Addio, Emilia!

Die erste und vermutlich einzige Acadiane meines Lebens hat am 18. März 1983 in Frankreich das Licht der Welt erblickt. Wie sie nach Italien kam, weiß ich nicht. Vermutlich auf einem Transporter zusammen mit anderen Citroëns. Vielleicht blieb sie auch noch ein Weilchen in Frankreich. Jedenfalls hat Signor Codeluppi sie im Februar 1985 erstmalig zugelassen. Und Emilia war ihm lange Jahre eine treue Begleiterin. Diente sie als Transportwagen in Italien? Das bezweifle ich, denn die Ladefläche ist nahezu unversehrt.

Emilia in Blokhus

Die Acadiane in der aparten Farbe Camargue Bleu wurde im November 2012 in Italien abgemeldet und im September 2013 nach Deutschland exportiert, wo es immer genug Verrückte für ein altes Auto gibt. In diesem Fall war ich es, die eine frisch polierte Acadiane im März 2015 bei einem Oldtimer-Händler erstand. Ich fand Emilia im Netz, setzte mich in den Zug nach Hamburg und kam mit leuchtenden Augen zurück. Emilia, das Juwel, hat mich am gestrigen Tag verlassen. Schweren Herzens trennten sich unsere Wege, doch ich denke, dass sie in guten Händen ist. Fortan wird die Allerbeste im Westerwald ihr Unwesen treiben.

Das fahrende Redaktionsmitglied

Emilia, the Meerblog-Car, eine Legende. Ich denke an fünfeinhalb wunderbare Jahre mit ihr zurück. Sie galt als fahrendes Redaktionsmitglied, das zwar viel schnattert, jedoch keine eigenen Artikel diktiert. Die ehrenvolle Aufgabe, über sie zu berichten, kam mir zu. Über unsere erste Fahrt etwa, ihre Eingewöhnungsphase an der Nordsee und die Meinung der übrigen Redaktionsmitglieder. Wir haben Schleswig-Holstein und die skandinavischen Länder gemeinsam unsicher gemacht. Legendär auch unser mehrwöchiger Roadtrip mit Julchen. Darüber werde ich bald ein eBook erstellen, ich freu mich schon darauf.

Den Winter hat Emilia immer schön warm und trocken in einer Garage verbracht. Wie wunderbar war das jedes Mal, wenn ich sie im Frühjahr wieder herausgeholt habe, um das Sommerhalbjahr leicht schaukelnd einzuläuten. Jeder, der mal Ente gefahren ist, weiß, wie entspannend eine Tour mit einer solchen Federung ist. Sie wurde so konzipiert, dass Bauern ihre Produkte, etwa Eier, heil über unwegsame Wege karren konnten. Zumindest lautet der Enten-Mythos so.

Moderne Autos bin ich immer nur von anderen gefahren, Familie, Freunde oder Mietwagenfirmen. Als ich den Führerschein in den Händen hielt, tendierte ich zu einem Vintage-Käfer. Aber ich kam erst einmal ganz gut ohne Auto klar. Irgendwann fuhr ich erstmalig mit dem 2CV eines Freundes und hatte fortan einen Traum. Meine erste Ente erstand ich für 1.000 Mark, das hübsche weiße Ding hielt genau ein Jahr. Die Kinder der Vorbesitzer hatten wohl eine Spielzeugpistole im Handschuhfach vergessen. Meine Oma inspirierte das irgendwie. Einmal zückte sie den Revolver, während sie mit mir fuhr, um Bonnie & Clyde zu spielen.

Wer Ente fährt, entdeckt neue Seiten an seinen Mitmenschen.

Ente zu fahren ist auch unbewaffnet außergewöhnlich. Auf den Straßen fliegen dir die Herzen nur so zu. Manch einer kennt das Victory-Zeichen als Gruß aller Entenfahrer*innen. Passanten strahlen dich an, Leute kommen an der Tankstelle oder auf einem Parkplatz auf dich zu, machen Komplimente oder erzählen dir ihre persönliche Entenstory. All das werde ich vermissen, aber am meisten wird mir Emilias sonorer Klang fehlen. Die leichte Benzinwolke, die einen im Autoinnern stets umgibt sowie jenes unübertroffene Schaukeln während der Fahrt. Das Gefühl in einem der Oldtimer für Kinder auf der Kirmes zu sitzen, weil das Lenkrad so schön groß ist.

Hund Julchen und Acadiane Emilia on tour
Alles gepackt?

Als nun meine erste wunderhübsche, namenlose, weiße Ente plötzlich verstarb, war ich untröstlich. Zum Glück hatte ein Düsseldorfer Entendoktor diverse Ratschläge und eine famose rote Ente für mich in petto. Die Ära von Valentina begann, acht lange Jahre waren wir ein Herz und eine Seele. Gemeinsam fuhren wir Einbahnstraßen rückwärts, während der Kinofreund erschrak: „Wir werden alles sterben.“

Selbst als ich wegen einer Redakteursstelle von Düsseldorf nach Süddeutschland zog, brachte Valentina mich nicht selten den endlosen Weg parallel zum Rhein nach Hause und wieder zurück. Als ich den Job wieder an den Nagel hängte, verabschiedeten sich die lieben Kolleginnen und Kollegen mit einem lustigen Titelblatt von mir. Als Tipp in der Service-Rubrik: „Die schönsten Schrottplätze für Valentina“. Badischer Humor!

Die allerbeste Acadiane

Nach acht Jahren dann die Entscheidung: Valentina restaurieren lassen oder eine andere Ente fahren? Ich entschied mich für Eleni, ebenfalls rot, doch das Vergnügen währte nicht lange. Zurück in Düsseldorf brauchten wir kein zweites Auto mehr. Alles war zu Fuß, mit dem Rad oder den Öffentlichen besser zu erreichen. Oft musste ich lange suchen, um die vor Tagen oder Wochen geparkte Eleni wiederzufinden. Also verkaufte ich sie an andere Glückspilze. Erst Jahre später, als wir schon an der Nordsee lebten, hielt ich es nicht mehr aus. Ich suchte eine Ente und fand Acadiane Emilia. Für mich war es logisch, sie nach der italienischen Region Emilia Romagna zu benennen, in der sie die meiste Zeit ihres Lebens verbracht hatte.

Acadiane

Emilia, die über Deichkronen hoppelt, mich im Sommer täglich zum Tetenbüllspieker bringt, lässig mit dem Badehandtuch überm Außenspiegel am Hafen wartet. Emilia, die mich sofort glücklich macht, wenn ich einsteige und losdüse. Emilia mit ihrem sonoren Sound. Emilia, die mich nach Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland bringt. Emilia, die es hin und wieder spannend macht: Werde ich die Fähre noch kriegen? Muss ich den Abschleppdienst in Südnorwegen anrufen? Gestern habe ich einen Zettel zusammen mit der TÜV-Bescheinigung im Handschuhfach gefunden. Eine handgeschriebene Notiz auf Norwegisch, die ich im Hafen von Arendal hinter die Windschutzscheibe legen sollte, während wir eine Nacht auf einer Leuchtturminsel verbringen würden. Der wohl genialste Parkschein der Welt. Und ja, übernachtet habe ich auch schon in der Acadiane, auch wenn die Ladefläche etwas zu kurz für mich ist. Mit Blick auf die Wesermündung, vor dem Termin mit dem letzten Reusenfischer der Gegend.

Bonjour, Zouzou!

Mit über 50 Jahren nenne ich nun zum ersten Mal ein „normales“ Auto mein eigen. Und das nur, weil es ein Stromer ist. Sonst hätte ich Emilia nie betrogen! Nie! Kein Benzinduft, keine Tankstellenbesuche, kein Schaukeln mehr. Ich lenke ein Raumschiff, einen PC auf vier Rädern. Irgendwie bin ich überraschend in der Zukunft gelandet, das Auto macht fast alles selbst, fehlt nur noch das Fahren. Wenn ich mich nähere, schließt es die Türen automatisch auf. Zum Starten drücke ich auf einen Knopf, der PC fährt in Nullkommanix hoch. Getankt habe ich bislang zu Hause, das geht ruckzuck. Bei 22 kW lädt Zouzou innerhalb von zwei Stunden voll, gestartet bei 30 Prozent. Unterwegs würde ich in etwa 30 Minuten ein Plus von 150 Kilometern mit einer Schnellladung bekommen. Viele fragen mich nach der Reichweite. Nach meinen bisherigen Erfahrungen auf den Fahrten über Land und innerorts schafft die vollgeladene Batterie 300 Kilometer. Sobald die Grenzen wieder offen sind, schweben wir mit Raumschiff Zouzou nach Skandinavien, Julchen und ich.

Text und Fotos: Elke Weiler

Standardbild
Elke
Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

8 Kommentare

  1. Ein Grund weniger zu lächeln. Schade. Wirklich. Aber neugierig auf Eure E-Tour bin ich auch,
    By, Emilia. Hätte Dich gern kennen gelernt…

    • Richtig, dafür bringt sie jetzt etwas Stimmung in den Westerwald! Die Neuen in Emilias Leben haben mir fotografische Dokumentation zugesagt. ;-)
      Wenn ich die Allerbeste wie einen Oldtimer gefahren wäre plus ein paar Roadtrips, wäre alles gut. Aber den Sprung von der Ente als Alltagsauto zur Oldtimer-Nutzung habe ich noch nicht geschafft. Beim nächsten Mal vielleicht. Zouzou steht mir bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit zur Verfügung. Ok, sie ist etwas langweiliger, weil neu und zuverlässig, aber dafür ist es ein Wahnsinnsgefühl, emissionsfrei durch die Gegend zu düsen. Liebe Grüße, Elke

      • In den Westerwald? Von da bin ich an die Küste geflohen:-)
        Ja, beim Auto vermischen sich Emotionen mit Vernunft. Und die sind schwer in Einklang zu bringen. Wir haben auch ein ziemlich schlechtes Gewissen.

        Aber dann machen die vielen Windräder wenigstens Sinn und müssen weniger still stehen.

        • Ja, Emilia hat es jetzt hügeliger, was sie vermutlich an die Emilia Romagna erinnern wird. :-) Niemand muss ein schlechtes Gewissen haben, außer er hat sich gerade einen neuen Benziner oder Diesel zugelegt. ;-) Der Clou wäre jetzt noch, wenn wir eigene Energie produzieren könnten, aber das ist mit einem Reetdach schwierig! Also träume ich noch ein wenig weiter. Es ist immer gut, Pläne zu haben. Immerhin beziehen wir schon lange Ökostrom, und das macht auch der Hoster von Meerblog, er arbeitet sogar klimapositiv.

  2. Ciao Emilia, und eine schöne Zeit in deiner neuen Heimat im Westerwald! Du hast ja schon viele weite Reisen gemacht, die tolle Reise nach Skandinavien mit Julchen an Bord, ein prominenter Beardie, auch Principessa genannt.

  3. Na dann halte ich mal Ausschau nach der schönen Emilia in camarguebleu hier im schönen Westerwald.

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