Was ist das Meer?

Mein Rudel ist kein nordfriesisches. Der Anonymität halber nenne ich die beiden „Madame et Monsieur“ – aber diese Zweibeiner sind keine Franzosen.

Sie haben vorher in einer großen Stadt neben einem großen Fluss gelebt und haben ihr aufregendes Leben gegen ein gepflegtes Landeierdasein eingetauscht.

Warum?, mag man sich berechtigterweise fragen. Nun, sie haben mir erzählt, sie wollten ans Meer. Aber was ist das? Wo ist es? Und warum habe ich es noch nicht gesehen, dieses tolle Ding?

„Wir fahren nach Simonsberg“, sagte Madame eines Tages. „Dort gibt es einen Strand, und du kannst deine Nase ins Wasser stecken.“ Toll, dachte ich mit feiner Ironie. Du weißt doch genau, dass ich meine Nase lieber in dunkle Erde stecke! Nicht nur wegen des eleganten Kontrastes.

Aber ich bin eine Weltentdeckerin, deswegen wurde mir die Ehre zuteil, diese Kolumne zu diktieren. Madame schreibt, ich gucke.

Himmelschafundmeer!
Himmelschafundmeer!

Während sich meine ersten Fahrten in der japanischen Blechhöhle neben einem von ihnen in ungezwungener Atmosphäre recht angenehm gestalteten, verfrachten sie mich neuerdings in eine Hundebox. Rundherum schwarzes Netz zum Durchgucken.

Mich macht dieses Netz WAHNSINNIG. Aber sämtliche Attacken hat es bislang schadlos überstanden. Ich verstehe es nicht. Den Gartenzaun krieg ich doch auch kaputt!

Aber ich schweife ab. Wir fuhren also nach Simonsberg, während ich versuchsweise bellte und winselte. Madame sang, und Monsieur klemmte hinterm Steuer.

Wir kletterten auf den Deich, und sie sagten: Hier bitte, das Meer. Doch ich schnupperte überall und fand es nicht. Es gab viele interessante Dinge auf dem Deich, Zigarettenstummel, trockenes Schafskot, feuchte Papiertücher. Keine Ahnung, was sie mit Meer meinten.

Das Ding war: Es gab kein Meer, nicht hier! Nur in der Ferne konnte man Wasser glitzern sehen. Ich roch es, aber es war so weit weg, dass es völlig uninteressant war.

Ich konzentrierte mich auf die Dinge am Deich. Und einige Lutscher: Spaziergänger, die man höflich anspringen und ablecken konnte.

Da war nur Schlick...
Da war nur Schlick…

Doch dass große Mengen Wasser einfach so verschwinden konnten, empfand ich schlichtweg als Reinfall.

An einem anderen Tag steuerten wir Schobüll an. „Hier gibt es einen Steg“, sagte Madame. „Du kannst die Treppe hinuntergehen und deine Nase ins Wasser stecken.“

Natürlich war ich jetzt völlig scharf drauf, dies endlich zu tun. Aber würde das Meer dieses Mal mitspielen? Oder kratzte es wieder die Kurve?

Wir liefen also auf den Steg zu, mein Herz klopfte wie verrückt. Ich konnte es riechen, es machte mich wild. Wir waren auf dem Steg, und ich drehte durch. Rundherum Schlick! Schlick! Schlick!

Ein großer Beschiss!
Ein großer Beschiss!

Ich wollte loslaufen, rein springen, mich darin wälzen. Nie hatte ich etwas Schöneres gesehen. Ok, außer Madame. Aber Monsieur hielt mich fest an der Leine. Nur gucken durfte ich.

Was soll ich sagen? Ich war glücklich. Die Aussicht, mich irgendwann in diesem Schlick hin und her zu wälzen, katapultierte mich in den siebten Himmel. Dafür gab ich den Clown und kugelte mich wie eine Irre durch das trockene Schilf, so dass Madame et Monsieur sich kaputt lachten.

Und irgendwann werde ich sicher auch mal das Meer treffen. Oder musste ich ihm entgegen gehen?

Text: Julchen (nach Diktat den Schnackapparat hypnotisiert. Wann rief das Meer endlich an?)

Fotos: Elke Weiler

Standardbild
Julchen
Ein pfiffiger Hund mit leichtem Hang zum Drama. Julchen liebt weite Sandstrände und professionelle Buddelarbeiten. Nach langer Zeit hat Julchen sich nun wieder verlobt – ausgerechnet mit Jack, einem Border Collie aus dem fernen Apulien. Neben dem Job als Ressortleiterin Kolumne bei Meerblog arbeitet sie an ihrem dritten Buch. Ein Krimi!

Schreibe einen Kommentar