Das Schweigen der Lava

Das Erste, was ich von Island sehe, sind Schneeflecken. Denke ich zumindest. Doch bei abnehmender Höhe entpuppen sich die Flecken als Schaumkronen in Gruppenformation. Dann taucht eine schwarze Kirche über karamellfarbenem Grund auf. Sie gehört, so scheint’s, zu Keflavik.

Schneeflecken auf moosigen Steinen. Eine Mondlandschaft. Aber der Mond ist tot, während Island selbst unter der dicken Wolkendecke zu leuchten scheint. Warum das so ist? Vielleicht werde ich in den nächsten Tagen eine Antwort darauf erhalten, vielleicht auch nicht.

Wir fahren in Richtung Reykjavík. Schwarze Straßen, die ins Nirgendwo führen. Häuser, die einsam in der Landschaft dem Sturm trotzen. Keine Bäume. Dafür Steine im Überfluss. Lavabrocken, die seltsam lebendig wirken. Die von Trollen bewohnt sind?

Lavafeld auf Snæfellsnes
Die Lava lebt.

„Von den Elfen“, sagt Jón Baldur. Inzwischen haben wir Reykjavík erreicht, dass auf einem Lavastrom erbaut wurde. Seine Erhebungen seien von Elfen bewohnt, daher spricht man auch von der Stadt der Elfen. Die Lava formt Figuren, Gesichter, Körper – und es braucht nicht viel Fantasie, ihre Lebhaftigkeit zu erkennen.

Vielleicht ist es das. Die Erde lebt, und auf Island merkt man es ganz deutlich. Nicht erst, wenn ein Vulkan, dessen Namen die Welt nicht aussprechen kann, den Flugverkehr lahmlegt und das beflissene Europa in seine Schranken verweist. Welchen Anteil hat der Eyjafjallajökull am Boom der Insel, die beliebter kaum sein könnte?

Wie eine Kathedrale

Jón Baldur meint, der Vulkan trage auf jeden Fall Mitschuld. Jedes Mal, wenn wir an einem Lavafeld vorbeifahren, finde ich Gefallen an den bizarren Formen. Eigentlich bin ich nicht der Typ, der gerne unterirdisch unterwegs ist. Doch die Lavahöhle Vatnshellir („Wasserhöhle“) am Fuße des Snæfellsjökull gleicht einer Kathedrale, geformt vom Architekten Erde. Wir steigen durch ein Loch ins Innere, das rundherum von Schnee bedeckt ist.

Loch im Schnee

Stilistisch zeigt sich die Lava-Kathedrale von äußerster Raffinesse, dabei ist sie gute 8000 Jahre alt. Unser Guide mit dem passenden Namen Þór, also Donnergott Thor, schwenkt die stärkste Taschenlampe in der Hand – er trägt die Macht des Lichts mit sich in dieser schwarzen Einsamkeit der Höhle.

Wir sehen Lava, die wie flüssige Schokolade erstarrt ist, die wie hunderte Fledermäuse an der Decke hängt, die Köpfe und andere Gliedmaßen von Trollen formt. Einen riesigen Tisch, einen passenden Stuhl. Das Geröll unter unseren Füßen knirscht und klackt, ich beleuchte jeden Schritt.

Dann der große Moment. „Macht alle eure Lampen aus! Für eine Gedenkminute“, schlägt Þór vor. Sein Donnergottlicht knipst er als Letzter aus. Was folgt, ist ein scheinbar endloses Schweigen im schwärzesten Nichts meines Lebens. Auch das stete Tropfen des Wassers, das durch die Poren der Höhle dringt, nimmt der Monotonie nichts.

Tour mit dem Donnergott

Ich schließe die Augen, um die Schwärze als Nacht zu empfinden, und bin ganz bei mir. Ich warte auf ein Wort von Þór. Alle warten, sechzig Sekunden erscheinen endlos. Endlich bricht Þór die Stille, die Leere, die Reizlosigkeit auf. „So war es jahrtausendelang hier unten. Nur das Wasser und die Dunkelheit.“

Es ist uraltes Wasser, das Þór mit einer Kelle aus einer Lavamulde herausholt und trinkt: „Es macht mich ständig jünger!“ Wir lachen. Und probieren auch. Das beste Wasser ever, schön kühl und rein. Alle dürfen ihre Lampen wieder anschalten, wir platzieren uns für ein Gruppenbild. „Ohne Blitz“, bittet Þór. „Sonst sehen wir den Troll im Hintergrund nicht.“

Bakterien haben sich in der Vatnshellir angesiedelt, wir sehen silberne Schlieren an der Decke. Sonst nichts und niemand. Der unglückliche Polarfuchs, der vor einigen Jahrzehnten in die Höhle eingebrochen war, verhungerte in der Einsamkeit.

Wir finden sein Gerippe, der Schädel fehlt. „Ein Tourist hat ihn mitgenommen“, weiß Þór. Die Menschen sind seltsame Geschöpfe, aber das ist nicht neu. Mitten in der Höhle zeigt ein Schild in Richtung Stromboli. Einmal quer durch die Erde steigen und durch den italienischen Vulkan wieder herauskommen – wie im Roman „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ von Jules Verne.

Jeder Schritt ist besonders.

„Kommt, wir gehen Pizza essen.“ Isländischer Humor. Stattdessen krabbeln wir zurück durch das Eingangsloch der Höhle. Wie neugeboren am einzigen Sonnentag unserer Islandreise. Im Rücken der Snæfjellsjökull mit dem vielleicht ungewöhnlichsten Gletscher der Eiszeitgeschichte: Wie ein kapriziöses Hütchen thront er auf der Spitze, so gar nicht gletscherlike.

Waffeln mit Rhabarber

Dazu noch die meiste Zeit verhüllt, einen Wolkenschleier vor die Nase gezogen, eine geheimnisvolle Persönlichkeit. Der Berg erinnert an das Majestätische des Fujiyama, auch wenn er nicht mal halb so hoch ist. Statt Pizza essen wir Waffeln mit Sahne und Rhabarberkompott bei Sigrí∂ur im „Fjöruhúsid“.

Waffeln!
Muss sein.

Es ist nicht weit weg. Ein Knusperhäuschen an der Klippe mit einer Terrasse für den Sommer und Blick aufs Meer. Möwen nisten gegenüber an den steilen Felshängen, ihr Geschrei und Gezeter schallt bis zu uns hinüber. Sonst nichts als der Wind.

Abends spaziere ich am schwarzen Strand von Snæfellsbær entlang. Ein guter Tipp von Jón Baldur, der den Weg von Langaholt zur Wasserkante kennt. Keine Menschenseele weit und breit: nur ich und die wilde Natur – das ultimative Island-Gefühl. Denn auch das Meer ist anders rund um Island, unbezähmbar wie das ganze Land. Und ich kann jeden verstehen, der sich davon stark angezogen fühlt.

Allein der isländische Himmel

Das Verlorensein da draußen und die Schönheit der Erde zu spüren, die der Mensch größtenteils reguliert, verändert und unterworfen hat. Nun sucht er sie verzweifelt, die wilde Natur. Spucke noch mal in den Himmel, Eyjafjallajökull!

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an die Veranstalter Isafold Travel, Icelandic Farm Holidays, Elding und Icelandair, die diese Reise ermöglicht haben.

  1. Wir waren auch auf Snæfellsnes, allerdings im Sturm. Wobei man sich da schön in der Höhle hätte verstecken können!

    Lavacaving steht auch noch auf meinem Programm, aber nicht ganz oben 😉

    • Du bist schnell! 🙂 In der Höhle hatten sie ja einen Schneeeinbruch bei einem der Stürme. Daher ist sie bei schlechtem Wetter eh geschlossen. Aber die Sturmtage sind vorbei, oder? Und du Glücklicher bist ja noch auf Island!!!

  2. „Die Erde lebt, und auf Island merkt man es ganz deutlich“ trifft es ziemlich auf den Punkt. Und ich würde noch ergänzen: Man merkt, wie kraftvoll Natur sein kann, wie winzig man selbst. Etwas, dass man in Mitteldeutschland nicht unbedingt jeden Tag erfährt.
    Schön auch, von Vatnshellir zu lesen. Die Ursprünglichkeit der Höhle hat mich sehr beeindruckt: kaum Absperrungen, keine Ausleichtungen, und die die „Licht-aus“-Zeremonie am Schluss.

    Etwas gestutzt habe ich über deine Preisangabe bzgl. des Fluges…im Februar haben wir knapp €300 bezahlt – hin und zurück. Und auch im September war es nur geringfügig mehr.

    • Hi Rouven, danke dir! Das ist und bleibt Islands Erfolgsgeheimnis. Man verfällt der Insel sofort. Der Flugpreis bezieht sich auf Icelandair im April ab Frankfurt. Mit wem bist du geflogen? LG, Elke

  3. Mit Icelandair ab Frankfurt, daher wundert es mich. Vielleicht hatten wir einfach zweimal Glück…ich hatte aber bei meinen Besuchen im Abstand von zwei Jahren generell den Eindruck, dass Island wieder teurer wird. Wenn man sich den momentanen Boom und die Konsequenzen für die Isländer selbst anschaut, ist das vielleicht gar nicht so schlecht :/ Das Land braucht keinen Massentourismus.

    • Hi Rouven, ich meinte hin und zurück, was den Flug betrifft. Meintest du das auch? Ich glaube, von Massentourismus werden wir ohnehin nicht reden müssen. Dazu ist der Norden zu nordisch und wenig badetauglich. 😀

  4. Ich musste bei Marcs Kommentar schmunzeln. Genau das haben wir – Filius und ich – gemacht: An einem Sturmtag sind wir in die Höhle hinab. Ja, ja, der Fuchs… Wir haben den Schädel nicht entführt 🙂 Die Waffeln sehen gut aus. Das Date im Klippen-Café steht also! Warst du übrigens auch im Hotel Buđir (direkt bei der Buđirskirkja)? Die haben auch ganz fabelhaften Kuchen. Sonnige Grüße, Jutta

    • 😀 Das glaube ich dir, liebe Jutta!!! Fürs Klippen-Café brauchen wir also nur noch einen Termin! Wir haben in Langaholt übernachtet und leckeren Fisch gegessen – zubereitet von einem sehr lässigen Koch, der – wie vermutlich jeder Isländer – auch Musik macht. 🙂 Das Bu∂ir muss ich mir natürlich merken! Liebe Grüße und ein schönes Wochenende!!!

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  9. Ich bin schon ein bisschen neidisch. Island steht noch auf meiner Wunschliste an Traumzielen, die ich besuchen möchte. 🙂

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  11. island – ganz generell – steht ganz weit oben auf meiner wunschliste. was man nicht alles sehrn möchte/muss von dieser welt, um sie eines tages in frieden verlassen zu können…

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