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Winterbaden

Angekommen. In meinem Zimmer in Rønne schiebe ich die Vorhänge beiseite, öffne die Türe zum Balkon. Zwischen dem Meer und mir nur eine Straße. Der Wind streicht über die Oberfläche des Wassers, flüssiger Samt. Zähe Bewegungen, Wellen, die sich aufbauen, ohne Richtung. Das Meer, das sein Farbe ändert, ein Chamäleon, das von Grau zu Türkis changiert. Schwarz in der Nacht, mit dem Mond spielend.

Ich bin an der Westseite von Bornholm. Die Küste Südschwedens liegt irgendwo dort draußen, an klaren Tagen taucht sie am Horizont auf. Die Ostsee swingt, vor, zurück, nach rechts, nach links, als tanze sie mit sich selbst zu einer Melodie, die nur sie kennt. Ich werde baden gehen, bald schon. Winterbaden. Weil die Leute das hier tun. Weil ich wissen möchte, wie es sich anfühlt.

Als ich zuletzt in Odense war, hatte man mir schon von dieser wachsenden Leidenschaft in Dänemark erzählt. Dass es Clubs gibt, dass sich die Leute an bestimmten Tagen treffen. Dass das Alter keine Rolle spielt. Dass Winterbaden fit macht. Ich weiß nicht, wie kalt die Ostsee im Dezember ist, vermute aber, nicht kälter als die Luft. Ich denke an mein „Zertifikat“ aus der Antarktis. Das Wasser bei Deception Island hatte angeblich minus ein Grad. Mit Mütze ging ich kurz baden, die Kälte schnitt mir den Atem ab.

Einfach nicht denken

Søren aus Odense hatte mir geraten, schnell ins Wasser zu gehen. Normalerweise versuche ich mich durch langsames Absenken zu akklimatisieren. Man will ja keinen Herzinfarkt erleiden. Doch Søren meinte: „Wenn du langsam gehst, gehst du am Ende gar nicht.“ Vielleicht hat er recht. Da sein Vater einen Winterbadeclub in Svendborg ins Leben gerufen hat, spricht er wohl aus Erfahrung.

Als der Wecker am Samstag um Viertel nach sieben klingelt, möchte ich mich am liebsten umdrehen und weiterschlafen. Aber der Termin zum Winterbaden steht, und ich kann jetzt keinen Rückzieher mehr machen. Streife schon mal den Badeanzug über, packe mich warm ein und stecke ein Handtuch sowie Wechselsachen in die Tasche. Was man nicht braucht: einen Bademantel und Badelatschen. Aber das weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Wer ins Kaltbadehaus von Malmö geht, profitiert durchaus von beidem. Aber das ist eine andere Geschichte.

Winterbaden af Bornholm
Hasle Havnebad

Vom Hauptort Rønne erreichen wir in knapp einer Viertelstunde den Hafen von Hasle, das ebenfalls an der Westküste liegt. Sofia Skovkilde, Vorsitzende des Badeclubs „Den Varme Viking“, erwartet uns am Hasle Havnebad. Ein paar meiner Kolleginnen und ein Kollege sind als Reporter live vor Ort. Nein, ins Wasser will sonst keiner. Ein erstes Auto steht auf dem Parkplatz, das Sofia klar identifizieren kann: „The priest is the first one today“. Von halb sechs bis elf Uhr abends läuft die Sauna in der Winterbadesaison von Oktober bis Mai.

Schiffsrumpf reloaded

Wir gehen auf ein modernes Holzhaus zu, in dem sich Umkleideraum, Toilette und Sauna befinden. Der ganze Hafen von Hasle wurde erst 2012 von White Arkitekter umgebaut und ragt teilweise wie ein Schiffsrumpf aus dem Wasser, der die Badestelle tribünenartig umgibt. Eine Mikroarchitektur aus Beton, Stahl und hartem Bongossiholz. Für Details habe ich keinen Blick, Sofia erklärt mir den Saunazugang im Holzhaus. Eine Frau im Badedress huscht über die von der Hütte hinabführende Treppe ins Wasser. Das muss die Pastorin sein.

Da ich bereits im Hotel geduscht habe, spare ich mir das Prozedere und gehe gleich in die Sauna, während die Kollegen akribisch die Clubregeln studieren: „Geschwommen wird auf eigene Gefahr… Geschlechtsteile sind in der Sauna zu bedecken … Das Fenster ist nur im Notfall zu öffnen… “ Unwissend hocke ich auf meinem Handtuch im Schwitzkasten der Hütte.

Zur Pastorin und mir gesellt sich bald eine Rentnerin. Nach ein paar Minuten, in denen wir gemeinsam schweigend durch die weite Fensteröffnung auf die Ostsee und ein paar Kormorane schauen, beginne ich die Unterhaltung auf Englisch. Die ältere Dame verrät mir, dass sie täglich baden geht, immer zur gleichen Zeit. Im Sommer sucht sie den Strand auf, im Winter kommt sie hierher. Die Pastorin hingegen variiert ihre Badezeiten, hat alles schon mal getestet. In der Dunkelheit war sie schwimmen, in der Dämmerung, bei Regen, Schnee. Zum Sonnenuntergang sei es sehr schön, der Vorteil der Westküste.

Die Pensionärin will wissen, ob ich neu oder ein Gast sei. Die Clubmitglieder zahlen 500 Kronen für die Saison, irgendwie muss der Saunabetrieb ja finanziert werden. Als Gast kann man sich für 40 Kronen über Mobile Pay einen einmaligen Zugang verschaffen. An die 200 Mitglieder zählt der Club. Ab und an organisieren sie Festivitäten, etwa an Neujahr – inklusive Winterbaden. Am Tag zuvor wurde das Lucia-Fest mit Kanus auf dem Wasser zelebriert. Schön war das, schwärmt die Rentnerin. Ich kann es mir lebhaft vorstellen, wobei mir auch das gestrige Erlebnis beim „Gudhjem Julekalender“ sehr gut gefallen hat. Ein kleiner Ort an der Ostküste, dessen Einwohner ihren eigenen Adventskalender kreiert haben: Jeden Tag gehen sie um 19 Uhr entweder zu Privatleuten, ins Café oder in ein Geschäft und singen gemeinsam Weihnachtslieder. Am Freitag, den 13. Dezember, hatte die Familie von Baukje ein Kalenderfenster eingerichtet, in diesem Fall war es eine Garage mit einem Julbock. Natürlich haben wir das Lucia-Lied gesungen. Na ja, ich habe mangels Dänisch-Kenntnissen ein bisschen mitgesummt.

Wie neugeboren

Langsam wird mir heiß, der große Moment ist gekommen. Fünf Grad habe das Wasser aktuell, meint die Pensionärin noch, dann bin ich auch schon draußen. Nicht zu schnell und nicht zu langsam schreite ich die Treppe hinab, spüre das schneidend kalte Wasser an den Füßen, Waden, Beinen und lasse mich ganz hineingleiten. Nach wenigen Schwimmzügen bin ich zurück an der Treppe, die Haut gerötet, eisig. Und husch zurück in die Sauna! Hier haben sich inzwischen mehr Clubmitglieder versammelt, zwei Männer und vier weitere Frauen, altersmäßig sind wir gut gemischt. Man spricht Dänisch, scherzt, redet über die Journalisten, die draußen herumstehen, soviel verstehe ich gerade noch. Keiner möchte beim Winterbaden fotografiert werden. Passt, da ich bereits freiwillig das Model abgegeben habe. Für den „Mut“ kassiere ich nachher die volle Bewunderung der Kollegen. Und Sofia sagt zu mir: „Du strahlst jetzt richtig.“

Selten habe ich mich in der letzten Zeit so lebendig gefühlt wie nach dem zweifachen Bad in der Ostsee, immer im Wechsel mit der Sauna. Ich könnte Bäume ausreißen. Hüpfen, tanzen, in die Luft springen, Dünen hinabrollen, die ganze Welt umarmen und stundenlang am Dueodde Strand spazierengehen. Gerade als ich nämlich dachte, das Winterbaden zum Highlight meiner Bornholm-Reise erkoren zu haben, queren wir nachmittags die Dünen bei Dueodde, die mich an die Nordsee erinnern. Laufen über den wunderbar hellen, feinen Sand. Das Meer rauscht dazu und schimmert zur Feier des Tages noch einen Tick türkiser als gestern. In mir dieses satte Gefühl von Glück.

Dueodde Strand und Winterbaden
Dueoddes Farben

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Destination Bornholm, Visit Denmark, die diese Reise ermöglicht haben, vor allem an Helle, Lea und Sofia!

Mein Tipp zum Weiterlesen: Wie sich Winterbaden in Søndervig und Skagen anfühlt, erfahrt ihr beim werten Kollegen Christoph Schumann.

14 Gedanken zu „Winterbaden“

  1. Liebe Elke,

    vermutlich würde ich erst hin- und herüberlegen „ja“-„nein“-„ja“-„nein“ und dann ein „doch!“ draus machen. Alleine aus Neugierde. =D

    Liebe Grüße und noch einen schönen Weihnachtstag!

    Franziska

    1. Liebe Franziska,

      genau so! :)

      Ich finde es wunderbar, dass man auf diese Weise auch im Winter im Meer schwimmen kann. Auch wenn es nur ganz kurz ist. Die Clubmitglieder tauchen zum Teil nur mal eben ein. Aber man ist im Meer gewesen!

      Liebe Grüße und dir auch noch schöne Weihnachten!

      Elke

  2. Ich bin immer wieder fasziniert, wie poetisch Du Deine Umgebung beschreibst. Mit jeder Zeile teilst Du Deine Erlebnisse mit uns Leser*innen.
    Ja, Winterbaden ist eine tolle Sache. Fast zwei Jahre habe ich das in Flensburg gemacht, die Temperaturen wurden zum Schluss im Nach-Komma-Bereich an die Tafel geschrieben- fürs Ego :-) Bis 0,4 Grad hab ich es geschafft, es wollte einfach nicht kälter werden:-) Nur wollte mich mein Hund dann immer retten und rannte aufgeregt den Steg auf und ab.
    Aber es ist ein so tolles Gefühl, leicht unterkühlt wieder herauszukommen und das Kribbeln zu spüren, wenn der Körper von außen nach innen warm wird.
    Habt eine schöne Zeit zwischen diesen Tagen.
    Lieber Gruß
    Kai

    1. Danke dir! Von einem Ocean Vuong bin ich dennoch leider meilenweit entfernt. ;-)
      In Flensburg? Gibt’s da eine Sauna am Wasser? Sehr cool! Aber der arme Hund, was für Sorgen! ;-) Unser Rüde will uns ja immer noch vorm Postboten beschützen! :-)
      Liebe Grüße und kommt gut ins neue Jahr!
      Elke

      1. Sauna? Nein, von dort aus ging es frisch und froh an den Arbeitsplatz:-). Ja, dieser Hund. Aber so bald es wärmer wurde, sind wir morgens uns abends zusammen geschwommen. Bis zu einer Stunde am Stück. Im Winter ist Leo mal bis zum Bauch in so einem Eisbrei stecken geblieben. Kam nicht mehr vor und nicht mehr zurück.. Er hat mich anschließend als seinen persönlichen Held des Tages gefeiert.
        Postboten mag er. Aber wenn jemand gegen mich die Stimme erhebt, wird er akustisch zum Dobermann:-)
        Aber jetzt frisst er erst mal seine Weihnachtsleckereien und grummelt dabei wohlig.
        Ich wünsch Euch ein tolles Silvester und dass Euch keine Rakete aufs Dach fällt.
        Liebe Grüße
        Kai

        1. Danke, das wünsche ich euch auch! Und Raketen dürfen hier nicht hochgehen – wir haben ein Reetdach. Ich freue mich im Übrigen über die Entwicklung, dass viele Läden und Innenstädte sich in diesem Jahr gegen Feuerwerkskörper entschlossen haben. Das gilt auch für die Düsseldorfer Altstadt, in der ich mal gewohnt habe. Wenn wir von der Silvesterparty zurückkehrten, mussten wir über einen Teppich aus Feuerwerksmüll in den Gassen laufen, die schmutzige Luft roch nach Schwefel und hat Hustenreiz verursacht.

          Kommt gut ins neue Jahr!
          LG, Elke

  3. Liebe Elke,
    Ach so, du warst vorher in der Sauna, das muss ja auch toll sein. Mir wäre das wahrscheinlich zu extrem. Ich war ja Neujahr schwimmen und habe es ganz anders gemacht, wir sind ja nicht geschwommen, sondern haben einfach nur drinnen gestanden, fast 10 Minuten lang. Das war ein wirklich gigantisches Gefühl, aber eben ohne Sauna und Aufwärmen vorher und hinterher, sondern so. Ich würde das gerne öfter machen, und am Meer sowieso. Das habe ich mir vorgenommen für 2020, denn es tat wirklich sehr gut.
    Ich wünsche dir ein ganz tolles Jahr und schmöker mich hier noch etwas durch, weil mein Buch grade so extrem ist, dass ich eine Pause brauche :-)
    Liebe Grüße
    Andrea

    1. Liebe Andrea,

      ich war im letzten April mal im Meer, ohne Sauna, ich wollte einfach schwimmen. Immerhin hatte das Wasser da schon acht Grad, aber gefallen hat es mir nicht. Sonst habe ich immer die schwedischen Kaltbadehäuser am Öresund vermisst, nun vermisse ich die dänischen Winterbadeclubs. Mir gefällt auch das Kaffeekränzchen in der Sauna.
      Ich freu mich, dass du hier bist! :-)
      Liebe Grüße,
      Elke

  4. Mir ist bereits vom Lesen kalt geworden. Letztes Jahr habe ich es nicht geschafft in einem See in Norwegen Baden zu gehen, weil er mir zu kalt war. Ich bin einfach nicht für Kälte gemacht :-D

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