Von Kühen und Krabben

Das wahre Uelvesbüll ist nicht das, was ich kenne. An dem ich so oft vorbeifahre auf dem Weg nach Husum. Das wahre Uelvesbüll liegt versteckt vor den öffentlichen Blicken. Es hat Geschichte. Da geht es um Sturm und Überflutung, Niedergang und Wiederaufbau. Wo ist der Beginn?

Ich frage den Bauern Klaus Buurmann nach dem Kern des Ortes. „Gibt es nicht“, sagt er, und ich bin verwirrt. Als ich durch das Neubaugebiet gefahren bin, habe ich ihn an der Kirche vermutet. Davon sind wir nun ein Stück entfernt, auf dem Porrendeich, wo sich die alten Reetdachkaten wie Perlen auf einer Schnur aneinanderreihen.

Der Grund für den fehlenden Kern ist: Uelvesbüll lag und liegt als sogenannte Hufensiedlung in der Marsch. Wo einst die Kirche war, ist heute das Watt. Die Siedler rückten immer mehr nach innen. Von der Sturmflut im Jahre 1962 war nur mehr der Koog betroffen, der auch heute noch aus ein paar Häusern besteht.

Die Kirche ist nicht der Kern von Uelvesbüll.

Dort ist das Meer gleich hinterm Deich, während Porrendeich etwa ein Kilometer Luftlinie entfernt liegt. Ein Ortsteil, der zu den ältesten von Uelvesbüll zählt.

Der versteckte Teil, die Überraschung. Natürlich nicht für jemandem, der hier vor mehr als 80 Jahren per Hausgeburt zur Welt kam und seitdem in Porrendeich lebt. Aktuell zusammen mit Sohn, Schwiegertochter, drei Enkeln, 70 Milchkühen, einem Hund und ein paar Katzen.

Klaus Buurmann trägt eine Art stoische Ruhe nach außen und folgt meinen Gesten mit den Augen. Es scheint ihn zu irritieren, wenn jemand viel mit den Händen spricht.

Ich hege den Wunsch, ein Bild von ihm auf dem Traktor zu machen, doch der steht in der Scheune. Muss nicht sein, meine ich. Doch ich habe keine Chance, die Sache rollt an. Sein Sohn dreht und lenkt das Ungetüm in den Hof. Dann erst fragt er, warum. Und lacht.

Nachbarn unter sich: Christa Jessen und Klaus Buurmann.

Ein Schwarm Nonnengänse steigt in die Luft, während mein Blick in Richtung Roter Haubarg schweift. „Dieses Jahr sind auch sehr viele Ringelgänse hier“, meint Christa Jessen. Ich stehe auf der oberen Etage einer ehemaligen Scheune, die die gebürtige Hamburgerin vor 20 Jahren restauriert und bewohnbar gemacht hat.

Vom „Blechhotel“ sprachen die Uelvesbüller, denn anfangs ließ die Kunsttherapeutin hier Gruppen übernachten und im Seminarraum tagen. Darunter auch Ungewöhnliches. Eine Gruppe wollte ein Schamanenritual durchführen. Mit Feuer, was die Jungs von der Freiwilligen Feuerwehr auf den Plan rief.

Ein willkommener Einsatz, ein interessantes Erlebnis. Nur die Kühe auf der Fenne haben lieber das Weite gesucht, als die Gruppe loslegte. Denn Rinder sind durchweg pragmatisch veranlagt und lieben den Kontakt zum Hier und Jetzt.

Pragmatisch veranlagte Kuh auf der Fenne.

Heute vermietet Christa große Teile der alten Scheune aus Backstein und Wellblech an weitere Kreative, und ich kann mir die Scheune nur schwer im Urzustand vorstellen. Die Kühe im unteren Teil und die Heuballen dort, wo wir jetzt im lichtdurchfluteten Raum sitzen und übers flache Land schauen.

Wie viele Hamburger hat es auch Christa nach Eiderstedt verschlagen. Mit dem Unterschied, dass sie nicht nur am Wochenende Nordseeluft und Landruhe genießt. Seit sieben Jahren wohnt sie fest in Uelvesbüll.

„Hier zu leben, ist etwas Besonderes“, sagt sie und beteuert, das Großstadtleben nicht zu vermissen. Es sind überwiegend Frauen, meist Singles, die zu Christa kommen, um sich in Sachen Biografie beraten zu lassen.

Die Ruhe genießen am Watt bei Uelvesbüll.

Die Stille, die andere Wahrnehmung, die Einbindung der Naturerlebnisse spielen eine große Rolle in Christas Arbeit, die sie zwar schon in Hamburg ausgeübt hat, nun aber intensivieren kann. Hier mitten im Grünen.

Buurmann hat erzählt, dass von den einst 35 Bauern nur mehr fünf geblieben sind. Trotzdem werden alle Fennen landwirtschaftlich genutzt. Auf dem Außendeich und den Vorländereien grasen um die 300 Schafe, also mehr als Einwohner.

Trotz der bäuerlichen Prägung lebt und arbeitet ein eher buntes Gemisch aus Architektin, Zimmerer, Installateur, Tierphysiotherapeutin und Tierheilpraktikerin in Uelvesbüll. Hinzu kommt die Vermietung von Gästezimmern, auch ganz typisch, auf dem Bauernhof. Die Bürger betreiben außerdem einen Windpark.

Uelvesbüll überrascht mich immer mehr, und ich lerne neue Wörter. Porren kannte ich schon. So heißen die Krabben auf Plattdeutsch, hat man mir im nahen Husum erzählt, wo wir einst hinter dem Porrenkoog gewohnt haben.

Von einst 35 sind noch fünf Bauern geblieben.

Im Wappen von Uelvesbüll ist übrigens alles einst Wichtige vereint: Ochsenkopf und Kornähre für die Landwirtschaft, ein Porrenglieb für die Krabbenfischerei und Wellen für die Nordsee.

Doch was steckt im Dorfnamen? Uelvesbüll klingt zwar urig, ist aber relativ unspektakulär zu erklären. Die Endung Büll deutet auf eine ehemalige Einzelsiedlung hin, Bohl bedeutet Grundstück. Der Name des Siedlers wurde vorangestellt. Also Olafs oder Ulfs Stück Land.

Seit meinem Besuch in Uelvesbüll weiß ich auch, was eine Wehle ist. Das Dorf besitzt gleich vier davon. Es sind keine normalen Teiche, sondern Hinterlassenschaften des Meeres, Erinnerungen an die Flut. Pfützen, die die Nordsee zurückgelassen hat.

Eine Wehle ist eine Erinnerung ans Meer.

Heute werden die Wehlen zum Angeln genutzt, und im Sommer baden die Kinder darin. „Und kommen grün wieder heraus“, weiß Christa Jessen. Dann doch lieber die Nordsee. Zum Baden gehen die Uelvesbüller nach Simonsberg an den Strand oder zum Tetenbüllspieker.

Im Gegensatz zu anderen kleinen Gemeinden auf Eiderstedt scheint die Uelvesbüller Welt zu funktionieren. Es gibt ein Gemeindeleben mit Boßelvereinen und Tanzveranstaltungen. Die Schafe grasen, die jungen Familien bleiben dort, und die Mischung mit den Zweitwohnsitzern stimmt.

„Was ist das Highlight im Dorfleben?“, habe ich den Bauern Klaus gefragt. Es gäbe schon einige Gelegenheiten, sich zu treffen, hat er geantwortet. Aber das Lagerfeuer rund um die Sommersonnenwende, das wäre es. Mit Grillen, Musik und Tanz. Seit 30 Jahren würden sie das schon machen. Im Koog.

Dort, wo bei der nächsten Sturmflut das Wasser zuerst an die Türen klopft.

Text und Fotos: Elke Weiler

„Dorfgeschichten“ ist eine neue Reihe von MeerBlog. Uelvesbüll auf der Halbinsel Eiderstedt macht den Auftakt, und weiter geht es demnächst mit Undredal in Norwegen.

  1. Sehr schöne Geschichte, Elke und eine prima Reihe – die Dorfgeschichten.
    Und den Bauern kenne ich auch. Aber normalerweise hat der einen Hut auf und wohnt ganz im Süden von Deutschland 😉
    LG Simone

  2. Ich möchte, bitte, mehr Dorfgeschichten. Wunderbar. Großes, glückliches Seufzen.

  3. Uelvesbüll ein Dorf das zum träumen einlädt, freue mich schon auf mehr Dorfgeschichten.
    LG Dani

  4. Oh, ein sehr schöner Text, der meine alte Heimat in meinem Kopf wieder auferstehen lässt. Die Fernweh nach dem Licht und dem Farbenspiel an der Nordsee macht sich breit. Wie gerne wäre ich jetzt da.

    • Danke, Sven! Aus welchem Ort kommst du denn?

      • Hallo Elke,

        ich bin in Tönning (Klein-Olversum) aufgewachsen. Durch Studium und Liebe hat es mich Gen Süden verschlagen, aber es klopfen zwei Herzen in meiner Brust. Und das eine ganz klar für den Norden… Danke auch für die tollen Beiträge über Ribe und Dänemark, wohin es uns in unserem nächsten Urlaub verschlägt.

  5. Schöne Idee, diese neue Reihe mit Dorfgeschichten. Immer wieder spannend zu sehen, wie viel man über so kleine Dörfer doch Interessantes schreiben kann (denkt der Städter in mir).

    • Merci, Kristine! Weißt du, über Uelvesbüll hätte ich noch viel mehr schreiben können. Da schlummert ein Stoff im Verborgenen! 🙂 Mal schauen, wie offen demnächst die Halligbewohner sein werden…

  6. Gefällt mir sehr gut, deine neue Reihe! Auch wenn ich überhaupt kein Dorfmensch bin. 🙂

    Liebe Grüße
    Jessi

    • Danke, Jessi! So viel Zuspruch, da freut sich auch ganz Uelvesbüll. Und ich mich sowieso (so als Ex-Städterin)… 😉

  7. Hi Elke, hab deinen Kommi bei Weltenbummlermag gesehen und wollte dir mal bescheid sagen, dass ich fuer morgen einen POst über das Essen in Marokko geplant habe. 😉 LG

  8. Was für eine interessante und herzerwärmende Geschichte! Wirklich schön geschrieben, sowas liest man gerne. Ich freue mich auf mehr solcher Blogeinträge!

  9. Liebe Elke
    Komme gerade aus Hamburg zurueck und freue mich total wie treffend du meine neue Wahlheimat beschrieben hast.
    Danke
    Liebe Gruesse
    Christa

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  13. Ralf Sünkens

    Sehr schön geschrieben!
    Solche Berichte wünsche ich mir auch für die anderen, geschichtlich hoch interessanten Eiderstedter Gemeinden.
    Besuche doch mal den Ortsteil Wasserkoog der Gemeinde Tetenbüll. In diesem Hafendörflein lebten Schmuggler, Zöllner, Patriarchen, Monarchen, Bauern, Fußballer und Handwerker im Einklang mit Wind und Meer.

    Liebe Grüße

    Ralf Sünkens

    • Danke für die Blumen!

      Wasserkoog ist sehr schön, ich fahre fast täglich durch. Man sagt, es ist fest in Hamburger Hand heute. 😉 Ein Ortstermin wäre fein. Mit einem Ortskundigen am besten, vielleicht Nachfahre eines Schmugglers oder so. 😉

      LG, Elke

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