Das große Blau

Es ist dieser Moment, als ich am Morgen zum ersten Mal auf das Handy schaue. Mitten in der Nacht hat jemand angerufen? Aus … Lübeck-Travemünde? Mir schwant Fürchterliches. Die Fähre! Ich habe das Gefühl, im falschen Film zu sein. Augenblicklich rufe ich zurück.

Die Dame am Telefon wirkt leicht amüsiert ob meiner Verwirrtheit. Sie hätte aktuell nichts vorliegen, ich sei scheinbar schon auf den heutigen Tag umgebucht. Beziehungsweise von heute auf morgen. Denn genau das war mein Fehler, deswegen hatte mich im Datum vertan: Ablegetag ist nicht gleich Abreisetag!

Emilia ist startklar.

Die Fähre nach Helsinki legt um 3 Uhr in der Nacht vom Skandinavienkai in Travemünde ab. So starte ich mit einem Desaster meinen Boat-Roadtrip nach Finnland und auf die Ålandinseln. Was für ein Glück, dass ich so rasch, so unkompliziert umgebucht werden konnte! „Denken Sie aber heute dran!“, mahnt die freundliche Dame am Telefon noch.

Aber natürlich, auf heute sei ich ja „programmiert“, gebe ich zurück. Sie lacht wieder. Ich kann es nicht fassen! So lange freue ich mich schon auf die Tour nach Finnland! Und auf die Ålandinseln – zum ersten Mal werde ich dorthin reisen. Am Tag zuvor habe ich Ente Emilia gewaschen, bis sie strahlt, frisch betankt und sämtliche Vorbereitungen getroffen. Nur losgefahren bin ich nicht.

Abends in Travemünde

Nun aber! Gegen Abend legen wir los, bloß nicht zu spät kommen nach dieser Blamage. Die 185 Kilometer von der Nord- an die Ostseeküste schafft Emilia mit Nonchalance. Wir sind überpünktlich und machen es wie die Übrigen in der Warteschlange hinter dem Check-in: Willkommen beim spontanen, nächtlichen Picknick. Einfach die Autofenster öffnen und speisen. Einige haben es sich sogar draußen bequem gemacht, fast kommt Partystimmung auf. Nur die Musik fehlt.

Ende August, und der Abend ist noch relativ warm. Gut, dass ich Rucola aus dem eigenen Garten dabei habe, Brot, einen Rest Chips, eine Banane sowie Puffreis mit Schokolade zum Dessert. Das komplette Bio-Menü. Kurz vor 23 Uhr regt sich was, nach und nach setzen sich die Wagen in Bewegung. An Bord bekommt Emilia einen Logenplatz. Netzgeschützt, mit bestem Blick auf die Etage 7.

Logenplatz

Als ich einparke, fällt mir die Großfamilie mit Hund ins Auge, so dass ich mein Reisejulchen sofort vermisse. Juli hat mich im letzten Jahr auf dem Roadtrip nach Skandinavien begleitet: Mit Ente Emilia ging es von Dänemark nach Südnorwegen und Westschweden. Mit dem Unterschied, dass dabei nur zwei kurze Fährüberfahrten auf dem Programm standen.

Aber dieses Mal sind es 30 Stunden an Bord, das ist schon eine andere Geschichte. Die Kabinen für Mensch und Hund befinden sich an Deck 7. Auf den beiden Außenbereiche dort können die Vierbeiner sich die Pfoten vertreten und ihre Geschäfte verrichten. Es gibt Hunde, die auf der Strecke Travemünde – Helsinki und zurück schon zig Mal mitgefahren sind, einen davon lerne ich auf dem Rückweg kennen. Eine 13-jährige Dame, weise und gelassen.

Zwischenzeitlich werden alle Decks freigegeben, jeder kann seine Kabine noch vor Mitternacht beziehen. Ansagen in Finnisch, Englisch, Deutsch, Russisch und Französisch: Noch ein warmes Süppchen gefällig? Ich drehe eine Runde, gehe aufs Außendeck und schaue aufs Wasser, das so schwarz wirkt in der Nacht.

Zwei Mal mit Meerblick aufwachen.

Zurück in der Kabine stelle ich meine Uhr gleich eine Stunde vor, denn Bordzeit ist finnische Zeit. Vor meiner Außenkabine glitzert das Wasser im orangefarbenen Schein der Laternen. Ein traumloser Schlaf. Noch nicht einmal das Ablegen des Schiffes um 3 Uhr in der Nacht bekomme ich mit. Das Schönste am folgenden Morgen: der Blick vom Bett aufs Meer.

Blau der Himmel, wolkenlos. Tiefblau die Ostsee.

Weiße Schaumkronen, die auf Wind schließen lassen. Der Tag, ganz im Zeichen dieser Blautöne, kann beginnen. Vorbei an den dänischen Inseln Lolland und Falster sind die Kreidefelsen der Insel Møn in der Ferne auszumachen. Zwischen Hiddensee und dem schwedischen Trelleborg weitet sich die Ostsee.

Im Abendlicht

Das schöne Bornholm liegt vor Schweden, gehört aber zu Dänemark. Dahinter ändert sich der Kurs, wir fahren nördlicher. Nun geht es zwischen der schwedischen Insel Gotland und Lettland weiter. Wir queren die zentrale Ostsee, um dann in den Finnischen Meerbusen einzubiegen.

Ein ganzer Tag und zwei Nächte auf dem Wasser, doch die Zeit fliegt dahin. Schreiben, essen, lesen. Aufs Meer schauen. Stundenlang. Jedes Mal, dass ich mich in diesem Blau verliere, in dieser Bewegung der Masse, jedes einzelne Mal wird mir bewusst, dass es niemals enden wird, dass ich ein Teil davon bin.

Dass das Meer für die Erde wie das Blut in menschlichen Adern ist. Absurd, es zu nutzen, zu benutzen, auszunutzen, bis es nur noch eine leere Brühe ist. Auch wenn ich vom Leben im Meer nichts sehe, hier, so weit oben. Auch wenn wir mehr Schiffe sehen als Vögel. Schließlich weiß ich, dass sie im Meer sind, das die Welt unter Wasser existiert, dort draußen: die Pflanzen, Muscheln, Fische und die Schweinswale.

Blaue Stunde

Text und Fotos: Elke Weiler

Meine Reise nach Finnland und auf die Ålandinseln wurde von Finnlines und Feelgood Erlebnisreisen unterstützt.

  1. Ach wunderbar – Enten und Hunde auf derselben Fähr, die wir benutzt haben 🙂 Danke Elke für deinen schönen Bericht, wer die Überfahrt aus Familiensicht erleben will schaue im nordicfamily – blog 🙂 zum Aufs Blau schauen und träumen kam noch bei uns, dass wir auf den langen Überfahrten viel gezeichnet und gemalt haben.

    Beste Grüße die nordicfamily – geertje

    • Danke, liebe Geertje! Witzig wäre ja noch gewesen, wenn wir auf der selben Fahrt gewesen wären! Bin ja schon gespannt auf eure einsame Insel! LG, Elke

  2. „Jedes Mal, dass ich mich in diesem Blau verliere“ hört sich traumhaft an! Auch die Fotos erzeugen eine unbändige Fernweh in mir – alles sieht verdammt schön aus. <3

  3. Pingback: In Heiligenhafen und auf Fehmarn | Ostsee mit Hund

  4. Pingback: Helsinki – Naantali. Oder wie ein kaukasischer Mechaniker alles gab.

  5. Ach ja, da möcht ich doch am liebsten auch gleich wieder los! Die Reise mit den Finnlines-Schiffen über die ganze Ostsee ist jedes Mal wunderbar entschleunigend…

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