Keine Spur von den Ochseninseln. Ich stehe in Sandwig am Ufer der Flensburger Förde, von hier aus ist Dänemarks Küste zum Greifen nah. Nicht jedoch bei Nebel, der die Welt verändert, verschluckt, verhext.

Das Strandhotel in Glücksburg hat einen eigenen Steg ins Wasser, ich laufe bis zum Ende und schwebe gleichsam über dem Nichts. Still, das Land. Ich weiß, da ist Wasser unter mir, das so lautlos und unbewegt erscheint, als wollte es sich dem Nebel anpassen.

Ein Kanufahrer gleitet die Küste entlang. Diese Stille.

Erst als ich im Strandbistro sitze und „Les passants“ von Zaz höre, dringt die Sonne durch und gibt der Landschaft für kurze Zeit einen Hauch von Farbe. Ich bin morgens im Nebel von der Nordseeküste weggefahren und eine Stunde später an der anderen Küste Schleswig-Holsteins gelandet. Den Nebel als ständigen Begleiter.

Im Nebel
Lautlos im Nebel.

Noch während ich im Restaurant sitze, nimmt die Sicht zu, und die bewaldeten Hügel des Nachbarlandes zeichnen sich andeutungsweise am Horizont ab. Die M/S Viking, die zwischen Flensburg und Glücksburg über die Förde cruist, und dann einmal rund um die Ochseninseln, nimmt bald den Betrieb wieder auf.

Doch auch außerhalb der Saison ist Sandwig als Glücksburgs dem Meer zugewandter Teil beliebt, ein Kommen und Gehen im Strandhotel. Ich probiere die Karotten-Orangen-Suppe mit aufhellender Wirkung bei diesigem Wetter. Ringsherum ein kleiner Strand, doch auch die Strandkörbe schlummern noch im Schuppen.

Nach der Massage

Gut zu wissen, dass es bald soweit ist. Wenn der Frühling durch den Nebel dringt. Der Duft des Meeres wieder da ist. Noch wintermüde freue ich mich auf die Massage im Strandhotel. Auf die tanzenden Hände von Inken Brandenstein. Sie kennt alle Energiepunkte des Körpers, und meine Schwachstellen fühlt sie sofort.

Die Kinesologin scheint dabei eine präzise Choreografie der Hände auszuführen. Ein Mix aus klassischer Massage und Energiearbeit. Am Ende bin ich so entspannt, dass ich fast einschlafe. Und als ich aufstehen muss, fühle ich mich leicht benommen. Der Körper arbeitet.

Am Strand von Glücksburg

Inken steht schon mit einem Glas Wasser da, Trinken ist jetzt wichtig. Ich höre, dass einige Gäste im Winter sogar kurz ins Wasser hüpfen, diese Verrückten. Kein Problem, im Bademantel durchs Hotel zu laufen, und der Strand liegt ja auch vor der Haustür. Ich sehe mich um: Es sind Familien in Sandwig, Paare im besten Alter, Hundebesitzer.

Das Standhotel mag sie alle und hat für jeden die passenden Gadgets. Brautpaare feiern im Elisabethsaal, Businessleute setzen sich mit ihren Laptops in die Strandkörbe, sobald der Frühling da ist. Einen Spielplatz gibt es sowieso. Hunde werden mit persönlichem Brief und Körbchen willkommen geheißen.

Haubengenüsse

Später sitze ich im „Felix“ und genieße die Haubenküche von Chefkoch André Schneider. Ich probiere das Carpaccio vom Holsteiner Rind, regionale Zutaten stehen auch hier hoch im Kurs. Der Backensholzer Käse, den ich liebe, trumpft als Parmesan-Ersatz auf dem Carpaccio allerdings eine Spur zu kräftig auf.

Das Brot ist noch warm, und ich kombiniere den Curry-Joghurt-Dip mit dem Schoko-Chili-Salz. Sehr lecker. Im Hauptgang die Variation von Holsteiner Edelfischen wie Saibling, Stör und Zander. Sellerie-Gemüse, Safrankartoffel.

Zimmer mit Streifen

Abschließend rote Grütze (teilweise geeist) mit Vanille-Espuma, bevor ich mein Prinzessinnenzimmer wieder aufsuche. Streifentapete an der Wand, skandinavisches Design mit viel Weiß, Blau und Naturholzboden kombiniert. Auf dem Balkon stehend, blicke ich aufs Wasser. Diese Nähe wie hier in Sandwig, das ist natürlich an der Nordsee selten.

Am nächsten Morgen will ich endlich meine Nordic Walking-Vorsätze in die Tat umsetzen. Sonntags vor neun bin ich allein auf der funkelnagelneuen Glücksburger Promenade, allein unter Möwen, Enten und Blesshühnern. Immer noch Nebel, die Luft ist herrlich.

Planlos in Sandwig

Ich walke links die Promenade entlang, denn leider ist sie auf der rechten Seite noch nicht fertig. Dort soll man ab Pfingsten quasi bis zur Halbinsel Holnis spazieren können. Hinter dem Yachthafen endet die Promenade, ich laufe am Strand entlang. Schon bald erscheinen die ersten Gassigeher und Jogger auf der Bildfläche.

Ich verteile ein „Moin“ nach allen Seiten und erschrecke manche Spaziergänger von Sandwig ein bisschen. In Nordfriesland ist das ja normal, auch die Gäste haben sich daran gewöhnt, zumindest die Wiederholungstäter. Nach dem Frühstück mache ich das, was ich alle tun: planlos herumlaufen. Hauptsache am Strand.

Promenade

Und was ebenfalls alle tun: Verbotsschilder freundlich missachten. Denn alle wollen Richtung Holnis, den nördlichsten Punkt des deutschen Festlands. Und wie soll man bei diesem suggestiven Licht eine Absperrung erkennen können? Die alte Promenade ist weitgehend in Takt an diesem Wochenende, und so steht einer weiteren Erkundung der Küste nichts im Wege.

Promenade mit Piazza

Ich laufe in Richtung Schwennau und entdecke den kleinsten Strand der Welt. Die Sonne bricht genau für drei Sekunden durch, ein bisschen Wind kommt auf, als ich die Förde interviewen will. Den Sound der Wellen aufnehme. Und zurück.

Höhepunkt der neuen Promenade ist die Piazza in der Nähe des Strandhotels. Treffpunkt der Flaneure, Schnackstation am Strand. Es ist der Punkt, an dem sich die Steilküste vom Wasser zurückzieht und mehr Raum lässt.

Inzwischen ist Dänemark gut zu erkennen, so grün und hügelig, als wollte es sämtlichen Klischees vom Flachland trotzen. Zwischen uns die Ochseninseln. Ohne Nebel lugt der Horizont wieder hervor, und mir ist, als könnte ich weiter von Küste zu Küste ziehen.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an das Strandhotel Glücksburg, das mich an die Flensburger Förde gelockt hat.

12 Kommentare zu “Küstenwechsel”

  1. Ein ausführlich und vor allem liebevoll gestalteter Bericht…Oh Mann, ich will gleich nicht zur Arbeit…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.