Wahnsinn im Watt

Keiner weniger, lautete die oberste Devise eines Hütehundes. Dass sich ausgerechnet das Katertier verdünnisierte, traf uns alle bis ins Mark. Außenstehende gaben dem kleinen Saubraten die Schuld, Mats durch seine stürmische Leidenschaft vergrault zu haben.

Doch wir glaubten das nicht. In Absprache mit meiner Psychoanalytikerin Mademoiselle Julie entwickelte ich folgende Arbeitsthese: Mats ging es einfach zu gut.

Das Löffelgesicht war flügge geworden und wollte aus dem häuslichen Kokon ausbrechen. Einmal ganz auf sich allein gestellt sein, sich den Wind des wilden Lebens um die Nase wegen lassen. Das Fressen von Igeln klauen und im Stroh fremder Scheunen schlafen. Abenteuer pur.

Ich konnte das teilweise verstehen, doch wir vermissten ihn wie verrückt. Vor allem Janni verfiel in eine Art Herbstdepression und legte sich immer wieder neben Katis Napf. Als wollte er ihn bewachen, bis sein bester Kumpel wieder auftauchte.

Julchen vermisst Kater Mats.

Glücklicherweise erhielten wir Rauchzeichen von Bellas Rudel, das zwei Kilometer von uns entfernt mein Lieblingscafé betrieb. (Ich berichtete.) Mats war auch von anderen Nachbarn gesichtet worden, hatte jedoch eine nähere Kontaktaufnahme in allen Fällen vermieden.

Wir schickten Madame vor, unsere erste Botschafterin in Friedensangelegenheiten. Doch selbst sie kam mit leeren Händen zurück. Jeden Winkel suchte ich nach ihm ab, und auch mein Assistent setzte seine Schnüffelnase ein. Wir entdeckten ein Meer von Spuren, nur keinen original Plüschtiger.

Das Einzige, das uns aus der familiären Lethargie reißen konnte, war ein Familientreffen auf der Wunderinsel Rømø. Jannis erste Auslandsreise. Natürlich hatte ich ihm schon detailliert von Dänemark erzählt, dem Land meiner Träume.

Aber es kam alles noch viel besser. Schon als wir aus der Blechhöhle sprangen, sahen wir ihn: Balou, der mit seinem sympathischen Rudel extra aus Berlin angerückt war. Er kam frisch vom Friseur und trug modisches Gelb, dass sich einwandfrei mit dem vorherrschenden Sandbeige vertrug.

Kumpelei am Strand: Balou aus Berlin und Janni

Auch wir waren frisch aufgeplüscht, doch der Zauber wolkenleichter Fluffigkeit verpuffte schon nach wenigen Minuten. Ein erster Kontakt mit Sand und Meer, der effektiven Kombination am Strand meiner Lieblingsinsel – und uns schlotterte der Plüsch wie gekochte Spaghetti am Körper.

Beim Buddeln verteilte ich die Panade ebenso großzügig wie gleichmäßig auf meine Umgebung, damit keiner zu kurz kam. Auch die Lutscher nicht. Um den Beachlook zu komplettieren, wälzte ich mich mehrfach mit der mir eigenen Gründlichkeit.

Als einzige Vertreterin des legendären P- wie Pfützenmatschundschlickschwein-Wurfs erregte ich mit der Wälzaktion größtmögliche Aufmerksamkeit. Doch mein Publikum war noch nicht komplett: Wo blieb die Königsfamilie?

Balou hatte spontan beschlossen, Madame erst mal gehörig abzuknutschen, während mein Halbbruder Smutje mit Kumpel William und der schönen Lotta unentwegt im Wasser plantschte. Da bellte Madames multifunktionaler Schnack-Apparat, und wir wurden gen Norden beordert, wo die Königsfamilie mengenmäßig stark vertreten war.

Janni lernt effektives Buddeln von Julchen.

Janni freute sich wie ein Frühlingslamm auf dem Deich und kuschelte und knutschte und kugelte sich von einem zum anderen. Dann stand sie vor ihm. Groß, schön und von liebreizendem Wesen: Swantje.

Wie von selbst tanzten sie den Vorderpfotentaps, und ich war sicher, dass noch mehr aus dieser kurzen Liaison werden konnte. Wenn der kleine Pupser erst mal in die Puschen kam.

Meinen Segen hatten die beiden jedenfalls. Doch aktuell war Janni auf seinen neuen Kumpel Balou fixiert. Ein Drama ohnegleichen, als dessen Rudel sich auf den Rückweg machte! Der kleine Saubraten jammerte, schrie und warf sich auf den Boden. Es half alles nichts: Balou zog von dannen.

In dieser unpassenden Situation hatte Madame die Idee, ein Erinnerungsfoto von Janni und Papa Theo zu schießen. So fürs Familienalbum. In Anbetracht der verzwickten Lage verwarf sie den Plan gleich wieder. Doch Königinmutti hatte bereits mit der Organisation des Shootings begonnen und war nicht zu stoppen.

Sind sich sympathisch: Julchen und Halbschwester Swantje

Swantjes Petitemadame sowie Monsieur wurden als Löwenbändiger eingesetzt, doch Theo und sein Sohnemann würdigten sich keines Blickes. Besonders der Herr Papa wirkte irgendwie lustlos und gebeutelt.

Als der kleine Pupser dann auch noch in die Fänge von Freddy Fatal geriet, war alles zu spät. Der stämmige Cairn Terrier schmiss ihn auf den Rücken und wollte ihm doch glatt ein Ohr abreißen. Vermutlich als Trophäe.

Mein Mündel quiekte hörbar, doch ich konnte gerade nicht zu Hilfe eilen. Denn auch ich hatte mit Selbstverteidigung alle Pfoten voll zu tun. Einer der Superrüden, der angeblich für meine Zeugung mitverantwortlich war, hatte sich an seinen Lieblingsjob erinnert. Ich gab ihm eins auf die Nase, während Königvati den kämpferischen Freddy Fatal abzog.

Im allgemeinen Chaos wurde zum Sturm aufs Buffet geblasen. Da Madame noch diverse Shootings machen musste, erfreute Monsieur uns mit einem kleinen Nachmittagssnack. Doch von den verführerisch duftenden Pommes und Pølser brachten sie uns nicht mal ein Zipfelchen mit. Geschweige denn vom Softeis, der Traum eines jeden Gourmets auf vier Beinen.

Offizieller Foto-Termin: Janni und Papa Theo

Als wir den Weg zurück in die häusliche Höhle gefunden hatten, hauten wir uns erst mal auf die Wohnzimmercouch. Müde und zufrieden nach einem Wahnsinnstag am Strand.

Wieder dachte ich an Mats: Hatte auch er etwas Schönes erlebt? Über eines war ich mir im Klaren: Schon bald würde das Katertier die gemütlichen Couchabende auf Madames Bauch vermissen.

Sollte ich so lange versuchen, ihn würdevoll zu vertreten?

Text: Julchen (nach Diktat beschlossen, lieber nur ihren Kopf auf Madames Füße zu legen)

Fotos: Elke Weiler

  1. Oh die Bilder sind ja echt toll! Die Hunde sehen wirklich niedlich aus!

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