Im Dorf des Dorsches

Mitternachtssonne!

Von Ende Mai bis Mitte Juli bleibt es hell auf den Lofoten, erzählt Paolo, der zweite Lofotinger, dem wir auf unserer Reise begegnen. Er ist nicht der einzige Italiener im Nordwesten Norwegens. Und längst nicht der einzige Zugezogene.

Wegen des Golfstroms profitieren die Lofoten, die zwar auf dem selben Breitengrad wie Grönland liegen, von gemäßigten Temperaturen, was eine Durchschnittstemperatur von -1°C in den kältesten Monaten bedeutet. Und im Sommer um die 12°C im Schnitt.

„Im Winter haben wir hier viel Nebel“, meint Paolo und deutet auf ein tomatenrot gestrichenens Haus. Wir haben die Insel Flakstadøy durch den Nappstraumentunnel erreicht. Immer über die E 10, die sich 170 Kilometer durch die Inselgruppe zieht. Auch die Infrastruktur der Lofoten hat von Norwegens Ölreichtum profitiert.

Paolo erklärt: Der Hausherr des knallroten Hauses wollte auch bei schlechten Sichtverhältnissen vermeiden, dass wieder einmal ein Lastwagen in sein Hab und Gut rollt. Deswegen die besonders intensive Farbe.

Ein Dorf sieht rot.

Zwar gibt es seit 2007 eine Straßenverbindung von der Inselgruppe zum Festland, doch wir sind ganz klassisch auf dem Seeweg in Stamsund gelandet – mit einem Schiff der Hurtigruten.

Unser erstes Ziel auf den Lofoten heißt Nusfjord – ein Ort so niedlich wie sein Name? Wir sind gespannt. Um uns herum Schneeflecken auf den an die 1000 Meter steil hinaufragenden Bergen. Bizarr bis surreal wirkt das Ambiente im hellen Abendlicht.

Vor 10.000 Jahren hat die Eiszeit den Stein geformt wie eine kapriziöse Künstlerin. Zerklüftete Küsten, Strände wie auf den Seychellen, die Fjorde, das Meer – eine spektakuläre Umgebung.

Paolo erzählt, dass es drei Mal so viele Schafe wie Einwohner auf den Inseln gibt. Was auch nicht weiter schwierig ist, denn auf 1227 qkm Fläche leben nur an die 24.000 Menschen. Landwirtschaft wird in Maßen betrieben, ein wenig Kohl, Kartoffeln, Möhren.

Und dann die Erdbeeren. Wegen der Mitternachtssonne seien sie besonders süß. In diesen Genuss kommen wir allerdings nicht mehr, denn dann müssten wir bis August bleiben.

Ein paar Worte zum Dorsch.

Doch eigentlich bilden Dorsch und Tourismus die Lebensgrundlagen der Lofoten – und für beides ist Nusfjord ein Paradebeispiel.

„Hier hatten sie schon ein Jahr vor New York Strom“, behauptet Paolo, als wir das Fischerdorf erreichen. Jedenfalls steht die Hütte des alten Elektrizitätswerk von 1905 noch – es war wohl das Dritte, das in Norwegen errichtet wurde.

Auch das weiße Haus von 1910, das die Eisblöcke zur Fischkühlung lagerte, existiert noch. Die Schmiede, die Sägemühle, die Bootshäuser – zum Teil mit Original-Werkzeug. Ein Teil Nusfjords mutet wie ein Freilichtmuseum an.

Da passt es ja, dass das ganze Dorf einer privaten Firma gehört, die die gut erhaltenen Fischerhütten für den Fremdenverkehr nutzt. Genau dort beziehen wir Quartier. Schauen zwei Einheimischen beim Filetieren von Dorschen am kleinen Hafen zu und steuern mit knurrenden Mägen das Karolinen-Restaurant an.

Wo ist was?

Das ehemalige Stockfisch-Haus verfügt über große Fensteröffnungen, die früher glaslos für ausreichende Durchlüftung des kostbaren Inhaltes sorgten. Heute tischen hier Jim und Veronica auf, ein junges, engagiertes Pärchen.

Sogar ihr neun Monate alter Nachwuchs und damit der zweitjüngste Einwohner des Ortes darf heute Abend die Gäste anlächeln. Seine Mutter stammt von den Lofoten. „Sie gehörte zu den Kindern, die mit ihren flinken, schmalen Händen die Dorschzungen, eine Spezialität, auf dem frischen Fang schnitten“, erzählt Ehemann Jim.

Doch heute Abend kommt Walfleisch-Carpaccio mit Preiselbeeren auf die Teller, Dorschfilet und Crème brûlée auf norwegische Art. Noch immer werden Minkwale vor der norwegischen Küste harpuniert – allerdings mit Fangquote und Veterinär an Bord.

Das Interesse der Norweger an einem Zwergwalsteak lässt jedoch immer mehr nach. Minkwale zählen zu den gefährdeten Arten, die nicht nur durch die Jagd, sondern auch durch die Verschmutzung der Meer und Beifang in Fischernetzen bedroht sind. Norwegen hat Einspruch gegen das internationale Moratorium eingelegt.

Wo man einst vom Dorsch lebte.

In der Küche Norwegens wird das Walfleisch als günstiger Ersatz für Rindfleisch verwendet. Noch argumentiert man besonders im Norden Norwegens mit der Tradition. Doch verglichen mit der Kabeljau-Fischerei ist der Walfang nur ein marginales Unternehmen.

Was der Dorsch und das Geschäft mit dem Stockfisch für die Lofoten bedeutete, ist in Nusfjord auf Schritt und Tritt nachvollziehbar. Um 1900 galt es als größtes Fischerdorf auf den Lofoten, heute als einziges so perfekt erhaltenes.

Die homogene Bebauung stmmt aus dem späten 19. bis frühen 20. Jahrhundert. Die wassernahen Rorbu-Hütten auf Stelzen, in denen wir übernachten, wurden einst für die Wanderfischer erbaut.

„Stellt euch den Geruch vor: Die Männer lebten in den Häuschen auf engstem Raum, machten nicht sauber, rauchten…“ Jim weiß, wie die Hütten aufgeteilt waren, auch für die Köchin und das Equipment musste Platz auf kleinstem Raum geschaffen werden.

Der Tante-Emma-Laden

Sogar der einzige Tante-Emma-Laden des Dorfes trägt Nostalgie-Look. Das Gebäude ist von 1907, oben Holz, unten Stein, und im Innern sticht nicht nur die historische Kasse ins Auge. Alte Werbeschilder, Regale, Schubläden, Bänke neben dem, was der Nusfjorder von heute so braucht.

Nicht zu vergessen die Souvenirs. Filzschuhe oder Beerenseife? Noch ist das sympathische Dorf nicht von Gästen überschwemmt wie im Hochsommer, wenn es Tausende in den 35-Seelen-Ort zieht. Sie haben die Fischer abgelöst, die im Winter einst dem Fisch folgten.

Doch davon gibt es wieder reichlich in den Gewässern vor Nusfjord, wie wir am nächsten Tag auf der Angeltour mit dem Fischer Swein erfahren werden. Für heute genießen wir die Mitternachtsonne im schönsten Dorf der Lofoten.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Innovation Norway, die diese Reise ermöglicht haben.

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Elke Weiler
Meerbloggerin, Buchautorin und Journalistin. Hat Kunstgeschichte u.a. in Rom studiert, als Redakteurin bei Burda gearbeitet, aber die meiste Zeit als freie Reisejournalistin. Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee, bloggt und schreibt an den nächsten Büchern.

5 Kommentare

  1. Elke, du hast keine Kabeljauzunge gegesssen? Und statt dessen Walfleisch?! Ich fand die Zungen gar nicht so übel, hatte eigentlich was von Fischstäbchen :D An Wal würde ich aus Prinzip nicht gehen… Aber mal ehrlich, die Lofoten sind wirklich traumhaft nordisch :)
    LG Claudi

    • Die Zungen haben wir am nächsten Tag gekriegt, und ehrlich gesagt: Ich fand sie nicht so toll… Ansonsten versuche ich vor Ort immer lokal zu essen. Und am liebsten Tiere, die vorher glücklich waren. Wenn es denn überhaupt sein muss.

      Komisch finde ich, dass die Vesteralen so ein bisschen im Schatten der Lofoten stehen, aber darüber kommt noch mehr… ;-)

      LG, Elke

  2. […] Jim vom Karolinen-Restaurant in Nusfjord hat uns schon einiges übers Fischen erzählt. Meist zieht der begehrte Skrei, der Winterkabeljau, von Januar bis März auf der Wanderung zu seinen Laichplätzen die norwegische Küste hoch. So war die Saisonfischerei schon seit Jahrhunderten essentiell für die Lofoten – Mitte des 19. Jahrhunderts erreichte sie ihren Höhepunkt. […]

  3. […] wie Nusfjord zählte auch Henningsvær einst zu den wichtigsten Umschlagplätzen der Lofotfischerei. Doch schon […]

  4. […] ist einer von jenen Orten. Auf Anhieb fühlen wir uns wohl in dem Fischerdorf auf den Lofoten. Es ist nicht viel los, die Saison hat noch nicht begonnen, jetzt im […]

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