Die Dorfschönheit

Es ist dunkel, als wir aus Porto ankommen, immer den Douro entlang ging die Reise. Der kleine Ort im Osten Portugals scheint zu schlafen, kein Mensch in den schmalen Gassen von Castelo Rodrigo. Der rosafarbene Lichtschein der Laternen lenkt mich ab von dem, was ich tun muss: einziehen, auspacken, zurück zum Haupthaus gehen.

Unsere Unterkunft geht in Richtung „Albergo diffuso“, ein in Italien häufiger praktiziertes System, halb verlassene Dörfer wiederzubeleben, dem Tourismus sei dank. Die Unterkünfte sind hier und dort, Restaurant, Rezeption wiederum in anderen Häuser untergebracht, alles schön über den Ort verteilt.

Castelo Rodrigo zählte zu den verlassenen Dörfer Portugals, bis die Leute es vor 20 Jahren wiederentdeckten. Menschen wie Ana Berliner, die eigentlich aus Lissabon stammt, haben wesentlich dazu beigetragen, dass der kleine Ort heute wieder existiert. Zwar gibt es immer noch ein paar Ruinen, und viele der Häuser sind nur am Wochenende bewohnt.

Nachts in Castelo Rodrigo
Nachts in Castelo Rodrigo

Doch immerhin haben auch einige der ehemaligen Bewohner oder deren Kinder ins Dorf zurückgefunden – und sei es nur für den Urlaub. Zum Relaxen, denn die Ruhe hier oben ist legendär. Dabei trägt der Ort seinen Namen nicht zu Unrecht, hier und dort sind Reste von Befestigungsmauern und teilweise gut erhaltene Türme zu finden.

Das Dorf auf 820 Metern Höhe in der Serra da Marofa war wehrhaft. Nahe der spanischen Grenze ging es schon im Mittelalter hoch her, mal fiel das Dorf zwischen die Linien von Mauren und León, später zwischen León und Portugal. Insgesamt sind es zwölf historische Dörfer, die „Aldeias históricas“, die sich schon im Mittelalter zusammenschlossen, um gemeinsam stärker zu sein.

Heute sind sie es erneut, um sich nach den Zeiten der Landflucht neu zu erfinden. Dabei haben EU-Gelder geholfen, vor allem aber Privatinitiativen wie der Casa Cisterna oder der Burel-Factory, wo der traditionelle portugiesische Wollstoff Burel an historischen Maschinen und mit dem Knowhow der Spinner von Manteigas neu kreiert wird.

Darüber reden wir, als Ana uns im Livingroom der Casa Cisterna eine köstliche Caldo Verde aus Steckrübenblättern serviert. Slow Food passend zum Slow Life in Castelo Rodrigo. Zuvor gab es frisch gepflückte Feigen von den Bäumen des Dorfes und köstliche Sardinen. In Portugal heißen die Tapas „Petiscos“ – Kleinigkeiten. Und nach diesen Petiscos und der Suppe passt der Hauptgang eigentlich nicht mehr.

Morgens im Dorf
Morgens im Dorf

Tagsüber hat die portugiesische Sonne noch mal alles gegeben, doch der Abend ist frisch in der Serra, und so nehmen wir unser spätes Dinner nicht auf der großen Terrasse der Cisterna ein. Wir haben nur eine Weile dort gestanden, weil die Aussicht so famos ist. Einfach der Stille des Ortes gelauscht.

Ich beschließe, am kommenden Morgen früh aufzustehen, um das Dorf zu erkunden. Zum Sonnenaufgang bin ich also auf den Beinen. Ein Hund bellt, ein Auto springt an, ein Mann ist unterwegs. Wir grüßen uns, wie das auf dem Land so üblich ist. Der Atem der Nacht liegt noch über dem Land, die Hügel im Zwielicht.

Es scheint fast so, als gehörte Castelo Rodrigo mir. Ich finde die Feigen und die Mandelbäume. Ende September sind die Mandeln trocken, genau jetzt ist Erntezeit. Man schüttelt sie von den Bäumen, klopft entweder mit Stöcken gegen die Äste oder benutzt einen elektrischen Baumrüttler. Die Mandeln finden vielfachen Einsatz in der Küche, landen im Mandelkuchen oder auch in Soßen.

Ich drehe eine Runde ums Dorf, steige hoch zur Burgruine. Castelo Rodrigo ist der ideale Ort, um nichts zu tun. Um auszuspannen. Zu wandern, auf der Terrasse der Zisterne in der Sonne zu sitzen und zu lesen, mit den Felsgravuren von Foz Côa ein Weltkulturerbe zu erkunden. Und natürlich zu schlemmen. Zeit fürs Frühstück: frische Säfte, selbst gemachte Marmeladen, rustikales Brot und vor allem der vermutlich beste Käse der Welt, der Queijo da Serra aus dem Estrela-Gebirge.

Ana Berliner erzählt uns, dass sie als Biologie-Studentin schon in die Serra da Marofa kam und damals gemeinsam mit ihrem Zukünftigen entschied, hier zu leben und Gäste zu beherbergen. Insgesamt haben sie drei Ruinen gekauft, neu ausgestattet und bieten nun zwölf Gästezimmer. Manchmal vermisst sie Lissabon, so wie die Städter manchmal das Land vermissen.

Gastgeberin Ana
Gastgeberin Ana

Und dann wären da noch die Esel. Wir fahren ein kleines Stück, bis wir Pferde sehen, steigen aus. Ein Hund beobachtet uns. Ana öffnet ein Gatter, und wir laufen ein Stück übers Gelände. Die Pferde sind neugierig und kommen auf uns zu. Dann sehen wir ein paar Esel, eine nordportugiesische Rasse, plüschig und mit wirklich großen Fliegerohren.

Ana bittet uns, kurz zu warten, damit die Esel nicht weglaufen. Als Vertrauensperson geht sie vor und krault einen von ihnen. Es ist Freixeda, erfahren wir, als Ana uns dann heranwinkt. Eine Eselsdame, benannt nach einem Dorf, „freixo“ heißt Esche auf Deutsch. Freixeda ist nicht nur hübsch und sanftmütig, sondern auch noch im achten Monat schwanger. Noch vier Monate, dann hat sie es geschafft.

Gestatten, Freixeda!
Gestatten, Freixeda!

Wir sind alle ein bisschen verliebt und streicheln Freixeda. Nur wenn ich die Haare ihrer Fliegerohren berühre, zucken sie nervös, und Freixeda schnaubt. „Sie mag das nicht“, meint Ana. Also widme ich mich lieber wieder ihrem Stirnhaar. Am liebsten würde ich sie adoptieren. Ana und ihr Mann züchten die inzwischen selten gewordenen Tiere und können sich vor Anfragen kaum retten.

Leider müssen wir uns von Ana, Freixeda und Castelo Rodrigo verabschieden. Aus der Ferne werfen wir noch einen Blick auf den Hügel und seine Türme. Irgendwann werde ich wieder kommen. Wer weiß, wie alt Freixedas Kind dann ist.

Stadtmauern
Stadtmauern
Castelo Rodrigo lebt.
Stille
Die Burgruine
Burgruine
Dorfkirche
Dorfkirche
Weitblick
Weitblick
Mandelernte
Mandelernte
Schäfchen am Himmel
Schäfchen
Nur zwei Minuten, bitte!
Bis zum nächsten Mal!

Seid gespannt auf die nächsten Etappen meiner Portugalreise: Coimbra und Óbidos. Es geht um Bücher, die von Fledermäusen beschützt werden, ein Wiedersehen nach 20 Jahren, die portugiesische Version von Romeo und Julia und das pralle Leben einer sogenannten weiblichen Stadt…

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Centro de Portugal und TAP Portugal, die diese Reise unterstützt haben.

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