Italien Rom

Allein unter Römern

Noch auf der Via Cavour braust der Verkehr der italienischen Hauptstadt. Doch die Treppe hinab zur Piazza di Suburra zu steigen, kommt dem Eintritt in eine andere Welt gleich: Monti.

Ein Viertel in der Mitte, zwischen Santa Maria Maggiore und dem Kollosseum. Wie in einer Mulde liegt es im Herzen der Stadt, umrahmt von den Hügel Celio, Viminale, Quirinale und Esquilino.

Es gab eine Zeit, da war es eher still in Monti. Doch seine Wiederentdeckung hat zu einer Belebung geführt, die hier nicht jedem schmeckt. Delikatessen und Sushi neben alteingesessenen Restaurants, schicke kleine Boutiquen neben schummrigen Handwerkerläden.

Vor allem die Älteren sprechen noch Dialekt, das breit bis vulgär klingende Romanesco. Natürlich es wäre schade, wenn diese lokale Färbung verloren ginge. Doch wer kann schon ein ganzes Viertel unter die Käseglocke setzen?

Der Rhythmus der Stadt

Die Häuser haben dicke Mauern, und die Straßen sind schmal, das Muster unregelmäßig. Selbst im heißesten Monat, dem August, lässt es sich noch angenehmer durch die Gassen Montis flanieren als über die breite Via dei Fori Imperiali.

Der Bauch von Rom: Monti

Ein Teil des mittelalterlichen Viertels fiel dem Bau der faschistischen Paradestraße zum Opfer. Doch schon seit dem 19. Jahrhundert bahnt sich die breite Via Cavour ihren Weg durch die bröckelnde Bausubstanz von Monti.

Und doch. Die Gemütlichkeit, die Geschichte, der Rhythmus der Stadt sind im Rione Monti mit jeder Faser spürbar. Ist es deswegen immer mein Lieblingsviertel gewesen?

Oder wegen der Spaghetti alla Carbonara? In der Via Panisperna, fußläußig von der Kirche Santa Maria Maggiore oder ab der Metrostation Cavour zu erreichen, wirkt das Lokal mit der Aufschrift „La Carbonara“ eher klein und unbedeutend.

Doch dahinter steckt eine lange Geschichte. Allen Gerüchten zum Trotz war es nicht die berühmte Pasta, die dem Lokal seinen Namen gab. Am Anfang stand eine Liebesgeschichte.

Die Lovestory

Die erste Besitzerin und Köchin verguckte sich in den im Laden gegenüber werkelnden „Carbonaio“, einen Kohlehändler, und es kam, wie es kommen musste, damals, in den ersten Jahren des letzten Jahrhunderts.

Essen wie bei la mamma

Heute trifft sich bei der Familie Rossi ganz Rom. Egal ob Alt, Jung, Familien, Freunde, Pärchen, Businessleute oder VIPs „incognito“, die sich meist auf den pastellfarbenen Wänden verewigen.

Ein bekannter Sänger dankt hier Donna Teresa „für die besten Carbonara von ganz Rom“. Die verehrte Dame schafft trotz ihres Alters immer noch unermüdlich neue Kreationen und kümmert sich aufmerksam um das Wohl der Gäste.

Donna Teresa wirkt zunächst geschäftig bis introvertiert, taut bei ein paar freundlichen Worten aber sogleich auf. Bis hin zur kleinen Enkelin lässt sich nach und nach die ganze Familie im Lokal blicken. Den Rossis sind zwei Dinge wichtig: frische und ausgesuchte Zutaten sowie eine liebevolle Zubereitung der Speisen.

Va bo!

Man sitzt auf schlichten Holzstühlen und fühlt sich ganz wie bei Muttern. Beim Blättern in der überschaubaren Speisekarte finden die Gäste typisch römische Vorspeisen wie die „Carciofi alla Giudia“ – frittierte Artischocken – oder auch „Porchetta“ – Spanferkelscheiben mit Kräutern, eine Spezialität aus dem nahen Ariccia.

Neben einer Vielzahl an frischen Pastagerichten gibt es auch kräftige Fleischgerichte wie Coda alla Vaccinara – Ochsenschwanz. Freitags ist Stockfisch im Angebot und samstags „Trippa“ – Kutteln, denn Innereien gehören so zu Rom wie das Kolosseum.

Bella Roma

Donnerstags zieht es viele wegen der hauchzarten Gnocchi ins „La Carbonara“. Dann sitzt man bis zum hausmachten Dessert (am besten nach dem tagesaktuellen „Dolce della Casa“ oder „Dolce della Nonna“ fragen) Tisch an Tisch.

Allein unter Römern. Die vielleicht nicht konsequent Romanesco sprechen, aber doch am Tonfall und den vielfach eingestreuten „mannaggia“s oder „va bo“s eindeutig zu identifizieren sind. Klingt in etwa so deftig wie das beliebte Ochsenschwanz-Gericht oder die Kutteln schmecken.

Monti ist ein Dorf, Ur-Rom, das Herz der Stadt. Kein makeloses Viertel, das nicht. Doch in Monti steckt mehr Rom als in jeder blankgeputzten Barockfassade.

Text und Fotos: Elke Weiler

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Autor

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

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