Die Schweinswale und das Glück

Wann ich zum ersten Mal Schweinswale gesehen habe? 2011, im Geburtsjahr von Meerblog. Ich war unterwegs in Dänemark, genauer gesagt auf der Insel Samsø, und startete mit einem ehemaligen Kutter zu einer Tour in den südlichen Kattegat. Schweinswale standen dabei nicht auf dem Programm, es ging um die Entwicklung Samsøs zur Öko-Insel.

Umso schöner war es, als wir zufällig drei von den kleinen Walen sichteten, die flott aus dem Wasser hüpften und wieder abtauchten. Sogleich habe ich gefragt, ob es sich um Delfine handelte – diese Ähnlichkeit! Doch man klärte mich auf. Wir hätten den Typ „marsvin“ gesichtet, kleiner als Delfine, der Kopf runder.

Irgendwie knuffiger. Wie der Wal wohl zum Schwein kommt? Es muss am typischen Schnaufen oder Schnäuzen der Schweinwale liegen. An jenen Lauten, die sie beim Auftauchen von sich geben. In Dänemark heißt der kleine Wal daher „marsvin“ – Meerschwein. Das herkömmliche Meerschweinchen übrigens auch.

Schon zwei Jahre später lernte ich das norwegische Wort für Schweinswal: „nise“. Dieses Mal waren wir ruhiger unterwegs, glitten im Kajak über den Aurlandsfjord. Ein Schweinswal zeigte sich gleich mehrmals in unmittelbarer Nähe, und diese Begegnung hat nicht nur mich beeindruckt. Auch der Kajakguide meinte, so nah bekäme man im Fjord selten einen „nise“ zu Gesicht.

Nur vor die Linse wollte er nicht.

Fast wirkte es so, als hätte der kleine Wal freundlich gelächelt.

Erst später erfuhr ich, dass es an den leicht hochgezogenen Mundwinkeln liegt. Bis zur dritten Begegnung vergingen drei Jahre, und wieder war es Zufall. Auf dem Heimweg von Helgoland zum Festland schaute ich eine Ewigkeit lang aufs Meer. Ziemlich weit vom Boot entfernt konnte ich hüpfende Wale erkennen. Waren es zwei oder drei? Egal, ich war glücklich.

Schweinswale sind die einzigen auch in der heimischen Nord- und Ostsee beheimateten Wale. Als ich letzte Woche vom Niendorfer Hafen aus loszog, um mit einer eher gemütlich fahrenden Motoryacht ein Stück die Lübecker Bucht entlang zu schippern, suchte ich zum ersten Mal nach ihnen.

Wir suchten. Grasten die blauen Wogen mit Blicken ab. Der Wind sollte zum Mittag hin auffrischen, so hielten wir uns in Küstennähe auf, wo das Wasser ruhiger war. Ist es zu bewegt, sind die kleinen Walen schwer zu erkennen. Nur selten hüpfen sie delfinartig aus dem Wasser.

Wer etwas sieht, schreit laut!

Meist tauchen sie nur kurz an der Wasseroberfläche zum Atmen auf. Doch der Sommer gilt als gute Zeit für Walbeobachtungen an Nord- und Ostsee. Vor allem vor Sylt und rund um Fehmarn sollen sich viele tummeln. Dabei gelten die Schweinswale als Einzelgänger. Im Sommer hingegen lassen sich auch Mütter mit Kindern blicken.

Doch die Stellnetze der Ostseefischer machen ihnen zu schaffen. Nicht selten verirrt sich ein Wal in den feinen Plastiknetzen, eine meist tödliche Falle. Hinzu kommen Umwelteinflüsse wie Pestizide aus der Landwirtschaft, Bewegung und Lärm auf den Schifffahrtsrouten eines vielbefahrenen Meeres.

Werden wir Schweinswale sehen? Fast rechne ich nicht damit. Ich sitze auf dem Boden am Sonnendeck des Bootes, kein Platz ist mehr frei. Wir reduzieren die Geschwindigkeit, stellen das Echolot ab, fahren langsam und blind weiter.

Die lautlose Falle, das Stellnetz

Doch auf dem Boden hockend kann ich das Meer nicht richtig beobachten. Also stehe ich auf, irgendwo, wir sind noch ein gutes Stück vor Boltenhagen. Prompt kommt der Ruf: „Da! Schweinswale!“ Wohl eine Mutter mit ihrem Kind. Mal sind sie etwas weiter weg, dann tauchen sie plötzlich in unserer Nähe auf.

Hatte ich bei Helgoland noch vermutet, so eine Schweinswalsichtung würde Glück bringen, weiß ich nun nach vier Begegnungen ganz sicher: Sie zu sehen, ist Glück. Pures Glück. Am schönsten war es im norwegisches Fjord, als wir im Kajak unterwegs waren. Ähnlich ist es auch dem für den WDC arbeitenden Biologen Fabian Ritter ergangen, als er vor der Westküste von Sylt im Kajak unterwegs war.

Sichtung vor Sylt © Fabian Ritter | WDC

Zurück in Nordfriesland mache ich Pläne. Sylt ist nicht weit von uns entfernt. Und ich hoffe auf ein Wiedersehen mit lächelnden kleinen Walen.

Text und Fotos (außer Aufmacher): Elke Weiler

Aufmacher: Das grandiose Schweinswal-Bild hat Charlie Philipps in Schottland für den WDC schießen können.

Noch ein paar Infos:

Schweinswale in der Nordsee und Ostsee könnten bis zu 24 Jahre alt werden, erreichen jedoch häufig nur ein Alter von 15 Jahren. Sie wiegen 50 bis 70 Kilo, wenn sie erwachsen sind und können 1,4 bis 1,9 Meter lang werden. Sie leben küstennah, und doch sehen wir sie selten.

„Es gibt kaum Wal- oder Delfinarten, die so unauffällig sind“, weiß Fabian Ritter. „Es ist eine Kunst, sie zu entdecken.“ Das Hörvermögen der kleinen Wale reicht von 16 bis 140 kHz. „Sie sehen mit den Ohren“, meint der Biologe. Sowie mit der Echolokation. Dabei werden Schallimpulse ausgesendet. Die schnelle Abfolge von Klicks wird als Echo zurückgeworfen und ist wesentlich effektiver als etwa ein Ultraschall.

Ein ausgewachsenes Tier frisst fünf Kilo Fisch am Tag, darunter Dorsch, Hering, Sprotte und Sandaal. Der Schweinswal wiederum wird von Orcas und Kegelrobben gerissen sowie von Delfinen gejagt und in die Luft geschleudert, was für ihn tödlich endet.

Die größten Probleme verursacht allerdings der Mensch durch Fischerei, Lärm, Verschmutzung, Klimawandel und die Zerstörung des Lebensraums. Mehr Infos zu den Schweinswalen in Nord- und Ostsee findet ihr beim WDC.

Gemeinsam mit anderen NGOs wie NABU und OceanCare fordert WDC mehr Schutz für die in der zentralen Ostsee vom Aussterben bedrohte Walart. Da geht es um alternative Fangmethoden für Stellnetzfischer ebenso wie um die Reduzierung von Unterwasserlärm.

Im Zusammenhang mit der Überfischung hat Greenpeace einen „Einkaufsratgeber Fisch“ herausgebracht, der als App, Poster oder kleines Heft erhältlich ist.

Do you love the sea?

Mit Dank an WDC (Whale and Dolphin Conservation) Deutschland und an das zu den Green Pearls® zählende Hotel Sand am Timmendorfer Strand sowie Tourismus Schleswig-Holstein für die Einladung zu dieser Reise!

Im März 2013 bin ich zum ersten Mal im Hotel Sand gewesen, die seitdem konsequent ihren Weg in Richtung Nachhaltigkeit weiterverfolgen.

  1. Liebe Elke, vielen Dank für diesen tollen Beitrag 🙂 Schön zu lesen, dass es dir auf unserer Reise gefallen hat! Und dass du schon so oft Glück hattest mit den Schweinswalen..
    Liebe Grüße,
    Ela

    • Danke dir, liebe Ela! Nun gib es zu, ihr hattet einen Deal mit dieser Schweinswal-Mama! Liebe Grüße von den Ålandinseln! Elke

  2. Liebe Elke
    Vielen Dank für den schönen Artikel. Wir haben die Schweinswale in Frühling auf Fünen erlebt. Mein Sohn war im Wasser beim Angeln, als die Wale plötzlich auftauchten und um ihn rum schwammen. Ein wahnsinniges Erlebnis!
    Liebe Grüsse
    Ellen

    • Liebe Ellen,

      wie super genial ist das denn!

      Jetzt möchte ich gleich mal nach Fünen fahren. Aber ich versuche es erst mal Sylt.

      Danke dir! Liebe Grüße aus Finnland!

  3. Pingback: Der Beginn meines Boat-Roadtrips nach Finnland und Åland

  4. Pingback: Meeresrauschen – vom Glück, am Wasser zu sein | Mit Verlosung!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.