Erdbeersahne im Hafen

Glücklich, wer in einem Hafen gelandet ist. Am Abend habe ich noch eine Runde gedreht, um das Terrain zu erkunden, die Marina von Neustadt in Holstein. Am Morgen dem Ausrollen der Ostseewellen in der kleinen Bucht zugeschaut und mich versuchsweise in einen der Strandkörbe gesetzt, als noch keiner draußen war.

Beim Frühstück die Erste zu sein, ist für meine Verhältnisse ungewöhnlich. Doch die Nacht war so ruhig und erholsam, dass ich früh aufgewacht bin. Und es ist Sommer, davon möchte ich keine Sekunde verpassen. Außerdem habe ich einen Termin am Strand: Yoga im benachbarten Rettin. Noch ist der Strandparkplatz wie leergefegt, als ich Ente Emilia abstelle und zur Wasserkante hechte.

Morgen-Yoga am Meer

Doch ich bin zwei Minuten zu spät, sie liegen alle schon auf ihren Matten oder Handtüchern im Sand und widmen sich dem Atmen. Also lege ich mich unauffällig dazu, grüße die Nachbarin und atme mit. Nach den Entspannungs- folgen die Dehnübungen. Fast alle tragen Sonnenbrillen, nur ich bin ohne und versuche nach Möglichkeit die Augen zu schließen. Die Sonne auf meiner Nase, Schweißtropfen auf der Stirn, das Meer als Dolby-Sound-System.

Was für ein Ort für eine Yoga-Stunde.

Und Rettin wirkt so ruhig und verhalten, ganz im Gegenteil zu Scharbeutz, das ich am Abend zuvor besucht hatte. Dort tobte der Bär am Strand. Umsonst und draußen ein wunderbares Konzert in der Beach-Lounge, die nackten Füße im Sand, die Musik vermischt mit dem Klatschen der Wellen. Zur blauen Stunde bin ich am Strand entlangspaziert, der sich langsam leerte.

Scharbeutz kommt zur Ruhe.

Denke ich zuviel bei der Yoga? Egal, ich konzentriere mich wieder auf die Übungen, kehre zurück zum Moment. Höre die Stimme der Yoga-Lehrerin, versuche ihre Anweisungen umzusetzen, wenn auch nicht eins zu eins. Fasse den festen Vorsatz, an dieser Stelle zu Hause weiterzumachen. Dann ist die Stunde auch schon zu Ende, und ich kehre zurück zum Hotel nach Neustadt, tiefenentspannt.

Nach dem Duschen leihe ich mir eines der coolen Bambusfahrräder im Hotel aus, um von der Marina ins Städtchen zu radeln. Neustadt in Holstein ist nämlich ein weißer Fleck auf meiner Karte. Und das Schöne am Radfahren ist ja, dass es nicht nur den Rhythmus gegenüber dem Autofahren verlangsamt, es ändert auch die Perspektive, und du entdeckst ganz andere Ecken. Außerhalb der großen Ströme.

In der Marina

So strampele ich einen schmalen Pfad entlang eines abgesperrten Gebiets „An den Gleisen“ und nehme am Ende die Wieksbergstraße. Rechts geht es in den Hafen, links Richtung Zentrum. Überall Verbotsschilder im Hafen, der mal lebenswichtig für Neustadt war. Werden hier noch Güter be- oder entladen? Und wie viele Häfen hat Neustadt eigentlich?

Ich beschließe erst einmal, das Rad in der Nähe des Fischbrötchen-Schiffs abzustellen und über die Hafenbrücke in Richtung Altstadt zu laufen. Zwar ist das Städchen schon über 770 Jahre alt, doch aus den Mittelalter ist kaum etwas erhalten außer der Stadtkirche und dem Kremper Tor.

Pagodenspeicher in Sicht

Links von der Brücke führt ein schmaler Weg zum Binnenwasser. Ein Gebäude aus dem 19. Jahrhundert mit bizarrer Dachkonstruktion nennt sich passenderweise Pagodenspeicher, wird aber heute nicht mehr als Getreidelager sondern als Eiscafé und Pizzeria genutzt. Auch im Hafen fallen ältere Backsteinarchitekturen auf: der Hornsche Speicher, ein Fachwerkgebäude von 1824, der Alte Wasserspeicher, heute ein Restaurant, sowie der sogenannte Bauerndom, zwei in die Höhe ragende Silos aus den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts.

Dieses Mal lasse ich mich von den ganzen Warnhinweisen im Hafen nicht beeindrucken, folge stur den Lock-Schildern mit einem rosa Kleeblatt. „Glücks“ steht drauf, und mein Gespür für gute Cafés lässt mich auch dieses Mal nicht im Stich. So lande ich vor einem Backsteingebäude aus den 20er Jahren unweit des Kais.

Kuchen mit Aussicht

Es handelt sich um die ehemalige Konservenmilchfabrik von Karl Lagerfelds Vater Otto. Während Bärenmarke aus dem Allgäu kam, stand Glücksklee für den Norden. Vorbei die Zeiten, als die Welt noch Dosenmilch konsumierte. Als aus der mit einem Milchdosenlocher zweifach gepieksten Dose die Kaffeesahne floss, die meine Ur-Oma gerne mit viel Wasser trank, wenn sie nicht gerade den Kaffee damit aufhellte.

Heute trinkt die Welt Cappuccino oder Soja-Latte. Ich hingegen stehe auf Presskannen- oder Filterkaffee, den ich im „Glücks“ zur Erdbeertorte bestelle. Die Glücksklee-Fabrik avancierte zum Haus der Manufakturen und dient heute als Café, Eventlocation und Galerie. Arbeitsräumlichkeiten können angemietet werden. Was ich auf dem Teller habe, zählt zu den legendären Kuchenkreationen der Neustädterin Edda David.

Wo einst Lagerfelds Papa in Dosenmmilch machte.

Was man sich im „Glücks“ vor allem wünscht, ist mehr Leben im Hafen. Und dass es hier weitergeht, auch nach dem Ende der Ausstellung. Für Neustadt ist das industrielle Ambiente am Hafen ein Glücksfall. Und wenn ich beizeiten mal wieder vorbeischaue, werde ich hoffentlich die Blaubeer-Giotto-Torte probieren können.

Nun aber radele ich zurück zum „Arborea“-Hotel, denn ich will mir ein Board ausleihen und und beim Stehpaddeln die kleine Bucht neben dem großen Yachthafen erkunden. Man schlägt mir vor, wegen des ablandigen Winds nicht zu weit hinaus zu fahren, falls ich kein Profi sei. Innerhalb des durch Bojen markierten Gebiets sei ich außerdem sicher vor kreuzenden Booten.

Doch viel Betrieb auf dem Wasser herrscht nicht. Nur ein paar ankernde Yachten, entfernte Fetzen von Musik schallen in die Bucht. Dann nur noch der Wind, der übers Wasser streicht. Ein paar Kinder und Erwachsene stehen oder schwimmen versuchsweise, doch es treiben sich Quallen im seichten Wasser herum, in diesem hellen Türkisgrün.

Ich drehe meine Runden, zücke ab und an die kleine Unterwasser-Kamera, um eine der gelatinösen Spezies zu filmen. Die Medusen faszinieren mich. Diese Eleganz und Schwerelosigkeit! Allerdings sind auch Feuerquallen unter ihnen, da ist Vorsicht geboten. Fasziniert suche ich das Wasser rechts und links ab. Immer wieder gleiten sie an mir vorbei, unter dem Board durch und weg sind sie.

So verliere ich das Gefühl für die Zeit an dieser Grenze zwischen der Welt über und unter Wasser.

On the board again…

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Ostsee-Holstein-Tourismus, die meine individuelle Reise an die Lübecker Bucht unterstützt haben. Derweil sinniere ich über eine Rückkehr ans andere Meer für winterliche Aktivitäten. Eine Wanderung mit Lamas am Beach?

Wenn sie in deinem Hotel ein Gespür für gute Bücher haben.

  1. Mensch! Da hast du echt so gut wie vor meiner Tür gestanden. Ich freue mich mal was von einer anderen Bloggerin über mein Heimatstädtchen zu lesen! Nächstes Mal gehen wir aber unbedingt einen Kaffee zusammen trinken … und Trümmertorte naschen Fröhliches Entdecken wünsche ich Dir weiterhin! Liebe Grüße aus Neustadt sendet Finja von nordziele.de

    • Lieben Dank, Finja! Das würde mich sehr freuen, wenn wir beim nächsten Mal einen Kaffee zusammen trinken. Vielleicht im Herbst/Winter? Melde mich, sobald ich mehr weiß. Oder vielleicht zieht es dich ja auch mal an die andere Küste? Melde dich gerne! Liebe Grüße, Elke

  2. ingrid.weiler42@gmail.com

    Sind die Feuerquallen nicht sehr gefährlich?

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