Nordmeer Norwegen

Das schöne Schärendorf

Wir folgen dem Fisch. Aber anders, als es die Männer zu den Hochzeiten des lofotischen Dorschfangs getan haben. Es ist vielmehr ein kleiner Grätenfisch, eine Applikation auf der Strickmütze der Lofotingerin Gyri, die es uns angetan hat. Genauer gesagt: eine Schellfischgräte.

Obschon Frühsommer, kann es bei den ständigen Touren auf dem Wasser doch recht frisch und windig werden. Was mir fehlt, ist eine Mütze. Nicht zu warm allerdings. Eine norwegische Sommermütze. Gyris Gräte führt uns vom Hauptort der Lofoten, Solvær, ins etwa 26 Kilometer entfernte Henningsvær.

Genau wie Nusfjord zählte auch Henningsvær einst zu den wichtigsten Umschlagplätzen der Lofotfischerei. Doch schon bei der Anfahrt fällt uns der Unterschied auf: Der heute immerhin über 500 Seelen umfassende Ort verteilt sich auf mehrere Schäreninseln.

Außerdem scheint mehr los zu sein als im beschaulichen Nusfjord. Viele kleine Geschäfte profitieren von der Beliebtheit Henningsværs. Leider sind wir noch etwas früh für vorsaisonale Einkäufe unterwegs, denn laut der ausgeschilderten Öffnungszeiten geht es erst um 11 oder 12 Uhr los.

Es trocknet der Fisch...
Es trocknet der Kabeljau.

Doch Gyri, die selbst unweit von Henningsvær wohnt, kennt sich aus und ruft die Ladenbesitzerin eines Geschäftes kurzerhand an. Es geht um die Grätenmützen, die gute Frau lässt uns auch außerhalb der Zeiten herein. Vorher schlendern wir noch durch den halb schlafenden Ort, entdecken eine Art Concept Shop, eine Mischung aus Café, Patisserie und Einrichtungsgeschäft, und trinken einen Kaffee.

Auch die Keramikwerkstatt „Engelskmannsbrygga“ hat ein großes Klappschild „Åpen“ vor das rostrote Holzhaus gestellt, einer ehemaligen Hafenanlage von zirka 1900. Im Innern verkauft Cecilie Haaland ihre Keramikarbeiten sowie die Fotografien ihres Mannes John Stenersen.

Aus Oslo kommt der Lehrer, Naturfotograf und Buchautor ursprünglich. Ein weiterer Wahl-Lofotinger, den die Liebe zur Natur hoch in den Norden gezogen hat. Wir erfahren: Im Sommer sind es die Touristen, die das Schärendorf mit Leben füllen, und im Winter die Fischer, die wie früher auf Kabeljau-Jagd gehen.

Come in and have a look.
Come in and have a look.

Auch wenn sich die Bedingungen geändert haben – hart ist die Arbeit auf dem Wasser immer noch. Wer einen Eindruck vom wilden Wintermeer, den Stürmen und dem Kampf zwischen Mensch und Tier bekommen möchte, besucht die Kunstgalerie „Lofotens Hus“ im Hafen von Henningsvær.

Im einstigen Salzfischlager des Gebäudes wird heute eine Ton-Bild-Schau gezeigt, Schlachtschuppen und Hauptteil stehen den Exponaten statt dem Kabeljau zur Verfügung. Der Schwerpunkt liegt bei nordwegischer Kunst um 1900, doch auch zeitgenössische Künstler wie Karl Erik Harr sind vertreten, ein Neo-Romantiker.

Eines seiner Lieblingssujets ist ohne Zweifel das Meer im Extremzustand: stürmisch, wild, eine Naturgewalt, vom Menschen nicht bezwingbar.

Michelin-Männchen unterwegs
Michelin-Männchen unterwegs

Selbst wenn es an Tagen wie diesen so harmlos wirkt. Für uns ist es nämlich mal wieder an der Zeit, die Floating Suits und Rettungswesten überzustreifen. Dieses Mal geht es mit dem Henningsværer Rolf auf Seeadler-Safari.

Mit dem Schlauchboot gleiten wir über ein stilles Bilderbuchmeer. „Im Fjord ist das meistens so“, gesteht Rolf. Nur wenn der Wind aus Südwesten käme, kann es Wellengang geben. „Aber die Leute mögen das – mehr Action!“ Rolf wählt in diesem Fall einen geschützteren Weg – näher an den Schären vorbei.

Seehunde, Austernfischer, Möwen und sogar die gesuchten Seeadler erscheinen wie auf Bestellung. Zugegebenermaßen hilft Rolf bei Letzteren etwas nach. In den steilen Felsformationen der Küste finden die Greifvögel ideale Reviere, und der Bootstourenguide kennt ihre Plätze genau. Bis zu drei Mal täglich sucht er sie im Sommer auf.

Sport in den Schären
Sport in den Schären

Der Fisch zur Raubtierfütterung steht schon bereit. Rolf wirft, das Lockfutter klatscht hörbar auf die Wasseroberfläche, und siehe da: Mit aller Zeit der Welt segelt ein beeindruckender Greifvogel hinab, greift zielgerichtet nach dem Fisch und erhebt sich mit der Beute in die Lüfte.

Es ist unser letzter Tag auf den Lofoten, und doch sind wir nicht traurig. Denn für den Abschluss unserer Nordnorwegen-Reise steht noch ein absolutes Highlight auf dem Programm: eine Walsafari vor Andenes.

Wir freuen uns auf die Vesterålen. Werden wir dort riesigen Pottwalen begegnen?

Henningsværer Architektur
Henningsværer Architektur
Scandinavian Lifestyle
Scandinavian Lifestyle
Durch diese rote Gasse...
Durch diese rote Gasse muss sie gehen.
Lofomat?
Lofomat?
Bye bye, Henningsvær!
Bye bye, Henningsvær!

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Innovation Norway, die diese Reise ermöglicht haben.

Autor

Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

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