Labyrinth der Kunst

Morgens in Madrid. November, Nieselregen. Ohne Plan lande ich im Prado, ich, die Kunsthistorikerin. Dank einer freundlichen Spanierin, die hier Aufsicht hat und sich auskennt, gelange ich in die „colección permanente“ des Museums. Und frische ganz nebenbei noch mein verkümmertes Spanisch auf.

Am Ende habe ich einen Plan und muss mich nur noch entscheiden: Was anschauen inmitten dieser paradiesischen Fülle? Mein Starter ist das Porträt eines Kardinals von Raffaello Sanzio aus den Jahren 1510/11. Renaissancekunst, wie sie im Buche steht: die Kostbarkeit des Gewandes, die Lebendigkeit des Gesichtsausdrucks, die Duftigkeit des Unterkleids, die Plastizität des Ganzen.

Bild und Betrachter

Raffaels Figur scheint so lebendig und präsent, dass sie aus dem Rahmen herauszutreten scheint. Es sind die real wirkenden Augen, die eine echte Kommunikation mit dem Betrachter ermöglichen.

No dogs!
Oh, no, no!

Eine ganze andere Geschichte erzählt die Verkündigung von Fra Angelico. Wir machen einen kleinen Zeitsprung zurück und landen im Florenz der Jahre 1425-28.

Bruder Angelikus war nicht nur Mönch und Maler, sondern auch ganz Kind seiner Zeit. Typisch für die Frührenaissance ist die Einbettung des Erzählten in die gerade entdeckte Perspektive, einer zweidimensionalen Wiedergabe des dreidimensionalen Raums, die „il Beato Angelico“ mittels Fluchtlinien im architektonischen Raum umzusetzen versucht.

Tizian und Rubens

Die Verwendung von Blattgold, hier für die Heiligenscheine, steht in der gotischen Tradition und kommt seinem Anliegen wohl näher als der neue Realitätssinn der Renaissance – geht es dem Dominikaner doch um Erhöhung und Vergeistigung. Ein Altarbild, das die Gläubigen verzückt haben muss.

Viele Besucher zieht es direkt in den ersten Stock: Tizian! Das Original nebst einer gehaltvollen Kopie seines großflächigen Gemäldes „Adam und Eva“ bringt den Betrachter zum Anhalten und Nachdenken. Denn der Kopist ist kein geringerer als Rubens.

Zwischen der venezianischen Interpretation des Themas von 1550 und der niederländischen von 1628/29 liegen Welten. Tizian mit seiner Ausdrucksstärke, der lebhaften Helldunkelmalerei und dem schon impressionistisch wirkenden Hintergrund steht Rubens mit gedeckter, harmonischer Farbigkeit und realitätsverhafteter Zeichnung gegenüber.

Picasso ist groß zu Gast.
Picasso ist groß zu Gast.

Tizian ist alles: Kind seiner Zeit und seines Ortes, aber auch Impressionist und Expressionist – wenn auch nicht bei jedem seiner Werke.

Dieses Gefühl, der Künstler bricht aus seiner Zeit aus, beschleicht den Zuschauer noch stärker in den Räumen, die El Greco gewidmet sind. Vor allem in Anbetracht der Altarbildern für Doña Maria de Aragón (1596-1600).

Der Rausch des Malers

Das vertikale Format liegt dem Maler der langen Figuren. Das Licht spielt eine Hauptrolle: Viel Weiß wird hinzugefügt, um den maximalen Kontrast zum anthrazitfarbenen Hintergrund zu kreieren.

Doch die auffälligste Wrikung geht von der Emotionalität seiner Figuren aus, ihren Ausdruck in der Bewegung findend. Gemeinsam mit der Üppigkeit der Gewänder und der intensiven Farbigkeit entwickelt El Greco eine außergewöhnliche Dynamik.

Museumswetter
Museumswetter

Es scheint fast so, als habe der Maler griechischen Ursprungs die Expressivität Tizians in einen Rausch verwandelt. In einer schwach ausgeleuchteten Kirche müssen diese Bilder wie Magnete gewirkt haben.

Die satte Fleischeslust eines Tizian und vor allem eines Rubens geht El Greco völlig ab. Auf seine emotionale Art und Weise widmet er sich doch wie Fra Angelico der Spiritualität seiner Sujets.

Überfüttert im Prado

Von Tizians und Rubens Darstellung des Nackten ist auch bei Goya nichts mehr zu finden. Zart und zerbrechlich wirkt der Körper der berühmten „Nackten Schönen“ von 1797-1800 – wie aus Porzellan. Eine Verneigung vor der Preziosität seines Modells. Bei der bekleideten Version der „Maja“ im Bild daneben ist die Wirkung ähnlich, wenn auch indirekter, da „verschleiert“.

Und das ist das Schöne am Museum: diese Möglichkeit des Vergleichs. Vermutlich wäre jedes einzelne Werk in seiner angestammten Umgebung besser aufgehoben. Man würde sich intensiver damit befassen. Länger.

In Ausstellungshäusern wie dem Prado hetzt der Besucher von einem Meisterwerk zum nächsten. Und hat trotz der Überfütterung am Ende ein gutes Gefühl. Kunst beflügelt.

Text und Fotos: Elke Weiler

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