China Genuss Hangzhou

Tee am See

Beton, überall Beton und ein wolkenverhangener Himmel. Auf den ersten Blick ähnelt Hangzhou einer gesichtslosen Großstadt.

Dann bricht der Himmel auf, fällt der Blick ins Weite, über einen schillernden See und eine grüne Hügelkette. Gleich der kapriziösen Erfindung eines Landschaftsarchitekten, der einen Gegenentwurf zur modernen Skyline schaffen wollte.

Und weil die Natur es so gut meinte mit Hangzhou, hat der Mensch noch kräftig nachgeholfen und den Westlake, das Herzstück der Stadt mit üppigen Gärten, Wegen, Dämmen und Inseln ausgestattet. Eine reich frequentierte Oase für Großstädter und Touristen aus ganz China.

Im Licht der Abendsonne flaniert ganz Hangzhou die Promenade entlang, bummelt unter Bäumen, vorbei an knallbunter Blumenpracht und zahlreichen Bänken. Kein Wunder, dass der See bei Flitterwöchlern beliebt ist. Wer nicht spaziert, kann sich auch auf den See hinausrudern lassen oder mit einem der elektrisch betriebenen Boote fahren.

Über den Westlake

Alles wirkt geordnet, adrett und frisch gewaschen vom Regen. Nur Taxis und Radfahrer dürfen die Parallelstraße zum Ufer befahren, wo sich Hotel an Hotel, an Restaurant, an Geschäft, an Teehaus reiht.

Auf den Einzug internationaler Designerketten ist man hier stolz. Doch Hangzhous Stärken liegen ganz woanders und sind in der Vergangenheit verankert.

Xu Zhi Gang hat sich umgezogen. Im neuen Hotelgebäude am See verkauft er seinen Longjing-Tee, und zwar im traditionellen Gewand. So ist auch der Verkaufsstand stilecht ausgerichtet: Appetitlich liegen die frischen grünen Blätter in einer glänzenden Metallschüssel, scheinbar fertig zum Trocken. Gegenüber sind typische Hüte der Teepflücker auf einem alten Karren drapiert wie im Museum.

Teebauer Xu Zhi Gang

Wenn Xu Zhi Gang hier seine Zelte abbaut und nach Hause fährt, trägt er ganz normale Sachen, ein gestreiftes Polohemd, eine graue Hose und in der Hand eine Plastiktüte. Er fährt mit dem Bus Linie 27 ein Stück den Westlake entlang, bevor es bergauf geht.

Der See wäre kein See, wenn nicht vor rund tausend Jahren findige Gouverneure auf den Gedanken gekommen wäre, eine seichte Bucht zwischen dem Fluss Qiantang und dem nahen Meer zu vergrößern und die Quellen der umliegenden Berge zu nutzen. So entstanden der Westlake und die Dämme, später die Inseln und die Parks rundherum.

Eine erste Blütezeit und Wohlstand war der Stadt am See während der Tang-Dynastie und dann im 12. und 13. Jahrhundert zu Zeiten der Song-Dynastie beschieden. Der Handel florierte nicht zuletzt wegen des Kaiserkanals, der Seiden- und Brokatproduktion.

Abwarten und Tee trinken.

Von der einstigen Hauptstadt und ihrem Überfluss berichtet begeistert auch der Venezianer Marco Polo, dem Hangzhou mit einem Denkmal für die überschwänglichen Worte dankt: „…Stadt des Himmels, die schönste und glanzvollste Stadt der Welt…“

Viele Künstler zog es damals in die florierende Stadt. Die Namen der Dämme liefern noch heute ein Zeugnis davon, denn man widmete sie den Dichtern Bai Juyi und Su Dongpo aus der Tang- beziehungsweise Song-Dynastie. Den Zauber des Sees priesen sie zu jeder Jahreszeit. Die Fähigkeit der Hangzhouer, zu entspannen und den ganzen freien Tag lang Tee zu trinken, wird durch die Atmosphäre am Westlake begünstigt.

Xu Zhi Gang schaut tief ins Glas, bewundert die jadegrüne Farbe des zweiten Aufgusses. Inzwischen ist er zu Hause angekommen, hat sich zu seinen Eltern an den Tisch gesetzt und trinkt Tee. Der Fernseher läuft, man spricht nicht viel.

Im Dorf des Longjing-Tees

Irgendwo bellt ein Hund und durchbricht die Abendstille im Dorf der Teebauern, in Longjingcun. Den ein oder anderen Nachbarn, der im Hauseingang saß, hat Xu Zhi Gang auf seinem Weg kurz gegrüßt, bevor er endlich heimkam.

Jetzt setzt er sich mit der Mutter auf die Terrasse und lässt die neue Digitalkamera langsam über die abgeernteten Teefelder schweifen. Probeaufnahmen. Die leuchtend grüne Vegetation der Hügel dampft Feuchtigkeit aus.

Xu Zhi Gang möchte jetzt an keinem anderen Ort der Welt sein. Vor allem nicht ohne ein Glas Longjing. Kein Zucker. Denn der aromatische Tee mit dem leicht nussigen Aroma kommt ohne zusätzliche Süße aus. „Es ist der Beste“, sagt der 32-Jährige überzeugt.

Der Garten des Tempels

Die Teebauern am Westlake können auf eine 1200-jährige Tradition zurückblicken. Es waren buddhistische Mönche, die in der Tang-Zeit (618 – 907) auf dem Löwengipfel die ersten Teegärten anlegten. Mitten im Wald fließt die „Quelle des Laufenden Tigers“.

Das Tier erschien dem Mönch im Traum, um ihm den Weg zum Ursprung des Wassers zu weisen. Inzwischen wurde die Quelle institutionalisiert: Gartenanlagen, Teesträucher, Tempel, ein Haus zur Dokumentation und ein steinerner Drachenkopf, aus dem ständig Wasser fließt.

Nichts anderes als Drachenbrunnen heißt Longjing. Eine Quelle, die nie versiegt, kann nach chinesischer Vorstellung nur dem Maul eines Drachen entspringen. Teeliebhaber wissen, dass über die Qualität des Aufgusses nicht nur die Blätter entscheiden. Zum Longjing-Tee gehört idealerweise das Wasser des Drachenbrunnens.

Einer der besten Tees der Welt

Im Frühjahr beginnt die Erntezeit, dann beschäftigt Xu Zhi Gang an die hundert Pflücker. „Die ersten Blätter sind eine Rarität und die teuersten“, sagt der 32-Jährige. Vor dem „Fest des klaren Lichtes“ im März oder Anfang April erntet er die jungen, zarten Blätter. Die Menge richtet sich nach dem Wetter und der Preis nach der Menge des „first flush“. Doch der Winter im subtropischen Monsun-Klima ist eher mild, Schnee bleibt selten liegen.

Xu Zhi Gang gießt heißes Wasser aus einer Thermoskanne über die „aufgeweckten“ Blätter nach. Zehn Tassen pro Tag sind sein Durchschnitt. Dass grüner Tee gesund ist, wusste schon Xu Zhis Großmutter, die 95 Jahre alt werden durfte.

Es knistert und leichter Rauch steigt auf, als Xu Zhis Mutter die wertvollen Teeblätter in dem elektrisch aufheizbaren Bottich bewegt. Während des Trocknens müssen sie ständig gerührt werden. „Heiß!“

Xu Zhis Mutter bewegt die Blätter.

Sie lacht, bemüht, die Stahlschüssel im Holzbottich nicht zu berühren. Vier Stunden Arbeit, dann sind die „Vogelzungen“ fertig, wie sie die Blätter hier nennen. Zum Abkühlen geht’s dann in eine luftige Korbschale, den „offenen Mund“. Also abwarten und Tee trinken.

Gut schmeckt er in einem der zahlreichen Teehäuser am Westlake nebst frischem Konfekt. Dort sitzen sie dann den ganzen Tag, die Leute von Hangzhou. Reden, spielen Mahjong oder machen Geschäfte. Unvergleichlich aber schmeckt der Tee in Longjingcun. Schließlich kommt das Wasser hier frisch aus dem Maul des Drachen.

Text und Fotos: Elke Weiler

Aus der Reihe „Archivgeschichten“: Ich war 2005 in China unterwegs und habe darüber u.a. in der Süddeutschen Zeitung berichtet.

Autor

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

4 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Avatar Rene sagt:

    Hallo,

    einen schöne Seite und interessanten Beitrag haben Sie hier. Tolle Bilder!!! Ich sammel interessante Seiten und Themen, bei denen man „Abwarten und Tee trinken“ kann ;-)

    Ich habe daher Ihre Seite mit unsere Blog-Kategorie „Wer so abwartet und Tee trinkt im Netz :-)“ mit aufgenommen.

    Viele Grüße

    René

  2. Avatar Marie sagt:

    Sehr schöne Beschreibung einer besonderen Tradition. Ich musste diesen Text mehrmals lesen, da ich mich dabei in Gedanken eine Zeitreise gemacht habe, in der ich auf meinen Reisen diese Regionen wahrgenommen habe. Dabei kamen die Gefühle wieder hoch, die ich damals gespürt und die Sie mit Ihrem Bericht und Ihren Bildern so wundervoll eingefangen haben. Vielen Dank für die schönen Erinnerungen und für Ihre kompetente Erzählung. LG Marie

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