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Pharisäer, Futjes, Rummelpott?!

Das Meer ist Schnee und Eis, das Watt weiß verkleidet, ein paar Warften brechen den flachen Horizont auf: Hallig Nordstrandischmoor zur Rechten, Insel Pellworm zur Linken.

Vorm Café „Zur Nordsee“ in Norderhafen wälzt sich der hauseigene Bernhardiner im Schnee, bevor er kurz und kräftig um Einlass bittet. Zwar herrscht sonniges Tauwetter vor, aber trotzdem muss man ja nicht stundenlang draußen bleiben.

Schon an der gesteigerten Zahl der Spaziergänger am Deich fällt auf, was so ein paar Plusgrade ausmachen. Wege und Wiesen sind begehbarer, die Sonne glitzert im Schnee, der feucht und formbar ist.

Schobüller Brücke

Als beliebtes lokales Aufwärmgetränk unter Wattwanderern und normalen Spaziergängern gilt der Pharisäer. Und damit auch niemand die Geschichte rund um seinen Geburtsmythos verpasst, können die Café-Gäste die ganze Story auf der Speisekarte nachlesen.

Oh, ihr Pharisäer!

Man schrieb das Jahr 1872, als ein Bauer sein Kind taufen ließ. Der auf der Party anwesende Pastor verbat sich den Genuss von Alkohol. Da das weder im Interesse der Gäste noch in dem des Gastgebers lag, versteckte man einen Schuss Rum in jeder Tasse des stark aufgebrühten Kaffees – unter einer Sahnehaube – damit es nicht verräterisch roch!

Nordfriesische Töpferware

Der Pastor mag sich über die zunehmende Heiterkeit seiner Schäfchen gewundert haben, trank er doch als Einziger normalen Kaffee. Bis zu dem Augenblick, als er per Zufall die veränderte Version des Heißgetränk zwischen die Lippen bekam.

„Oh, ihr Pharisäer“, entfuhr es ihm da. Doch lange böse sein konnte der Hirte seinen kleinen „Sündern“ nicht. Und die Halbinsel Nordstrand (Betonung auf der zweiten Silbe) hatte ihr Wahrzeichen in flüssiger Form. Manch ein Purist mag den Kaffee lieber ohne Alkohol und genießt dafür die gleichnamige Torte.

Die übrigens nicht nur auf Nordstrand gut schmeckt! Unser Tipp: die Pharisäer-Torte im Magisterhof von Schobüll – Blick auf die Husumer Bucht inklusive. Schmeckt nach Kaffee, einem Schuss Rum und hat herrlich lockere Sahne, davon nicht zu wenig.

Im Futjes-Himmel

Ein weiteres typisches Produkt von Nordstrand ist grau-blaue Töpferware. „Jede Region hat ihre eigenen Traditonen“, weiß Margret Winkelmann von der Süderhafen-Töpferei. Sie und ihr Mann Rainer Ullrich führen den Nordstrander Typ fort und halten sich auch an die Motive ihrer näheren Umgebung. So sind auf ihren Schüsseln, Vasen, Töpfen, Lampenfüßen etc. Schafe, Austernfischer, Möwen und Quallen zu sehen. Oder Schweinswale!

„Mögt ihr einen Tee?“, bietet das Paar jedem Besucher freundlich an. Von dem Rotbusch-„Glückstee“ hat man im Laufe der Zeit selber schon eine ganze Menge verinnerlicht. Und das merkt man den beiden an. Zum Tee stehen zwischen Weihnachten und Neujahr auch die friesischen Futjes zur Verköstigung, was die Besichtigung natürlich versüßt. Schmalzgebackene, gezuckerte Bällchen. In der Lightversion.

Futjes sind die Besten.

„Anderweitig bräuchte man einen Schnaps“, schmunzelt die Töpferin. So können auch Rosinen, Grieß oder Quark im Krapfenteig sein. Die kleinen Kalorienbomben haben ihr eigenes Gerät zum Brutzeln – die Futjespfanne.

Da klopft es an der Tür. Wir sind überrascht zwei lustig kostümierte Rummelpottsängerinnen singen zu hören:

„Rummel, rummel, ruttje,
Kreg ik noch en Futtje?
Kreg ik een, blev ik stohn,
Kreg ik twee, will ik gohn.
Kreg ik dree, wünsch ik
Glück, dat de Husfru mit de
Futtjes ut de Schosteen flüch.
Dat ole Johr, dat nie Johr,
sind de Futtjes noch nicht gor,
pros Niejohr, pros Niejohr!“

Für diese künstlerische Darbietung im fantasievollen Kostüm gibt’s Süßes und Kleingeld. Der Töpfermeister verliert auch gleich drei Worte zum Rummelpott, denn das einfache Musikinstrument aus Blechdose mit Schweinsblase benutzt heute kaum noch ein Kind mehr zum Lärmen am frühen Silvesterabend.

Dann schlagen wir zu und wählen etwas aus der Schafskollektion, Blau auf Grau. Kühe gab es leider nicht. Aber Austernfischer auf einem tönernen Wandlampenschirm. Nordfriesland wird in unser Haus einziehen. Noch ein Futje zum Abschied.

Normale Spaziergängerin. No Rummelpott at all.

Und jeder wünscht jedem einen guten Rutsch. Natürlich nicht auf dem Eis!

Text und Fotos: Elke Weiler

5 Gedanken zu „Pharisäer, Futjes, Rummelpott?!“

  1. Futjes sind die ideale Begleitung für die Teestunde im Winter! Ich habe sie auch im Norden entdeckt und ich war begeistert. Aber glücklicherweise war es doch die „Light“ Version.

  2. Pingback: Advent maritim im Packhaus

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