Küste heißt das übersetzt und meint: entlang der Küste laufen. Im Wasser. Die Kraft des Wassers spüren. Zum besseren Vorankommen helfen dabei Spezialpaddel, deren korrekte Handhabung Claudia mir noch demonstrieren will.

Aber erst mal aufwärmen und sämtliche Körperpartien durchbewegen. Nach meinem längeren Spaziergang durch den Sand dachte ich eigentlich, sehr gut aufgewärmt zu sein. Doch Claudia weiß, was sie tut, und ich mache motiviert mit. Stretching am Strand. Es folgen die Trockenübungen mit dem Spezialpaddel. Dabei geht es nicht nur ums korrekte Halten, sondern vor allem auch um die Koordination von Arm- und Beinbewegungen.

Erst mal Aufwärmen.

Auch wenn das ungefähr vergleichbar mit Nordic Walking ist und einen fließenden Bewegungsablauf darstellt, bin ich skeptisch. Klar, alles wirkt logisch, aber erst mal kompliziert auf mich. Irgendwie stört das Paddel, das ich gerade wie ein Samurai-Schwert in Zeitlupe durch die Luft schwenke, mal rechts, mal links kreisen lasse.

Dann kommt der spannende Moment, wir schreiten durch das langsam tiefer werdende Wasser. Nur Claudia weiß, wo der zertifizierte Longe-Côte-Weg anfängt und aufhört. Ich sehe und spüre einfach nur Nordseewasser um mich herum. Claudia geht tiefer hinein und erklärt mir, dass die Wasserlinie optimal zwischen Bauch und Brust liegen soll, damit man nicht kippt oder ein Hohlkreuz macht.

„Die Bewegung kommt nicht aus den Armen und Schultern, sondern aus der Mitte.“

Aus der Mitte! Ich versuche, das in die Tat umzusetzen. Aber im Prinzip laufe ich irgendwie paddelnd durch Wasser. Keine Spur vom korrekten Flow. Immer wieder versuche ich mich auf das Gelernte zu konzentrieren, immer wieder komme ich aus dem Rhythmus. Bin kaum mehr als ein Spielball der Kräfte im Wasser.

Against all odds.

Am liebsten würde ich einfach nur schwimmen, mich vom Wasser tragen lassen, wie ein Seehund planschen und Quatsch machen, mich treiben lassen, die Arme ausgebreitet, und in den Himmel schauen. Neuer Versuch mit Paddel. Noch einer. Und noch einer. Erst gegen Ende des Kurses kommt der Punkt, da macht es plötzlich Spaß. Ich fühle den Takt, abgestimmt auf die Bewegung des Wassers.

Dann ist es leider vorbei. Für dieses Mal, denke ich. Sylt ist ja nicht aus der Welt. Wir stehen schon wieder am Strand, als ein glänzender Kopf aus dem Wasser ragt. Eine Robbe! Claudia und ich sind uns einig: Dieses neugierige Tier wollte mal schauen, was wir so treiben. Wasserwandern! Mit Stock! Diese Menschen.

Und weg ist er.

Text und Fotos: Elke Weiler

Noch ein paar Infos:

Longe-Côte wurde 2005 von Thomas Wallyn in Dunkerque als Training für Ruderer erfunden. Doch es fand größeren Zuspruch, und so wurde 2009 der erste offizielle Longe-Côte-Weg der Region eingerichtet. Wer diesen Sport betreibt, wird in Frankreich „longeur“ genannt. Die Nutzung des Paddels unterstützt die Bewegung im Wasser, ist aber nicht zwingend erforderlich.

Longe-Côte gilt als gelenkschonendes Ganzkörpertraining, Thalasso-Effekt inklusive. Außerdem ist es ein geselliger Sport, da es meist in Grüppchen betrieben wird, die dann im Entenmarsch voranschreiten. In Nordfrankreich verabredet man sich regelrecht zum Wasserwandern. Wichtig ist, dass das Wasser nicht zu bewegt, die Wellen nicht zu hoch sind. In Schleswig-Holstein gibt es bislang zwei zertifizierte Wasserwanderwege, bei Hörnum auf Sylt sowie in der Hohwachter Bucht.

Schön ist Sylt immer.

Für den einstündigen Kurs bei SupSurfSylt habe ich 25 Euro bezahlt. In der Hohwachter Bucht kann man bei der Segelschule Ostwind nach Longe-Côte fragen.

  1. ingrid.weiler42@gmail.com

    War der longe cote Kursus gut auf Sylt

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