Küsse und Kunst

Davide Pandolfi, ein Mann mitttleren Alters, sitzt auf einer Bank vor seinem Geschäft und wartet. Auf Kundschaft, auf Leben. Wir sind im Dorf Dozza, das auf einem Hügelgrat thront, unweit der römischen Konsularstraße Via Emilia.

Innerhalb der mittelalterlichen Mauern leben ein paar Hundert Menschen des 6500-Seelen-Ortes. Vereinzelt tönen Stimmen aus den Fenstern, Radiomusik und Ragù-Gerüche dringen an die frische Luft.

„Dozza ist ein Wohngebiet mit ein paar Geschäften, die kaum Umsatz machen. Ohne Auto geht hier nichts.“ Pandolfi redet von der Arbeit in den nahen Städten, vom Einkaufen, von der Schule und der Freizeit der Kinder. „I ragazzi. Überall müssen wir sie hinbringen.“ Jetzt lächelt der Mann. „Der einzige Vorteil: Wir wissen, was sie tun.“

Treffpunkt Rocca Sforzesca

Fünf Kilometer von Imola und 25 Kilometer vom geschäftigen Bologna entfernt, schläft Dozza aber keineswegs einen tiefen Dornröschenschlaf. Denn das Dorf hat Vorzüge, von denen andere Ortschaften dieser Größe nur träumen.

Ein Turm der Rocca Sforzesca in Dozza.

Da wäre zunächst mal die Rocca Sforzesca der illustren Herrscherin Caterina. Eine Festung, die heute mal Kulturtreffpunkt, mal Standesamt ist und zudem eine Enothek mit Weinen der gesamten Emilia Romagna in ihren Kellerräumen beherbergt. Allein wegen der Weinprobe zieht es viele hierher.

Last but not least hat sich das umtriebige Dozza die hohe Kunst ins Dorf geholt. In einschlägigen Reiseführern lässt es sich darum gerne als „malerischsten Ort Italiens“ feiern, im wortwörtlichen Sinne. Von Dozzas Wänden schauen Augen, greifen Hände, spricht der Geist der Künstler, die sich hier verewigt haben.

Ich bin in der Stadt der „Muri Dipinti“, der bemalten Mauern. Schon seit über 40 Jahren stellen die Dozzesen ihre Mauern zur Verfügung, alle zwei Jahre steigt die „Biennale del Muro Dipinto“, das nächste Mal im September diesen Jahres.

Dozza: je schöner die Wände, desto schöner das Dorf.

Wind, Wetter und Vandalismus setzen den bemalten Mauern zu, einige Werke wie die „Figure“ von Remo Brindisi sind bereits dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen und mussten in die Pinakothek der alten Festung abrücken.

Wandmalereien reloaded

Menschliche Zerstörungswut hält sich in einem Dorf wie Dozza jedoch im Zaum. Fast schüchtern wirkt da, wer das irre dreinblickende Mädchen des Werkes von Renato Prato mittels abwaschbarer Kreide als scema, Dummkopf, bezeichnet hat.

Vor allem italienische, aber auch internationale Künstler besuchten während all der Jahre Dozza. „Back to the roots“ gibt sich die Kunst. Sie erinnert an die ältesten Wandmalereien und Ritzereien der Kunstgeschichte, ist öffentlich, unentgeltlich, alltäglich. Die Werke sind abstrakt oder gegenständlich, nehmen Bezug auf das Dorfleben oder reflektieren die Gedanken der Künstler.

Kunst in der Banalität des Alltags.

„Wir sind schon stolz drauf“, sagt Giuliana Gaddoni-Dalmonte, Hotelbesitzerin. Einige der Künstler haben nämlich in ihrem Haus übernachtet und ihr auch mal einen Entwurf als Andenken geschenkt.

Freizone der Stile

Ihre Ideen stellen die Maler den Verantwortlichen der Stadt, dem Kunstverein und den jeweiligen Hauseigentümern vor, dann erst geht es ans Werk. Die Stadt bezahlt Unterkunft, Verpflegung und Material der Maler, mehr nicht.

Dozza ist Freizone der unterschiedlichsten Stil- und Ausdrucksformen: Erzählerisches, Ernsthaftes, Subtiles, Trauriges, Naives, Plakatives, auch Comic-Art gibt es.

Leben mit der Kunst: Irgendwann ist das Schöne normal.

Besonders beliebt und mit Abstand das meist fotografierteste Motiv ist der Engel von Giuliana Bonazza. Der kahlköpfige „Angelo di Dozza“ sitzt seitlich der Tür des Hauses 41 in der Via XX Settembre, einer der Hauptgassen des Ortes.

Ein Arm lehnt auf den Türbogen, die Augen geschlossen, die michelangelesken Beine zwischen Tür und Fenster geschoben. Sanftheit und Ruhe strahlen die geschwungenen Formen und die gedeckt rosarote Farbigkeit aus – passend zu Dozza.

Das 24-Stunden-Museum

Manchmal verändern sich die Kunstwerke während der Schaffensperiode auch. So hat einer der Künstler mit einigen Dorfbewohnern gezecht und danach Anspielungen auf wilde Dorfgeschichten ins Werk integriert. Und wo die Mauern das Dorfleben verbergen, öffnet Manuel Ruiz Pipo dem Betrachter ein Fenster: Eine Familie sitzt beim Abendessen im Licht des Lampenscheins.

Manuel Ruiz Pipo: Das Innere nach außen gekehrt.

Dozza, das 24-Stunden-Museum, hat sich im übrigen als romantisches Kaff und Treffpunkt für außereheliche Techtelmechtel etabliert. So entdecke ich auch ein Pärchen um die 40, das sich auffällig verhält. Scandalo, Küsse am helllichten Tag!

Romantik und Ästhetik. Nicht jeder Einwohner ist in der Folge ein Kunstliebhaber. „Am Anfang waren wir neugierig, jetzt sind wir daran gewöhnt“, meint Geschäftsmann Pandolfi gelassen.

Vino, vino, vino

Das gepflegte Image als Ausflugs- und Residenzort bringt auch Nachteile mit sich: So mancher Bolognese richtet sich ein Wochenendhäuschen ein, die Mieten steigen. Aber auch die Lebensqualität.

Mit dem Image steigen Kulturangebot und Lebensqualität.

Für einen Ort dieser Größe kann sich das Kulturangebot jedenfalls sehen lassen: Konzerte und Filmvorführungen im Innenhof der Festung während der Sommermonate, dann die Wechselausstellungen in den alten Wohngemächern der Caterina Sforza und – nicht zu vergessen – das kleine, aber feine „Teatro comunale“, eingerichtet in den ehemaligen Stallungen unterhalb der Festung.

Und dann ist da ja noch die Enothek: An die 800 Tropfen der Schlemmer- und Weinregion Emilia Romagna umfasst das Angebot, darunter der Sangiovese, Trebbiano und Lambrusco. Der Albana, den schon die venezianischen Dogen geschätzt haben, wächst an den Hängen der umliegenden Hügeln.

Was dem Dogen schmeckte, will ich auch probieren und trete ein, hinter die dicken, alten Gemäuer der Rocca, die den Geruch des Weines wie ein Schwamm aufgesogen haben. Im Hintergrund klingen leise die melancholischen Töne der portugiesischen Gruppe „Madredeus“, die dem jungen Sommelier so gefällt.

Das einzige Dorf, das sich ständig verschönern lässt.

Vielleicht sehen Dozzas Wände nach einem Gläschen Albana und im Schatten des Abends wieder anders aus. Jedenfalls ist es unmöglich, einfach daran vorbeizuspazieren. Denn die Wände leben in dem einzigen Dorf der Emilia Romagna, das sich ständig verschönern lässt.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an die APT Emilia-Romagna für die Unterstützung dieser Reise.

„Dorfgeschichten“ ist eine beliebte Reihe auf MeerBlog. Zuletzt ging es ins feudale Panker in Ostholstein, und bald folgt ein Besuch auf Hallig Hooge.

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