Tage ohne Schatten

Julchen in Dänemark

Winter in Hvide Sande


Der Wind weht schon seit Tagen, fegt das Dünengras um. Weit unter Null die gefühlte Temperatur. Der Himmel grau in grau, alle Farben wie ausgewaschen. Ausgeblichen die Straßen vom Salz. Farblos der Winter. Der Fjord ist von einer weißen Decke überzogen, Eisstücke treiben in den Kanälen Langsands. Vereinzelt tauchen Spaziergänger auf, Wind und Wetter trotzend, allein, mit Hund, zu zweit. Es scheint, als wehe im Wind die Einsamkeit mit. Sonst Stille. Nur das Windrad von der Spitze Langsands brummt mit dem monotonen Rhythmus eines Schiffsmotors. Mit dem gleichförmigen Klatschen von Meereswellen gegen den Bug einer Fähre.

Julchen, die nicht mehr gut sieht, nicht mehr gut hört, erlebt die Stille wie Balsam. Gehen wir auf den Jachthafen zu, bleibt sie jedes Mal wie angegossen stehen und blickt in die Richtung des drehenden Windrads, als wäre es eine Erscheinung. Kein Straßenlärm, nichts. Kein Auto, das mit 100 Sachen an uns vorbei zischt und den Hund zusammenzucken lässt. In dieser Ruhe wirkt sogar das Geräusch eines E-Autos laut. Oder Worte, die vom Wind zu uns getragen werden.

Der Wind zerrt an einem Mülleimer. An der zerfetzten blauen Plane eines Dachs, das neu gedeckt werden muss. An den Planen eines abgedeckten Boots. Klaffende Leere im Jachthafen, die Stege mit weißen Puderzucker überzogen. Vorsicht, Rutschgefahr, warnt das Schild. Wir laufen umsichtig über den Steg, erreichen den Uferbereich des Fjords. Das Eis stapelt sich wie zerbrochenes Glas. Parallel zum Wasser schlendern wir, so weit es geht.

Der Reiher auf dem Eis

Vor dem Hafen ragen die aufgebockten Jachten in die Höhe, als schwebten sie hinter dem Buschwerk. Auf dem Rückweg läuft uns eine Maus über den Weg. Julchen identifiziert sie am Geruch. Neugierig beschnuppert sie das Loch, in dem die Maus verschwunden ist. Ein Greifvogel steht am Himmel, nähert sich Stück um Stück einer Düne. Vielleicht hat auch er das Schlupfloch eines Beutetieres entdeckt. Und wartet stillstehend in der Luft.

Schritt für Schritt wage ich mich auf einen mit Eis überzogenen Steg in Tyskerhavnen, wo aktuell kein Fischerboot hinausfährt. Ein Reiher hatte unter dem Steg Quartier bezogen, meine Schritte schrecken ihn auf. Er rennt hinaus auf die Schollen des Fjords, beobachtet mich. Schließlich setzt er zum Flug an, schwingt sich mit der ganzen Trägheit des Winters anderthalb Meter hoch und verschwindet im Schilf. Der seit Tagen dichten Wolkendecke entschlüpfen hauchzarte Flocken, die sich über dem Boden zu Schlieren sammeln und zu schlingern beginnen. Fragile weiße Wellen über dem Asphalt.

Tyskerhavn. Hvide Sande

Dann ist es soweit. Nach tagelangem Dasein als Maulwurf platzt die schwere Wolkendecke über dir auf, die Sonne blendet schon am Frühstückstisch. Und du denkst nichts als: Hinaus! Sonne im Gesicht! Licht! Farben! Schäfchenwolken! Fotos! Doch die Herrlichkeit dauert nicht lange an, vielleicht ein Stündchen.

Immer noch scharfer Ostwind. Der Himmel zieht sich erneut zu, der ewige Wind wächst zu einem Sturm und fegt um die Häuser. Er bricht in die Stille ein, entlockt den Dingen, die draußen sind, unbekannte Geräusche. Es klappert, kracht, zischt, fiept, pfeift, klatscht und quietscht. Jetzt wird es noch kälter, denn der Wind weht sämtliche Schutzschichten ins Nirgendwo. Ei paar Tage später kommt die Sonne und bleibt ein bisschen. Früh am Morgen entdecken wir den Vollmond, erfreuen uns am blauen Licht und der klaren Luft.

Finale am Fjord

Wir sind zum zweiten Mal für drei Wochen zum Schreiben in Hvide Sande. Der Winter hier gefällt uns, doch diesmal erscheint er uns weniger abwechslungsreich als vor zwei Jahren. Da wurden uns sämtliche Wetterlagen geboten, Sturm, Schnee, Eisglätte, Regen, Nebel. Aktuell weht es seit unserer Ankunft ständig aus Ost. Es ist ein eiskalter Wind, der Ostwind, ich mag ihn in Nordfriesland genauso wenig. Julchen trägt draußen ihren rosa Puffercoat. Ich hätte nie gedacht, dass ich einem so plüschigen Hund mal einen Wintermantel überziehe. Aber im Alter wird das Fell dünner und die Unterwolle weniger.

Unsere Tage ohne Schatten gestalten sich im Rhythmus von Schreiben und Gassigehen. Manchmal einkaufen. Es ist wie in Hvide Sande zu wohnen. Zum Strand gehen wir selten, meist drehen wir unsere Runden über Langsand, vorbei an den Fischerhäuser und Tyskerhavn, dem Hafen der Fjordfischer. Im Urlaub sind wir immer in den Dünen, dahinter das Meer.

Nun am Ringkøbing Fjord. Drei Wochen. Wir fühlen uns inmitten der alten Hütten und neuen Holzhäuser wie zu Hause. Genau hier spielt der vierte Julchen-Krimi „Finale am Fjord“. Während ich gedanklich immer wieder nach Oslo wandere und tief in den sechsten Fall eintauche, schneit es draußen wieder. Manche sagen, der Winter an der Nordsee sei die schönste Zeit. Ich mag alle Zeiten, jede hat ihre Schönheit. Doch zum Schreiben kann ich mir keine schönere Zeit als den Winter vorstellen.

Julchen freut sich über jede neue Hundebekanntschaft. Hauptsache, keiner bellt, das würde sie abrupt aus ihrer Watteumgebung reißen. Wir sehen Hasenspuren im frischen Schnee, doch weit und breit keinen Hasen. Nur der Reiher ist wieder da. Über das Eis eines Kanals stackst er auf ein Loch zu. Er will fischen.

Anderntags sind wir am Strand von Haurvig. Ganz allein in der dunstigen Weite tiefhängender Wolken. Am Horizont eine einzige dunkle Figur, die im milchigen Licht des Tages auffällt. Um uns herum nur Sandtöne, ein grauer Himmel, ein graues Meer. Wieder einer dieser Tage ohne Schatten. Der Wind weht milde von Osten, kaum spürbar hinter den Dünen. Das Meer plätschert leise und meditativ wie ein Springbrunnen. Julchen spart sich daher die üblichen Diskussionen und trabt zufrieden die Wasserkante entlang.

Wir könnten ewig so weitermachen mit unserem Leben am Fjord. Der neue Roman wächst und gedeiht wie eine zarte Pflanze. Drei Wochen, ein Fingerschnipp. Unsere hübsche Wohnung am Kanal wäre weiterhin frei, doch vermissen wir langsam die andere Rudelhälfte. Also nehmen wir ein paar Fastelavnsboller, Lachsleckerli und eine Überraschung für die Daheimgebliebenen mit. Vivi feiert bald Geburtstag, ihren ersten. Da wollen wir natürlich dabei sein.

Text und Fotos: Elke Weiler

Offenlegung / Werbung

Unsere Unterkunft auf Langsand wurde teilweise von dansk.de unterstützt, einer Buchungsplattform, die die Angebote der Ferienhausvermieter wie Esmark, Feriepartner, Sonne und Strand uvm. listet – insgesamt stehen über 40.000 Ferienhäusern in Dänemark zur Auswahl. Schaut gerne auf Instagram bei @danskde und @meerblog vorbei, denn wir werden eine gemeinsame Verlosung mit einem Gutschein von Dansk.de sowie drei Julchen-Büchern und Julchen-Taschen starten.

4 thoughts on “Tage ohne Schatten

  1. Liebe Elke…so wie dein Blog Eintrag könnte ein Krimi beginnen…nordisch noir Tage ohne Schatten.Ich hätte ewig weiterlesen können.
    Ein bisschen Wehmut schlich sich bei mir ein -Heimweh nach Hvide Sande und zu begreifen dass Jule nicht mehr die junge Hüpferin ist – die ich in meinem Herzen und im Kopf habe.
    Allerliebste Grüße ans Rudel.
    Vi ses

    1. Liebe Gela,

      danke dir! Julchen siebter Roman soll wieder in Hvide Sande spielen, da hätten wir schon einen (Arbeits)Titel. ;-) Mit dem echten Julchen ist es auch für uns nicht immer einfach. Also ihr Alter zu akzeptieren und damit (ohne Helikopter-Einsatz oder übervorsichtig) umzugehen. Weißt du, was schön wäre? Wenn wir uns dort oben treffen würden. Im Frühling sind wir an der dänischen Ostsee, für Herbst haben wir noch nicht geplant…
      Vi ses hoffentlich! :-) Und liebe Grüße zurück!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert