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Die Lichter der Küste

Das massige Schwarz bewegt sich, und das Plätschern klingt wie eine leise Melodie. In der Mitte, und nur dort, geht die Nachtfarbe des Meeres in die des Himmels über. Darüber die Sterne. Je dunkler ringsherum, desto heller und größer, desto mehr sind es.

Fast stören mich die Lichter der Küste, die das stille Spektakel der Nacht links und rechts eingrenzen. Sie ist so zivilisiert, die Ostsee. Hier, in der Lübecker Bucht.

Ich denke an den Dorsch da draußen. Einer von ihnen hatte an einer Angel sein Leben gelassen, wurde mit dem Fischkutter in den Niendorfer Hafen gefahren, um direkt gegenüber, in der Fischkiste, auf meinem Teller zu landen.

„Im Winter ist er fest, das ist die beste Zeit für Dorsch“, sagt Inhaber Tommy Röger. Seit 48 Jahren betreiben Rögers das Restaurant, anfangs nur mit acht Tischen. Inzwischen mit Wintergarten und im Sommer open air. Am Hafenblick hat sich nichts geändert. Außer, dass sie für die neue Absicherung der Küste bei Sturm eine Art gläsernen Deich gebaut haben. Damit die Gäste auch weiterhin in den Hafen gucken können.

Im Niendorfer Hafen

Der Dorsch jedenfalls war fest und lecker. Mit Wurzelgemüse, Senfsoße und Petersilienkartoffeln. Obwohl der Frühling angefangen hat, meteorologisch und auch gefühlt. Mit einem Himmelsblau, das intensiver kaum sein konnte. Bei Sonnenschein, der weit mehr als die gemessenen 6,5°C suggeriert hat.

In den Cafés von Timmendorfer Strand sonnten sich die Schönen und möglicherweise Reichen bei einem Latte Macchiato. Am Strand tollten die Hunde junger Paare und Familien durch die Gegend – bis Mai noch ohne Leine.

Der Sand knirscht unter meinen Winterstiefeln, und ich spüre mitten in dieser sternenklaren Nacht den Wunsch, die bloßen Füße darin einzugraben. Nach diesem Winter, der so grau und lang und kalt war, hat der Frühling mit einem furiosen Auftakt begonnen.

Winterstimmung

Eine Explosion der Farben und Gerüche, und nun dieses Sternenzelt. Mich wundert, dass ich die einzige am Strand bin. Am nächsten Morgen ziehe ich wieder in die selbe Richtung. Von meinem Hotel aus falle ich quasi an den Strand, ich kann das Meer von meinem Zimmer im vierten Stock sehen. Was für ein Luxus. Da passt es nur, dass das Hotel Sand heißt.

Ich überquere die Einbahnstraße der 30er Zone und schlage den kleinen Weg ein. Vorbei an der ersten Strandreihe, den Kiefern und Strandhäuschen direkt auf den schmalen, langen Strand. Die Nordic Walking Stöcke schleifen über Hindernisse, klacken über die überall verstreuten Steine.

Immer wieder bleibe ich stehen, um Muscheln, Möwen und das Meer zu fotografieren. Das Aus für jede sportliche Ambition. Bevor ich mich am Mittag wieder auf den Weg nach Niendorf mache, dieses Mal mit Marion Muller vom Hotel Sand und ihrer Hündin Jule, schaue ich noch im Sealife vorbei.

Ich bewundere eine Japanische Riesenkrabbe, amüsiere mich über den Asiatischen Kurzkrallenotter, der mit einem Zweig im Maul putzig durch die Gegend läuft, und erwische zwei Seepferdchen beim Tête–à-tête. Haben Nagelrochen etwa ein zweites „Gesicht“ auf der Unterseite? Es sieht so aus.

He’s looking at you.

„Bitte nicht ins Becken fassen!“ Auch ohne diese Warnung hätte ich den Kleinfleckigen Katzenhaien nicht meine Finger angeboten. Bald scheint hier Fütterungszeit zu sein, sie recken schon die Mäuler aus dem Becken.

Oder dieser lustige Braunflecken-Igelfisch, sucht er nicht eindeutig Kontakt zu mir? Unablässig glotzt er mich an. Im Hintergrund ein imposanter Pazifischer Rotfeuerfisch. Aber auch der gelb-weiße, etwas kastige Kuhfisch gefällt mir gut.

Und plötzlich schwimmt ein Schwarzspitzen-Riffhai über meinem Kopf hinweg. Wäre mir das in natura und nicht in einem Aquarium passiert, hätte ich vermutlich seinen Namen nicht gewusst. Die Meere sind schließlich nicht beschildert. Auch hatte ich vor meiner Reise nach Timmendorfer Strand noch nie etwas von Gelbrand-Füsiliers gehört.

Es ist ein bisschen wie Tauchen ohne Nervenkitzel. Darum läuft vermutlich auch die Leitmelodie dieses Taucherfilms mit Jean Reno und Jean-Marc Barr im Hintergrund: Im Rausch der Tiefe.

Meerfarben in der Hafen-Töpferei

Zurück am Strand, mit Jule und ihrem Frauchen unterwegs laufe ich bis zum Niendorfer Hafen. Wir plaudern mit den Frauen der drei Fischer, die ihre Verkaufsbuden geöffnet haben. Zur Zeit sind hauptsächlich Dorsch und Scholle im Angebot. Wir werfen einen Blick auf die blauen und türkisen Tassen der niedlichen Hafen-Töpferei. Meerfarben auf Ton.

Der gute Mann kann hier tagtäglich mit Hafenblick töpfern. Gleich vor dem freien Strand von Niendorf kehren wir im Café Strandvilla ein. Und können uns gar nicht mehr lösen von der Kuchenvitrine, verschlingen mit unseren Blicken die Torten und Blechkuchen – alles selbstgemacht.

Das Café ist auch gleichzeitig Galerie, und ich verliebe mich in ein Ferkel. An den Wänden lachen uns nämlich Schweine auf buntem Hintergrund an. Der Kuchen ist wunderbar, und der Bergsalbei schmeckt im Teewasser wie frisch auf Sizilien geerntet, per Hand in Beutelchen gepackt und fertig für den Genuss am Nachmittag.

Immergrün

Schade, dass ich schon wieder nach Hause fahren muss.

Text und Fotos: Elke Weiler

Vom Frühling zum Sommer an der Ostsee: Kommt mit nach Neustadt in Holstein – nicht nur zur Yoga am Strand…


Mit Dank an Hotel Sand, Restaurant Fischkiste und Café Strandvilla, die diesen Aufenthalt unterstützt haben.

9 Gedanken zu „Die Lichter der Küste“

  1. Pingback: Tête-à-tête der Seepferdchen | ReiseblogsReiseblogs

    1. Danke, Janett! Ja, habe ich kurz gesehen. Es gibt dort einen zum Buddhismus Konvertierten, der mindestens drei Häuser in der ersten Strandreihe aufgekauft hat…

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